Coronavirus in Baden-Württemberg 60 000 Schüler pauken bei „Lernbrücken“ freiwillig

Deutsch und Mathe stehen im Mittelpunkt der Sommerkurse zum Nachlernen. Foto: dpa/Arne Dedert

Ab Montag läuft die Operation Frühstart in den Schulen von Baden-Württemberg. Dann beginnen die Lernbrücken. Ihr Ziel: Lerndefizite aus der Zeit der Schulschließung abbauen.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Stuttgart - Vierzehn Tage früher in die Schule, um Mathe und Deutsch zu pauken? In normalen Zeiten würde dieses Angebot nicht viele Schüler oder Lehrer hinter dem – sommerbedingt natürlich ausgeschalteten – Ofen hervorlocken. Aber wegen Corona und der Lerndefizite, die während der Schulschließung von Mitte März bis Mitte Juni zum Teil entstanden sind, haben sich quer durch den Südwesten 61 500 Schüler und 6500 Lehrende zum Frühstart ins neue Schuljahr angemeldet.

 

1900 allgemeinbildende und mehr als 160 berufliche Schulen im Südwesten sind von Montag an bis zum offiziellen Schulstart Mitte September bei den „Lernbrücken“ dabei. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat sie ins Leben gerufen, um schwächeren Schülern die Chance zum Nachlernen versäumten Stoffs in den Kernfächern Mathematik und Deutsch zu verschaffen. Der Unterricht dauert drei bis vier Stunden und findet morgens in Lerngruppen von 16 bis 20 Schülern statt.

Pflicht ist das Ganze nicht, wie das Ministerium erklärt, die Teilnahme wurde Schülern mit Nachholbedarf vor den Sommerferien von ihren Klassenlehrern vorgeschlagen und ist freiwillig. Der Schwerpunkt der Angebote liegt in den Grundschulen, wo Lesen, Schreiben und Rechnen verstärkt geübt werden soll, und in der Sekundarstufe 1. Umgesetzt wird das Programm von den Schulen und Schulträgern in der Fläche. Die Resonanz ist, wie zwei Beispiele zeigen, unterschiedlich. In Stuttgart waren Ende Juli 46 Prozent der Grundschulen und 49 Prozent der weiterführenden Schulen bei den Lernbrücken dabei, wie der baden-württembergische Städtetag auf Anfrage bestätigte; in Ulm seien sogar 79 Prozent der Grundschulen und 100 Prozent der weiterführenden Schulen für die Lernbrücken am Start.

Land investiert 13 Millionen Euro

Wenn man bedenkt, dass nicht alle Bundesländer die Ferien für Sonderangebote zum Büffeln nutzen – zum Beispiel bleiben Bayern und das Saarland in dieser Hinsicht abstinent – sind die Lernbrücken im Südwesten mit großem Aufwand vorbereitet worden. Schon zwei Wochen vor den Sommerferien hat das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) des Landes Online-Veranstaltungen abgehalten, an denen 1700 Lehrer teilgenommen haben, und Unterrichtsmaterial bereitgestellt. Weitere Online-Sprechstunden werden in der fünften und sechsten Ferienwoche folgen. 13 Millionen Euro hat die Landesregierung nach Aussage von Ministerin Eisenmann im Landtag dafür bereitgestellt.

Wie groß die Lernlücken sind, die die Schulschließungen im Frühjahr verursacht haben, ist derzeit noch nicht bekannt. Aber Besorgnisse bei Eltern- und Lehrerverbänden, dass die aktuelle Schülergeneration wegen Corona dauerhafte Nachteile erleiden könnte, sind groß. Wie einträglich Bildung ist – und wie kostenträchtig Bildungslücken – ist eine Standardfrage, die Bildungsökonomen regelmäßig beschäftigt. Laut einschlägigen Studien bringt jedes Schuljahr mehr den Betroffenen im Durchschnitt ein zehn Prozent höheres Einkommen.

Verlorene Schuljahre verursachen im Umkehrschluss Einkommenseinbußen in gleichen Höhe. Auf dieser Basis hat der Bildungsökonom Ludger Wößmann errechnet, dass die coronabedingten Schulschließungen im Frühjahr für die betroffenen Schüler Einkommensverluste von drei Prozent für ihr gesamtes Erwerbsleben nach sich ziehen könnten. Das ist ein theoretischer Wert, für konkrete Studien über die Coronafolgen für das Bildungsniveau und die Einkommensperspektiven ist es noch zu früh.

Schuljahr beginnt mit Wiederholen und Vertiefen

„Mit den Lernbrücken bieten wir Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, Lernlücken, die durch die Schulschließung entstanden sind, aufzuarbeiten, und sich gut auf das kommende Schuljahr vorzubereiten“, betonte Eisenmann kurz vor dem Start der Lernbrücken. Dass das Programm – wie unter anderem die Lehrergewerkschaft GEW und die SPD im Landtag schon vor den Ferien kritisiert haben – nicht ausreicht, um alle entstandenen Lerndefizite auszugleichen, ist der Ministerin bewusst.

„Deswegen wird auch im beginnenden Schuljahr der Schwerpunkt darauf liegen, Inhalte zu wiederholen und zu vertiefen“, erklärte sie. Für jede Klasse müsse die jeweilige Schule zum Start nach den Ferien dokumentieren, welche Inhalte wegen der Corona-Zwangspause nicht vertieft behandelt werden konnten“. Die Ministerin geht davon aus, dass die Lehrer bei der Klassenübergabe im neuen Schuljahr dadurch den Lernstand ihrer Schüler genau kennen und ihren Unterricht darauf aufbauen können.

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