Kurswechsel an Stuttgarter Einkaufsmeile LBBW wirft Pläne an der Königstraße über den Haufen

Nun soll dort revitalisiert statt komplett abgebrochen werden: das LBBW-Areal (umrandete Fläche) zwischen Park und Königstraße, Schillerstraße und Marstallstraße. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Aufschlag vor rund zweieinhalb Jahren war gewaltig: Die LBBW-Immobiliengesellschaft wollte an der Königstraße auf 250 Meter Länge fast alles abreißen und ganz neu bauen. Jetzt legt sie den Rückwärtsgang ein.

Stuttgart - Die LBBW-Immobiliengesellschaft will ihren Gebäudekomplex auf dem ehemaligen Marstallgelände an der Königstraße nicht mehr vollständig abreißen und durch Neubauten ersetzen. Nach einer rund zweijährigen Sendepause in der Angelegenheit seitens der Grundstückseigentümerin gibt es nun eine andere Lösung. Nach Informationen unserer Zeitung strebt die Bauherrin einen Rückbau und eine Revitalisierung an. Ein Sachkenner sagte, auch das Hotel am Schlossgarten solle nicht mehr der Abrissbirne zum Opfer fallen, sondern unter Wahrung des Baukerns erneuert werden. Es ist kein Baudenkmal, vielen Stuttgartern aber ans Herz gewachsen.

 

Das ist der neue Sachstand

Der neue Kurs ist von Frank Berlepp, Sprecher der Geschäftsführung, von OB Frank Nopper (CDU) und von Städtebaubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) bei einem „Spitzengespräch“ erörtert worden. Möglichst noch im Jahr 2025, notfalls eben im Folgejahr, soll sich der rund 250 Meter lange Komplex am Anfang der Stuttgarter Einkaufsmeile neu und fertig präsentieren. Damit würde sich die Neuordnung einigermaßen einpassen in die Zeitpläne der Bahn für den Hauptbahnhof. Und sie würde noch vor der Internationalen Bauausstellung 2027 Stadt Region Stuttgart zu Ende kommen. Das könnte vermeiden, dass Besucher zum neuen Hauptbahnhof kommen und am Anfangspunkt der Königstraße eine Großbaustelle klafft. Die Stadtverwaltung habe den neuen Ansatz im Grundsatz begrüßt, erfuhr unsere Zeitung. Zwei Pressesprecherinnen der Bauherrin bestätigten: Es laufe gegenwärtig tatsächlich eine Neubewertung des Areals und des Vorhabens. Man führe Gespräche, befinde sich aber noch in einem „relativ frühen Stadium“ und gebe keine Details heraus. Sachkenner sagen, die Kursänderung sei gelaufen. Die LBBW erarbeite nun ein konkreteres Konzept, um die Neuordnung schneller auf pragmatischem Weg hinzubekommen – eben mit Transformation und Revitalisierung der Gebäude.  

So geht es weiter

Dem Gemeinderat soll vielleicht schon direkt nach den Sommerferien über die Entwicklung berichtet werden. Wirklich gebraucht wird er nur am Rande: Die Bauherrin will ohne neuen Bebauungsplan auskommen. Einzig für den Abriss des Überbaus der Theaterpassage brauche sie noch eine Befreiung von den geltenden Bebauungsplanvorschriften, heißt es im Rathaus. Die Stadtverwaltung hat allerdings noch diverse Arbeitsaufträge zu erledigen.

Darum ist die Sache komplex

Die Stuttgarter Straßenbahnen AG schmiedet Pläne, die Arnulf-Klett-Passage umzubauen. Und die Stadt will nach der Verlegung des Cityring-Abschnitts beim Hauptbahnhof von der Schillerstraße zur Wolframstraße auch den Arnulf-Klett-Platz oberhalb der Passage verändern, den Platz baulich besser „fassen“. Allerdings muss die Einfahrt zur LBBW-Tiefgarage, die momentan über eine Spindel möglich ist, auch künftig gewährleistet sein.

So will man jetzt baulich verfahren

Die Portionierung der großen Baumasse, die die Stadtverwaltung schon früher für wünschenswert erklärt hatte, könnte offenbar durch einen Umbau der Theaterpassage erreicht werden. Oder besser: durch einen Abriss. Denn nachher soll hier ein offener Bereich sein, fast wie eine Fußgängerzone. Der Preis der Planänderung ist, dass die früher erwogene Portionierung der Gebäudemasse durch eine Verlängerung der Kronenstraße bis zum Schlossgarten nun nicht mehr möglich ist. Nach wie vor aktuell ist, dass die bisherige Rückseite zum Schlossgarten aufgewertet werden soll, etwa mit Lokalen im Erdgeschoss. Dafür braucht man aber die Mitwirkung des Landes, dem der Schlossgarten gehört. Über Lokalen und Läden wird es Büros geben, ganz oben hält die Stadtverwaltung auch einen gewissen Wohnungsanteil für wünschenswert. Die Klassifizierung des Bereichs als „Kerngebiet“ lässt das zu.

Doch die Frage, ob der Lärm von Lokalen, Autos und Passanten nicht doch zu laut ist, bedarf noch der Prüfung. Mit Lichthöfen will die Bauherrin, etwa im früheren Karstadt Sport, Tageslicht in den Komplex und zu den Büros bringen. Da das Projekt ohne neuen Bebauungsplan realisiert werden soll, ist auch die Gebäudehöhe auf das jetzige Maß limitiert. Die Verwaltung sieht darin aber nach wie vor den richtigen Maßstab für Gebäude an der Königstraße. Gleichwohl könnte es einen architektonischen Gestaltungswettbewerb geben.

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Für Kultur bleibt eher wenig Fläche

Für die Kultur ist dem Vernehmen nach in den LBBW-Plänen nur noch eine kleinere Fläche im ersten Stock verfügbar. Gleichwohl soll sich Kulturbürgermeister Fabian Mayer offenbar überlegen, was für ein Kulturprojekt infrage kommt. Vielleicht ein Architektur-Schaufenster? Momentan möchte OB Nopper ein Architekturzentrum allerdings mit dem Haus der Kulturen auf dem Areal des bisherigen Kaufhof-Parkhauses beim Rathaus unterbringen. Früher war für die Königstraße 1–3 das neue Linden-Museum im Gespräch, zeitweilig auch ein neues Konzerthaus als Nachfolger einer Interimsspielstätte für die Oper. Das war aber zur Zeit der Neubaupläne – und schon damals räumten die LBBW und Bürgermeister Pätzold den Vorstoß der Initiative Aufbruch Stuttgart ab. Inzwischen gibt es auch einen Grundsatzbeschluss des Gemeinderats für die Opernhaussanierung am Eckensee und eine Interimsspielstätte in Stuttgart-Nord.

Das wird aus dem Schlossgartenhotel

Es soll in neuem Glanz erstrahlen – und beim Umbau mehr Zimmer mit Ausblick zum Schlossgarten bekommen. Sie will man von den heute noch üppigen Konferenzflächen abzweigen. Dafür ist das zweite Hotel, das im Neubauprojekt geplant war, gestrichen.

Die Vorgeschichte

Ursprungspläne
2019 hatte Unternehmenschef Berlepp auf der Basis von Abriss und Neubau ein urbanes und vitales Quartier angekündigt, in dem er auch Firmen der Automobilwirtschaft mit einer World of Mobility unterbringen wollte. Lediglich die unter Denkmalschutz stehende Bundesbank-Hauptverwaltung an der Marstallstraße wäre davon ausgenommen gewesen. Berlepp sprach von 20 000 Quadratmeter Fläche für Einzelhandel, von 14 000 Quadratmetern für Hotelnutzungen, 22 000 Quadratmeter Bürofläche, 4000 Quadratmeter Gastronomiefläche und etwa 3000 Quadratmetern für Kultur. Die genaue kulturelle Nutzung und der Umfang sollten mit der Politik und den Bürgern geklärt werden. Berlepp drückte aufs Tempo, wollte noch im Oktober 2019 einen Ratsbeschluss über den Auslobungstext für einen Architektenwettbewerb. Denn: Ende 2022 würden alle Mietverträge auslaufen.

Reaktionen
Die Resonanz war zwiespältig. Viele fanden das für zu gewöhnlich, einem so prominenten Standort nicht angemessen. Die Initiative Aufbruch Stuttgart erklärte, da drohe Mittelmaß, ein wenig inspirierter Mix. Die Chance zu einem großen Wurf werde wieder mal vertan. Die Initiative hatte schon zuvor eine Interimsspielstätte für die Oper als späteres Konzerthaus auf dem Areal unterbringen wollen. Dieses Ansinnen räumten die LBBW und Städtebaubürgermeister Pätzold aber umgehend ab. Der Gemeinderat reagierte im Prinzip wohlwollend, was die Neuordnung anging, forderte aber Mitsprache bei der Nutzung. Als Kultur-Aushängeschild kamen das Linden-Museum und das Haus der Kulturen ins Spiel. Mehrere Fraktionen forderten eine herausragende architektonische Gestaltung, die CDU eine spektakuläre „Landmark“ am Anfang der Königstraße. Die SPD konnte sich dort eine Philharmonie vorstellen, die Freien Wähler plädierten für ein Hochhaus als Pendant zum Bahnhofsturm.

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