Kurheime: Land finanziert Koordinierungsstelle Erste Hilfe für Verschickungskinder
Das Land Baden-Württemberg finanziert den Aufbau einer Koordinierungsstelle, die aufklären soll, was in den ehemaligen Kurheimen vorgefallen ist.
Das Land Baden-Württemberg finanziert den Aufbau einer Koordinierungsstelle, die aufklären soll, was in den ehemaligen Kurheimen vorgefallen ist.
Stuttgart - Sie erzählen von schlimmen sechs Wochen. Die Erholung, die offiziell zum Besten der Kinder sein sollte, war für viele der zur Kur geschickten Kinder eine Zeit von Ohnmachtserfahrungen, des Zwangs, trotz Ekels essen zu müssen, und des nicht enden wollenden Heimwehs. Als vor einem Jahr durch die ersten Berichte einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, was sich in vielen Kindererholungsheimen der Bundesrepublik noch bis in die achtziger Jahre zugetragen hat, schrillten auch im baden-württembergischen Sozialministerium die Alarmglocken.
Das Bundesland ist, so sagt es eine vom Berliner Nexus-Institut für die Initiative Verschickungskinder zusammengestellte Übersicht, mit mehr als 15 144 (Stand 1964) das Land mit den meisten Plätzen in Kindererholungsheimen. Gefolgt von Nordrhein-Westfalen (14 877), Bayern (13 574), Niedersachsen (10 670). Aber die Betroffenen erzählen nicht nur von zum Teil traumatischen Erlebnissen. Sie fordern auch Aufklärung. Und sie sehen die ehemaligen Träger, als auch die Politik in der Verantwortung, die Aufklärung voranzutreiben und zu unterstützen. Auch finanziell.
Einen Anfang macht nun Baden-Württemberg vorerst aus Eigenmitteln des Sozialministeriums, nachdem der Doppelhaushalt 2020/21 bereits verabschiedet ist. „Wir unterstützen die baden-württembergische Regionalgruppe der Verschickungskinder auch finanziell dabei, eine wie auch immer gearteten Koordinierungsstelle aufzubauen“, sagt Sebastian Altemüller. Er ist Leiter des Referats Schutzkonzepte im Sozialministerium. Für 2020 und 2021 stehen mindestens 20 000 Euro jährlich zur Verfügung. Außerdem überlegt man im Sozialministerium, wie man die gute Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv aus der Zeit der Aufarbeitung des Schicksals der Heimkinder auch für die Verschickungskinder fortführen und auf sichere finanzielle Füße stellen könnte. Bundesweit gilt die Erforschung der Heimkindererziehung durch das Landesarchiv Baden-Württemberg als beispielhaft.
Um bei der anstehenden Erforschung auf möglichst viele Dokumente zurückgreifen zu können, fordert Clemens Rehm, Abteilungsleiter des Landesarchivs, vorerst ein Moratorium. „Alle Akten, die über die Betroffenen etwa bei Heimträgern oder den zuständigen Aufsichtsbehörden als Kern der Überlieferung entstanden sind, dürfen nun nicht mehr weggeworfen werden. Auch wenn die Aufbewahrungsfristen abgelaufen sind.“ Das sei für Betroffene und auch für die Forschung wichtig. Er rät dazu, mit den zuständigen Archiven in Kontakt zu treten. Dass vieles bereits vernichtet worden sein könnte, zeigt ein Blick auf die Aufbewahrungsfristen, wie sie die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg für ärztliche Unterlagen vorgibt. Sie reichen von einem Jahr bis zu 15 Jahren. „Auch wenn eine Aufbewahrungsfrist abgelaufen ist, ist es dennoch nicht ausgeschlossen, dass noch Dokumente vorhanden sind“, sagt Nastasja Pilz, vom Heimkinder-Projekt.
Bereits am 27. Mai haben die Familienminister der Länder beschlossen sich für ein bundesweites Forschungsprojekt stark zumachen. Den Antrag hatte der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha (Grüne) zusammen mit seiner niedersächsischen Kollegin Carola Reimann (SPD) und seinem Kollegen Heiner Garg (FDP) aus Schleswig-Holstein eingebracht. Es gehe nun darum, die Geschehnisse in den Heimen, die Anzahl der Betroffenen und die institutionellen, strukturellen, individuellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umfassend aufzuklären, hatte Lucha damals gesagt. Jetzt legt er nach: „Ich fordere alle beteiligten Akteure zur aktiven Mitarbeit auf. Klar ist: Ohne die Betroffenen und deren Erfahrungen und Hinweise wird diese Aufarbeitung nicht stattfinden können. Wir werden sie nicht im Stich lassen, in der wissenschaftlichen Aufarbeitung am Ball bleiben und ihre Selbstorganisationsstruktur mit Finanzmitteln fördern.“
Im Moment bereitet Sebastian Altemüller das dritte Treffen der Arbeitsgruppe aus ehemaligen Trägern der Kindererholung, der Heime, der Rentenversicherung, des Landesarchivs und Vertretern der Verschickungskinder vor, bei dem weitere Schritte beschlossen werden sollen.
Dort wird auch wieder Andrea Weyrauch mit am Tisch sitzen. Sie ist die baden-württembergische Landeskoordinatorin der Initiative und hat die Coronazeit zusammen mit anderen Betroffenen genutzt, um ein Konzept zu entwickeln, wie die wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufarbeitung im Land zusammen mit den verantwortlichen Institutionen aussehen könnte. Dafür brauche es jedoch Geld. „Auf die ideelle Unterstützung muss nun auch die finanzielle folgen“, sagt Weyrauch. In einer gemeinsamen Aufarbeitung sieht sie auch für die an der Verschickung beteiligten Institutionen die große Chance, aus der Rolle als ehemalige Täterorganisationen herauszutreten und konstruktiv an der Erforschung und Lösung beteiligt zu sein.
Auch in Schleswig-Holstein haben sich im August die Länderbeauftragten der Verschickungskinder-Initiative mit dem Sozialminister Garg und der Landesvorsitzenden des Kinderschutzbundes getroffen, um weitere Schritte zu besprechen. Dabei geht es auch um Hilfen für Betroffene bei Recherche im Landesarchiv. Finanziell sehe man aber den Bund bei der länderübergreifenden Aufarbeitung in der Pflicht und verweist auf den Forschungsantrag, der dem Bundesforschungsministerium vorliegt. Das Bayerische Familienministerium hat die Träger von Heimaufsicht und Jugendhilfeeinrichtungen angewiesen, Akten zu sichern. Nordrhein-Westfalen bündelt im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales gerade die Verantwortlichkeit für die Stiftung Anerkennung und Hilfe, das Thema des Medikamenteneinsatzes an Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen (1949 bis 1975) und das Thema Verschickungskinder in einem Referat. Gespräche mit den Betroffen sollen folgen, erklärt ein Sprecher.
Stuttgart -