Kurioser Hingucker in Grafenau Das Puppen-Paar der Marquardts ist Kult im Ort – die Geschichte dazu persönlich

, aktualisiert am 21.04.2026 - 15:53 Uhr
Isabell und Joachim Marquardt mit ihrem Puppenduo. Foto: Langner

Kinder wie Erwachsene erfreuen sich an den lebensgroßen Puppen in Isabell Marquardts Vorgarten in Grafenau-Dätzingen. Uns hat das Ehepaar erzählt, welche Geschichte dahintersteckt.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Wenn Rosa und Eugen auf ihrem Bänkle in dem kleinen Vorgarten in der Dätzinger Kirchstraße sitzen, schauen Passanten neugierig zu ihnen hoch, machen Fotos und reden, rätseln oder schmunzeln einfach über die beiden. Dem Seniorenduo macht das nichts aus. Die zwei sitzen einfach weiter regungslos da und lächeln still vor sich hin. Was sollten sie auch sonst tun? Eugen und Rosa sind Puppen.

 

Isabell Marquardt platziert das Duo Jahr für Jahr von etwa März bis Oktober vor ihrem Hauseingang. Dabei zieht sie den beiden jedes Jahr etwas anderes an. In dem Grafenauer Teilort ist der witzige Hingucker längst zu einer festen Institution geworden. Was viele nicht wissen: Hinter den Puppen verbirgt sich eine persönliche Geschichte.

Die Inspiration kommt aus dem Berchtesgadener Land, wo Isabell Marquardt und ihr Mann Joachim früher gerne Urlaub gemacht haben. „Da sind immer diese Strohpuppen gestanden“, erzählt die 62-Jährige von der dortigen Tradition, menschengroße Figuren in Trachtenkleidung als Dekoration im öffentlichen Raum aufzustellen. „Mich hat das immer schon fasziniert“, erklärt Isabell Marquardt, warum sie diesen Brauch gerne auch bei sich zu Hause übernehmen wollte.

Im vergangenen Jahr trug das Puppenpaar Arbeitskleidung. Foto: privat

Also recherchierte sie im Netz und fand dort lebensgroße Stoffpuppen, die sie mit Papierschnipseln und Wolle ausstopfte. Für die Gesichter besorgte sie zwei Masken, die den beiden das Aussehen eines älteren Ehepaars verlieh. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Duo in gewisser Weise auch das Vermächtnis zweier echter Menschen, denn die zwei tragen Sachen aus dem Kleiderschrank von Joachim Marquardts Schwiegereltern. Ihre Namen waren Rosa und Eugen.

Die Puppen in Grafenau tragen Kleidung der verstorbenen Schwiegereltern

Beide sind bereits vor einigen Jahren verstorben. Als ewig lächelndes und inniglich händchenhaltendes Puppenpaar bleiben Rosa und Eugen nun sozusagen unsterblich – wobei Isabell und Joachim Marquardt ihre vor etwa sieben oder acht Jahren gestartete Tradition selbst nicht unbedingt als sentimentales Totengedenken ansehen. „Ne“, sagt die Dätzingerin, „wir hatten uns einfach überlegt, welche Namen am besten passen.“

Die Kirchstraße im Blick Foto: Langner

Außerdem steckt wohl auch eine gute Portion schwäbischer Pragmatismus dahinter. Nachdem als letztes die Schwiegermutter verstorben war und es darum ging, das leer stehende Haus auszuräumen, wollte Isabell Marquardt schließlich die Kleider nicht einfach wegwerfen oder weggeben. Also beschloss sie, die Puppen damit einzukleiden.

Jedes Jahr verpasst sie ihnen dabei ein neues Outfit: Einmal war es der Sonntagsanzug beziehungsweise das Sonntagskleid, ein anderes Mal zog sie ihnen Arbeitskleidung an. Dazu stattet sie die zwei immer wieder mit unterschiedlichen Accessoires aus, zum Beispiel Stricksachen oder einer kleinen Hündchenfigur, die sie eine Weile lang zwischen die beiden gesetzt hatte. In diesem Jahr trägt der Eugen Jackett und Hut und dazu verschlissene Stiefel, die Rosa ein Kopftuch und eine Schürze – die traditionelle Arbeitskluft der schwäbischen Hausfrau.

Ein paar Kinder in Grafenau begrüßen die Puppen auf dem Schulweg

Im Ort hat das kuriose Pärchen offenbar schon einen gewissen Bekanntheits- und Beliebtheitsstatus erreicht. „Ja, wo bleibt denn das alte Ehepaar“, werde Isabell Marquardt manchmal gefragt, wenn die Figuren gerade den Winter über drinnen im Haus lagern. Ein paar Kinder hätten die beiden auf ihrem täglichen Schulweg immer mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Oma und Opa!“ begrüßt. „Das fand ich so schön“, sagt die Rentnerin, die zuvor lange Jahre beim Bäckereibetrieb Sehne gearbeitet hatte.

Fast schon ein wenig erstaunlich ist, dass die beiden Figuren trotz ihrer prominenten Lage direkt oberhalb des Backhauses und auf einer viel genutzten Fußgängerstrecke von der Ortsmitte hinauf zum Wohngebiet am Nordhang von Dätzingen bisher von 1.-Mai-Scherzen oder anderen Streichen verschont geblieben sind. „Toi! Toi! Toi!“, sagt Isabell Marquardt, „bisher ist noch nichts passiert“.

Nur einmal sei vor ein paar Jahren die Maske der Oma-Figur gestohlen worden. Darüber war die Besitzerin sehr traurig. „Die kann ich nämlich so leicht nicht nachkaufen“, sagt die 62-Jährige. Um so erfreuter war sie, als nach einiger Zeit ein Mann sich meldete und erzählte, dass sein junger Sohn die Maske ein Stück entfernt gefunden habe. „Dem Bub hab’ ich dann zur Belohnung eine Schokolade gegeben“, erzählt Isabell Marquardt mit einem glücklichen Lächeln.

Vielleicht bekommen die Puppen in Grafenau noch zwei Enkel hinzu

„Do hogged dia, dia emmer do hogged“, steht auf einem Schild, das die Marquardts jedes Jahr hinter dem Puppenpärchen aufhängen. Den Spruch haben sie im Internet gefunden und für passend befunden. „Weil’s ja stimmt“, sagt die Dätzingerin verschmitzt.

Daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern. Es könnte allerdings durchaus sein, dass der Eugen und die Rosa bald Gesellschaft bekommen. „Ich bin gerade auf der Suche, dass noch zwei Enkel dazukommen“, plant sie noch zwei Figuren in Kindergröße ein. Darüber würden sich bestimmt ihre eigenen beiden Enkel freuen. Und wer weiß? Vielleicht bekommen sie ja ihre Namen.

Strohpuppen im Berchtesgadener Land

Almleben
Inspiration für das Grafenauer Puppenduo waren die Strohfiguren, die im Berchtesgadener Land im Freien stehen – oft als Paar in Dirndl und Lederhose gekleidet. Sie sitzen auf einer Bank, einem Holzschlitten oder stehen an Wegrändern. Sie symbolisieren das Leben auf den Almen und sind Teil der regionalen Tourismuskultur.

Strohmänner
Eine weitere Tradition in der oberbayrischen Region sind die sogenannten „Buttnmandl“. Das sind Männer, die zur Adventszeit in Anzüge aus Stroh gehüllt sind und den Nikolaus von Haus zu Haus begleiten. Sie tragen dabei schaurige Masken und Glocken, um den Winter auszutreiben.

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