Wie Martin Georg Cohn den Eltinger Schlammbrüdern zur Ansiedlung des bedrohten Insekts verholfen hat.

Leonberg - Michael Kast hatte die Hoffnung schon aufgegeben: Hirschkäfer in heimischen Gefilden, davon war der Chef der Schlammbrüder überzeugt, die wird es nicht geben. Zulange hatte die Umweltgruppe des Bürgervereins Eltingen versucht, das auf der Roten Liste Deutschlands stehende Insekt in Leonberger Wäldern anzusiedeln.

 

Dazu hatten die Naturschützer sogar probiert, den Hirschkäfern in einem speziellen Meiler, eine Art Brutkasten, einen idealen Lebensraum zu bieten. Sind doch die Käfer mit den geweihartigen Scheren besonders anspruchsvoll.

Ansiedlung des seltenen Hirschkäfers schlägt fehl

Bis zu 80 Zentimeter tief legen die Weibchen ihre Eier in Totholz und alten Wurzeln ab. Bis zu acht Jahre bleiben die Larven im Untergrund und fressen verpilztes Holz. Kommen sie als Käfer in die Freiheit, währt ihr Leben nur noch vier Wochen lang. 230 Arbeitsstunden hatten die Schlammbrüder schon investiert, um das stark gefährdete Insekt bei uns heimisch zu machen. Doch alle Bemühungen schienen vergebens. „Wir hatten geschafft wie verrückt“, erinnert sich Michael Kast. „Aber es gab einfach keinen Hirschkäfer.“

Unerwarteter Lebensraum in menschlicher Siedlung

Es war der Anruf eines Mannes, der gemeinhin nicht im Verdacht steht, ein ausgewiesener Spezialist für bedrohte Arten im Wald zu sein, der die Lage grundlegend änderte. Der Leonberger Oberbürgermeister meldete sich beim Chef der Schlammbrüder. Zuhause an seiner Fensterscheibe, so berichtete Martin Georg Cohn (SPD), habe er ein besonderes Insekt entdeckt. Das könnte vom Aussehen her ein Hirschkäfer sein.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Über 200 Arten blühen in Schlammbrüder-Biotopen

Kast wollte das zunächst gar nicht glauben, sah sich dann aber in Cohns Wohngegend um: „Da gab es wirklich angefressene Eichen, die auf den Hirschkäfer hindeuteten.“ Der OB hatte unterdessen seinen ungewöhnlichen Besucher vorsichtig in einen Kasten mit Löchern gehoben. Da der Käfer in seine Wohnung gekrabbelt war und Cohn ihn nicht von seinem natürlichen Lebensraum weggenommen hatte, durfte er ihn transportieren. Er brachte ihn zu Michael Kast, der ihn umgehend in den Meiler in Eltingen setzte.

Hirschkäfer-Weibchen am Eltinger Blick gefunden

Das entscheidende Ereignis gab es ein paar Tage später. Die Schlammbrüder hatten den Oberbürgermeister zu einem Rundgang zum Eltinger Blick eingeladen, dem Aussichtspunkt ganz oben auf der früheren Kreismülldeponie bei Warmbronn. „Schauen Sie mal, ist das nicht auch einer?“, fragte Cohn seine fachkundigen Gastgeber. Michael Kast traute seinen Augen nicht: Der OB hatte tatsächlich einen Hirschkäfer entdeckt: „Ein prachtvolles Weibchen“, frohlockte der Ober-Schlammbruder. „Wenn sie begattet ist, gräbt sie sich ein.“

Und tatsächlich: Vor den erstaunten Blicken der Naturschützer buddelte sich die Hirschkäfer-Dame in den Untergrund. Nun ist Geduld angesagt: In drei bis acht Jahren, so erwartet Kast, können bei guten Bedingungen aus den Larven neue Hirschkäfer schlüpfen. Trotz dieser langen Wartezeit hat Kast für den OB aber jetzt schon einen Ehrentitel: „Ziehvater der Leonberger Hirschkäfer“.

Der Hirschkäfer

Auffällig
Der Hirschkäfer gehört zu den größten und auffälligsten Insekten Europas. Den Namen erhielt das Insekt wegen des geweihartig vergrößerten Oberkiefers der Männchen. Der Hirschkäfer war Insekt des Jahres 2021.

Bedrohung
In der Roten Liste Deutschlands wird der Käfer als „stark gefährdete“ geführt. Auch in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU ist der Hirschkäfer gelistet. Das bedeutet, dass besondere Schutzgebiete im Rahmen der „Natura 2000“ eingerichtet werden sollen. Der sinkende Bestand geht vor allem auf den Verlust seines Lebensraums zurück. Der Hirschkäfer bevorzugt lichte Wälder, sonnige Waldränder, ist aber auch in offenem Parkgelände zu finden, etwa in Obstwiesen, Gärten, Parks oder Alleen. Wichtig als Lebensraum sind für den Käfer vor allem Baumstümpfe.

Funde
Wer einen Hirschkäfer findet, sollte diesen Fund mit einem Foto dokumentieren und dann auf einem Meldeportal, etwa bei der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) oder dem Nabu melden. So entsteht ein guter Überblick über die Verbreitung. „Jeder kann mit einer gemeldeten Beobachtung dazu beitragen, diese gefährdete Art zu schützen, denn nur wenn wir wissen, wo die Tiere vorkommen, können wir sie auch erhalten“, schreibt die LUBW.