Kunstvermittlung und Kunstkritik Schluss mit der Verehrung! Schluss mit der Verehrung!

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Museumsbesucher bekommen in Führungen erklärt, was Kuratoren und Kunsthistoriker für wichtig halten. Kritiker sollen Ausstellungen möglichst nicht kritisieren. Warum? Ein Plädoyer für die Freiheit der Kunstbetrachtung von Adrienne Braun.

Klassisches Dreieck: Führer(in), Besucher, erklärte Kunst Foto: Rudel
Klassisches Dreieck: Führer(in), Besucher, erklärte Kunst Foto: Rudel

Stuttgart - Das muss man sich mal vorstellen: Literaturkritiker müssten ein Gespräch mit Martin Walser oder seinem Verleger führen, ehe sie seinen neuen Roman rezensieren dürften. Man würde gemeinsam das Buch durchgehen, der Autor würde auf wichtige Zitate hinweisen und erklären, wie genial seine Motive, Figuren und Naturschilderungen korrespondieren. In der Pressemappe würden fertige Besprechungen liegen – damit die Kritiker erst gar nicht auf die Idee kommen, das Buch selbst noch zu lesen.

Undenkbar. In der bildenden Kunst ist es dagegen gängige Praxis: Ob in Museen, Kunstvereinen oder Galerien, Kritiker werden selbstverständlich angeleitet. Sie gehen nicht – wie andere Besucher – unvoreingenommen durch eine Ausstellung, sondern die Direktoren und Kuratoren erklären vorab, was das Herausragende ihrer Ausstellung ist. Beim Rundgang zeigen sie, was man sehen und am besten auch schreiben soll. Zur Sicherheit verteilen die Pressereferenten noch druckreife Texte.

Der nette Service der PR-Abteilung

Ein netter Service? In den Museen hat man die Erfahrung gemacht, dass die meisten Journalisten höchst dankbar für dieses Angebot sind – und selbstverständlich Formulierungen übernehmen wie „Schätze“, „Meisterwerke“ und „Glanzstücke“. Sie schreiben über „millionenschwere Kollektionen“ und „herausragende Qualität“, über „renommierte Maler“ und „prominente Sammlungen“. Warum auch nicht? Das Publikum pilgert schließlich am liebsten zu „hochkarätigen Meisterwerken“ und „millionenschweren Schätzen“.

Arme Kunst, arme Künstler. Ernst werden sie dabei nicht genommen. Würde man sie ernst nehmen, müsste man auch mal streiten und zanken, so wie beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt oder früher beim Literarischen Quartett, wo Texte mitunter gnadenlos abgewatscht wurden.

Über bildende Kunst aber wird nicht gestritten. Man beschreibt sie, man fühlt sich ein, man lobt und schätzt sie – oder hält sich notfalls diskret zurück. Aber kontroverse Debatten? Harte Diskussionen, ob dieser Künstler ins Museum gehört oder jenes Werk seinen Preis wert war? Es gibt sie nicht, schon gar nicht öffentlich.




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