Kurt Fahrion aus Esslingen Ein Leben für das Wandern

Bis vor drei Jahren führte Kurt Fahrion noch regelmäßig Wanderungen. Foto: /Gaby Weiß

Der 90-jährige Kurt Fahrion ist seit 72 Jahren Mitglied im Schwäbischen Albverein. In der Ortsgruppe Esslingen/Neckar war er als Jugendleiter und Wanderführer aktiv. Bis heute ist er stellvertretender Vorsitzender.

„Ich war immer gern in Bewegung, und ich bin immer gern draußen in der Natur. Und ich hatte immer eine Aufgabe. Ich bin nie daheim gesessen und wusste nicht, was tun. Bis heute nicht.“ Das antwortet Kurt Fahrion auf die Frage, wie er es geschafft hat, so fit so alt zu werden. Seinen 90. Geburtstag hat der rührige Mettinger dieser Tage mit der Ortsgruppe Esslingen/Neckar des Schwäbischen Albvereins gefeiert. Seit 1951 ist er Mitglied, und er hat von Anfang an im Verein mitgearbeitet: Als Jugendleiter, als Wanderführer, bis heute ist er stellvertretender Vorsitzender und kümmert sich um den Vereinstreff im Alten Bahnhof in Mettingen.

 

Kurt Fahrion war einer der Ersten, die in die neu gegründete Esslinger Jugendgruppe des Schwäbischen Albvereins eingetreten sind. An Wochenenden ging man gemeinsam wandern, einmal die Woche traf man sich im Albvereinszimmer im Palmschen Bau in Esslingen, und donnerstags wurde in der Schillerschule getanzt und gesungen. „Wir sind damals mit dem Zug zum Wandern gefahren. Kaum saßen wir im Abteil, haben wir schon das erste Wanderlied gesungen. Und die Mitreisenden haben alle mitgemacht“, erzählt der 90-Jährige.

43 Jahre lang war Kurt Fahrion bei der Bahn beschäftigt, die Schichtdienste waren für den begeisterten Wanderer kein Problem: Hatte er sonntags am Fahrkartenschalter im Esslinger Bahnhof Frühdienst, ging es mittags zum Wanderheim auf den Wasserberg bei Göppingen-Schlat. Und am selben Abend trat Fahrion pünktlich seinen Nachtdienst an. „Das war manchmal schon ein bisschen hart, aber damals war ich ja noch jung“, sagt er heute verschmitzt lächelnd.

Von 1960 an organisierte und begleitete Fahrion Wanderungen für die Vereinsmitglieder. Weil es damals noch keine Ausbildung zum Wanderführer gab, brachte er sich das Notwendige selbst bei: „Kartenlesen, Streckenplanung, Wetterbeobachtung. Und man muss umgänglich sein und mit jedem schwätzen können für ein harmonisches Miteinander“, betont er. Auf seine Touren, die er bis ins Jahr 2020 noch regelmäßig führte, bereitete er sich akribisch vor, schließlich wollte er den Teilnehmern nicht nur eine abwechslungsreiche Wanderung bieten, sondern auch alle wohlbehalten wieder nach Hause bringen.

Die Wanderkarte ist für ihn unerlässlich

Auf der Wanderkarte wurde mit dem Zirkel die exakte Streckenlänge ausgemessen. „Pro hundert Höhenmeter muss man gut eine Viertelstunde zusätzliche Gehzeit einrechnen“, erklärt Fahrion. Führte die Strecke über einen unbefestigten Fußpfad, der bei nassem Wetter rutschig und gefährlich sein könnte, hatte Fahrion immer eine Ausweichstrecke in petto. Für ihn war es Ehrensache, dass er neue Touren erst zur Probe abwanderte und Gastwirtschaften für die Mittagsrast vorab testete. Während sich viele Wanderer heute auf die Satelliten-Navigation ihres Smartphones verlassen, setzte Kurt Fahrion immer auf seine Wanderkarten: „Das Handy kann auch mal keinen Empfang haben, oder die Batterie kann leer sein – auf die Karte ist Verlass“, sagt er.

Pro Jahr hat er mindestens zehn Wanderungen für die Ortsgruppe und weitere 15 für die Jugendgruppe vorbereitet und begleitet, schätzt er heute. Während früher etwa gleich viele Männer und Frauen bei den Ausflügen am Start waren, habe sich das Verhältnis mittlerweile geändert: „Heute sind es rund 20 Prozent Männer und 80 Prozent Frauen, die mit dem Albverein wandern.“ Wichtig war es Kurt Fahrion bei seinen Wanderungen immer, auf landschaftliche Besonderheiten hinzuweisen, über Naturschutz zu sprechen, Bäume und Pflanzen zu erläutern oder Vögel und Wildtiere zu beobachten. Wenn er auf Wanderer traf, die querfeldein gingen, Wege missachteten, achtlos Blumen zertraten und das Wild erschreckten, tat ihm das jedes Mal in der Seele weh: „Man muss doch Rücksicht nehmen aufeinander und auf die Natur.“

Er bedauert sehr, dass dem Schwäbischen Albverein – wie vielen anderen Vereinen auch – heute vielerorts der Nachwuchs fehlt: „Die jüngeren Leute wandern eigentlich gern. Aber sie wollen unabhängig sein. Sie wollen nicht an eine Uhrzeit oder an eine Gruppe gebunden sein. Und die meisten wollen nur bei schönem Wetter unterwegs sein.“ Ihn selbst konnten weder Wind noch Regen von einer Tour abhalten. „Schlechtes Wetter gibt es nicht, sondern nur die falsche Kleidung“, zitiert er eine Wanderer-Weisheit.

Dass es ihm Kraft und Gesundheit seit ein paar Jahren nicht mehr erlauben, Gruppen zu führen, sei sehr schade: „Aber ich wollte nicht, dass die Leute irgendwann auf mich warten müssen, weil ich nicht mehr mithalten kann. Da habe ich lieber von mir aus aufgehört.“ Auch wenn seine Beine nicht mehr alles mitmachen, so schlägt sein Herz nach wie vor fürs Wandern – und für den Schwäbischen Albverein: „Ich habe wunderschöne Erinnerungen an tolle Wanderungen, die nimmt mir keiner.“

Auf Schusters Rappen

Aktivitäten
Die Esslinger Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins hatte früher eine Sing- und Tanzgruppe, eine Theatergruppe und ein Mundharmonika-Trio. Kurt Fahrion hat auch mehrtägige Wanderungen und Wanderwochen etwa in der Eifel oder im Bayerischen Wald organisiert. Und jedes Jahr an Pfingsten ging es nach Hinterzarten.

Legendär
Zwischen 1951 und 2019 trafen sich am 1. Mai die Unentwegten morgens um vier Uhr am Esslinger Marktplatz. Im Dunkeln wanderte man nach Aichschieß, wo man den Sonnenaufgang erlebte.

Privat
Oft begleitet von seiner Ehefrau Else, hat Kurt Fahrion auch viele Gebirgstouren gemacht: neun Mal den hochalpinen Heilbronner Weg in den Allgäuer Alpen, Berg- und Gletschertouren in den Dolomiten und zum Großvenediger – und mit dem Gran Paradiso im Aostatal hat er sogar einen Viertausender bestiegen.

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