Stadtkind Stuttgart

Kupfi-Resident Minhtendo im Porträt "Ich interessiere mich für jede Art von Musik"

Von Martin Elbert 

Minhtendo prägt als Resident den Club Freund und Kupferstecher am Berliner Platz. Jetzt wird er den neuen Donnerstag im Club übernehmen. Ein Porträt über einen der spannendsten Künstler aus der lokalen Clubszene.

An die Decks kam Minhtendo mehr oder weniger aus einem gewissen Frust heraus: „Wenn ich unterwegs war hat es mich gestört, dass immer das gleiche gespielt wird. So kam ich zum Auflegen - weil ich etwas an diesem Umstand ändern wollte.“ Foto: Melanie Kieß
An die Decks kam Minhtendo mehr oder weniger aus einem gewissen Frust heraus: „Wenn ich unterwegs war hat es mich gestört, dass immer das gleiche gespielt wird. So kam ich zum Auflegen - weil ich etwas an diesem Umstand ändern wollte.“ Foto: Melanie Kieß

Stuttgart - Dass im Freund & Kupferstecher am Berliner Platz außergewöhnliche Clubkultur geboten wird für Menschen, die gerne eine Spur neben dem Konsens feiern, ist hinreichend bekannt. Die Betreiber Felix Klenk und Christopher Warstat haben dabei nicht nur für auswärtige Acts einen fruchtbaren Nährboden geschaffen, sondern auch für ihren Resident Minhtendo. Anh Minh Vo ist das DJ-Gesicht des „Kupfis“.

Neben seinen Support-Tätigkeiten für Gast-Acts veranstaltet Minh gemeinsam mit dem OpenCircle, eine Crew aus kreativen Leuten wie Rapper, Grafikdesigner, DJs und Produzenten, die Eventreihe CloudClub, die sich visionären Clubmusikansätzen widmet, aufbauend auf den Grundmauern HipHop und Elektronik und sich rasant im Netz verbreitend - von Soundcloud direkt in den Club sozusagen. Der OpenCircle will darüberhinaus demächst Klamotten, Mixtapes und Kunst an die sichtbare Oberfläche spülen. Und ab dem 28. April kümmert sich Minhtendo um den neuen Donnerstag im F&K namens Zelle60.

Die Eltern hatte eine gute Plattensammlung

Minhtendo ist also nicht schlecht vernetzt für einen, der erst seit anderthalb Jahren in Stuttgart lebt und „die Sache“ mit dem Auflegen auch erst richtig ernst nimmt, seit es das Kupferstecher gibt. „Davor habe ich schon produziert und mit der Bass Gang aus Berlin ab und zu dort aufgelegt.“ Seinen Künstlernamen hat er dagegen schon ziemlich lange, nämlich seit der 3. Klasse, den anno dazumal „ein unbekannter Mensch durch den Schulflur geschrien hat.“ Die Frage, ob Minh gerne Nintendo zockt, haben wir uns erspart.

Im besten Zocker-Alter von 14 Jahren hatte er höchstwahrscheinlich keine Zeit für Spielkonsolen, denn da begann er an der Musikkonsolen Beats zu produzieren. „Damals war ich in einer krassen DJ-Premier-Pete-Rock-Phase und das habe ich dementsprechend versucht selbst umzusetzen. Mit der Zeit bekommt man andere Einflüsse und versucht sich in neuen Gebieten“, skizziert er eine Wurzel seines heutigen Schaffens.

Eine andere: Seine Eltern hatten eine recht fortschrittliche Plattensammlung, außerdem „wie es sich für Asiaten gehört, auch öfter mal Karaoke-Partys veranstaltet und mich mitgenommen.“ Musik sei schon immer ein Teil seines Lebens, betont er. „Ich interessiere mich für jede Art von Musik und lasse mich dementsprechend darauf ein und ziehe daraus die Dinge, mit denen ich mein Klangbild so formen kann, wie ich es haben will.“


Der Gang an die Decks erfolgte später mehr oder weniger aus einem gewissen Frust heraus: „Wenn ich unterwegs war hat es mich gestört, dass immer das gleiche gespielt wird. So kam ich zum Auflegen - weil ich etwas an diesem Umstand ändern wollte.“ Geändert hat sich zunächst das Leben des einstigen Students ziemlich schnell, als er erfahren hat, dass in Stuttgart mit dem Kupferstecher ein Club aufgemacht hat, der seine musikalische Nische bedient. Er nahm Kontakt zu Chris Warstat auf und bewies sich kurz darauf als lokales Stützrad für nationale und internationale Bookings. „Mir war da schon klar, dass es mit meinem Studium nichts mehr wird und ich habe dann die Jungs gefragt, ob ich auch in der Kupfer-Agentur 100 Meilen ein Praktikum machen kann. Long story short, ich nenne Chris jetzt Herr Ausbilder.“

Minh hat sich also voll und ganz der Musik und dem Kupferstecher in all seinen Facetten verschrieben. Als DJ sieht man ihn in Stuttgart außerhalb des Ladens am Berliner Platz selten, weil er sich dort eben am wohlsten fühlt. „Ich kann da spielen, was ich will und das Konzept vom Club stimmt mit meiner Sichtweise überein“, meint er zu seinem Resident-Job. Wenn er sein Zuhause mal verlässt, würde er sich zwar anpassen, „aber immer noch so, dass ich mit reinem Gewissen ins Bett gehen kann.“ Minh weiß genau, wo er als DJ steht: „Meine Musik findet nur Anklang, wenn das Publikum sehr offen ist.“



Wenn man an seinem Stil festhält, wird das wiederum in der DJ-Produzenten-Branche auf Dauer oft belohnt. Genauso arbeitet sich Minh mit seinem Sound aus träumerischen, wavy Klangeskapaden und vertrackten Beatstrukturen immer weiter hoch. Aktuell ist er mit LGoony und Crack Ignaz auf Tour, die, verkürzt gesagt, zu den Vertretern des „Cloud Raps“ zählen. In Wahrheit ist es, wie oft bei solchen Schubladen, immer etwas komplizierter. Zwischen den beiden Hauptacts und ihrer Stuttgarter Begleitung gibt es aber offenkundig eine klangliche Schnittmenge und die sind so oder so absolut Ellbogentanz-tauglich. Das ist wichtig im Jahr 2016.

Wie Minhtendo seine Musik bezeichnen soll, weiß er nicht. Speziell als Produzent sei ein starker HipHop-Einfluss da, meint er, aber das spiegele nicht seinen DJ-Style wieder. „Wenn ich Leuten erklären muss, was für eine Musik ich spiele, kommt es oft vor, dass sie eine falsche Erwartungshaltung haben und dann mit was ganz anderem rechnen.“ Er versuche aus allen Musikrichtungen und Kulturen seine eigene Suppe zu kreieren. Aktuell sei seine Playlist voll mit Funk, Disco und positiven Vibes. Wenn er das zusammen mixt, klingt das moderner, digitaler und getunter.



Abgesehen davon, heil von der Tour mit besagten LGoony und Crack Ignaz zurückzukommen, will Minhtendo bei seinem neuen Zelle60-Donnerstag im Kupfer neue, fortschrittliche Musik clubtauglich präsentierten, parallel arbeitet er an seiner nächsten EP und will so ganz nebenbei mit seiner OpenCircle-Gang zeigen, „dass es mehr DJs und Artists gibt, die Bock haben, etwas anderes zu machen.“

Was anderes machen - zum Abschluss noch ein Wort zum Stuttgarter Nachtleben? „Ich habe das Gefühl, dass sich das Nachtleben in einer Blase bewegt und alles, was da drin passiert, ist irgendwo berechenbar. Das wirkt dann auch mal oberflächlich, weil ich glaube, dass viele den Druck haben, ein bestimmtes Image zu halten. Ich bin auch ein Teil davon, ob ich will oder nicht. Wenn einem das egal ist, ist das Stuttgarter Nachtleben geil.“

Mehr Infos: www.facebook.com/Minhtendo, www.soundcloud.com/minhtendo