Gonzo, Protagonist eines Kurzfilms, kriecht auf der Leinwand zum Erfolg. Foto: privat
Regisseur Jannis Lenz hat einen Kurzfilm mit einem besonderen Hauptdarsteller gedreht. „Gonzo“ ist eine Weinbergschnecke, die sich für einen Eisbären hält. Premiere war bei den Hofer Filmtagen, nun geht der Streifen auf internationale Festivaltour.
Eva Herschmann
29.12.2023 - 11:06 Uhr
Der Hauptdarsteller wurde durch Zufall gecastet. Er saß im Sommer 2022 in einer Ecke im Garten in Stetten, mitten unter seinen Artgenossen. Dem jetzt sechsjährigen Nils und seiner bald dreijährigen Schwester Alma war auf den ersten Blick klar, dass diese Weinbergschnecke etwas Besonderes ist. „Sie hatte eine deutlich sichtbare Delle im Schneckenhaus, und wir haben sie Gonzo getauft“, sagt Jannis Lenz, Regisseur, Drehbuchautor und Vater von Alma und Nils. Der Defekt am Gehäuse hat die Fantasie des 40-jährigen Filmemachers angeregt und inspiriert. Nun läuft „Gonzo“, der rund dreiminütige Kurzfilm über einen schleimigen und kriechenden Superhelden, auf Festivals in Deutschland und Europa.
„Mir war klar, Gonzo ist ein Kämpfer“, sagt Jannis Lenz, der an der Filmakademie Wien studiert hat. Dass sein kleiner Film derart viele Emotionen hervorruft, sei dennoch überraschend gewesen. „Irgendwie waren alle begeistert.“ Nicht nur der Held der Geschichte ist besonders. Auch die Entstehung und Umstände sind es. Den Film habe er im Garten seiner Eltern in der Stettener Steigstraße gedreht, sagt Lenz. „Komplett alleine und ohne einen Cent Budget.“
Das Feedback aus dem Umfeld ermutigte
Ursprünglich habe er den Streifen auch gar nicht veröffentlichen wollen. „Ich wollte ihn nur meiner Familie und ein paar Freunden zeigen, darunter auch ein paar Kollegen aus der Filmbranche. Es war ja eher ein Spaßprojekt.“ Doch das positive Feedback aus seinem Umkreis ermutigte Jannis Lenz, „Gonzo“ schließlich doch an das eine oder andere Festival zu schicken. „Tatsächlich kam dann auch überraschend schnell die erste Einladung zu den Hofer Filmtagen.“
„Gonzo“, sagt Jannis Lenz, sei ein Heavy-Metal-Märchen für Erwachsene. Der Film handle von einem Eisbär, der in den Körper einer Schnecke geboren wurde. Doch selbstbewusst und mutig kämpft er gegen Ignoranz und Gewalt, um ein wirklich freies Leben zu führen– und das alles wird mit Humor und einem Augenzwinkern erzählt. Der kurze Streifen kommt an. Nach seiner bayerischen Premiere bei den 57. Hofer Filmtagen, das eines der großen und renommierten Festivals im deutschsprachigen Raum ist, geht es für „Gonzo“ nun im Schneckentempo auf internationale Festivaltour.
Jannis Lenz hat Gonzo im Garten seiner Eltern entdeckt. Foto: Eva Herschmann
Die Geschichte von Gonzo, sagt Jannis Lenz, sei einfach nett und inspirierend. „Und der Film soll andere ermutigen und zeigen, dass man überall und ohne viel Geld und große Crew etwas Tolles schaffen kann, wenn man kreativ wird und sich traut, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“
Die Begegnung mit der Schnecke im Garten seiner Eltern habe irgendwas in ihm ausgelöst, erzählt Jannis Lenz. Sogleich holte er die Kamera und begann zu filmen. „Ich habe die Geschichte zum Kurzfilm dann in einem Zug runter geschrieben.“ Dabei habe er viel von seinen Kindern, dem unvoreingenommenen und neugierigen Blick auf die Welt gelernt, auch im Hinblick auf die Möglichkeiten des Geschichtenerzählens. „Ich fand es sehr spannend, eine Schnecke, die ja sonst im Gemüsebeet eher unerwünscht ist, als Held ins Zentrum der Geschichte zu stellen und das Ganze aus Gonzos Sicht zu erzählen. Etwas, das man sonst eher in einem Trick- oder Animationsfilm machen würde, in einem Spielfilm zu verpacken.“
Die Dreharbeiten zu „Gonzo“ waren ebenfalls besonders, erzählt Jannis Lenz. „Das war eine sehr meditative Arbeit und sehr entspannend.“ Im Prinzip sei der erste Wurf des Films in wenigen Stunden entstanden. Der Schnitt habe dann etwas länger gedauert. „Ich habe immer am Ende des Tages, wenn ich alles andere erledigt hatte ein wenig geschnitten.“ Es sei auch ein Ausgleich und eine willkommene Abwechslung zur Arbeit an seinem aktuellen Kinofilm gewesen. „Das geht, der Größe entsprechend, eher schrittweise und über einen längeren Zeitraum mit vielen Pausen voran.“
Jenes Spielfilmdebüt von Jannis Lenz firmiert unter dem Arbeitstitel „Freaks“ und handelt von drei Außenseitern beiderlei Geschlechts, die nach falschen Anschuldigungen Zuflucht in der Natur suchen und sich fernab der Gesellschaft ihre eigenen Regeln und Normen geben. „Es geht darum, welche Dynamik durch ein Gerücht losgetreten werden kann“, sagt Jannis Lenz. Derzeit fänden die Castings dafür statt. Gefördert wird das Filmprojekt des Stetteners, der hier als Autor und Regisseur fungiert, vom „Kuratorium junger deutscher Film“. Auf die Leinwand kommen soll „Freaks“ vielleicht schon im nächsten Jahr und anschließend auch im Fernsehen zu sehen sein.
Es ging um den Spaß, nicht um den Erfolg
Nach der Filmakademie seien die Projekte größer geworden und damit leider auch langwieriger und schwerfälliger, sagt Jannis Lenz. „Jeder Etappensieg kann wirklich sehr kräftezehrend sein.“ Der Kurzfilm „Gonzo“ sei deshalb auch aus „ dem Bedürfnis heraus entstanden, mal wieder ganz frei einen Film zu machen“. Ihm sei es einfach um Spaß am Prozess gegangen, über das Ergebnis habe er gar nicht nachgedacht.
Als der Film im Oktober im Festival in Hof lief, kam von den Zuschauern und Machern dort „ein super Feedback“, sagt Lenz. Und so tourt die Schnecke aus dem Garten in Kernen-Stetten nun durch Europa. „Weitere Stationen waren Lausanne, Flensburg, jetzt geht es nach Brüssel und London. Und ich bin gespannt, wo die Reise von ‚Gonzo’ noch hinführen wird.“