KZ in Kislau als Gedenk- und Lernort Ringen um Erinnerungskultur

Kislau im Jahr 1939: Männer jäten Unkraut vor dem KZ-Gebäude Foto: Generallandesarchiv
Kislau im Jahr 1939: Männer jäten Unkraut vor dem KZ-Gebäude Foto: Generallandesarchiv

Seit Jahren bemüht sich ein Verein um eigene Räume auf dem Areal des ehemaligen KZ in Kislau. Er möchte dort Jugendlichen Zivilcourage vermitteln. Nun könnte der Plan in die Tat umgesetzt werden.

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Karlsruhe - Bei den Judendeportationen Ende Oktober 1940 in das französische Gurs handelte es sich um die ersten Juden-Transporte im Deutschen Reich. Im 25 Kilometr nördlich von Karlsruhe gelegenen Kislau wurde dafür ein so genanntes Arbeitshaus zu einem Konzentrationslager (KZ) umfunktioniert. Es war das einzige von 1933 bis 1945 durchgehend betriebene KZ im Südwesten. Entlang der Rheinschiene gab es jedoch bis heute keine adäquate Gedenkstätte für die NS-Verbrechen. Seit Jahren ringt ein in Karlsruhe ansässiger Verein um Räume auf dem Areal des ehemaligen KZ.

Der Verein Lernort Zivilcourage & Widerstand, geleitet vom Vorsitzenden Helmut Wehr, ein ehemaliger Dozent der Pädagogischen Hochschulen in Heidelberg und Ludwigsburg, möchte vor allem Jugendliche ansprechen. Er hat mehrere Motion Comics erarbeitet. Die Video-Clips handeln von beispielhaften Persönlichkeiten, die bereits in früher NS-Zeit gegen die Diktatur aufbegehrten.

Land fördert das Projekt seit Jahreswechsel

Seit dem Jahreswechsel wird der Verein und ein 2015 gebildetes Projektteam aus Landesmitteln gefördert. Aber auch davor war der Verein rührig. Im vergangenen Jahr hat er im Netz ein virtuelles Geschichtsportal angelegt, das die badische Geschichte in den Jahren 1918 bis 1945 aufarbeitet mit Blick auf die Weimarer Zeit. Damit soll gezeigt werden, wie schnell eine Demokratie bedroht sein kann.

Das Ringen um eigene Räumlichkeiten für die Vermittlungsarbeit geht nun offenbar in eine entscheidende Phase: Der Verein stellte im September 2017 einen detaillierten Antrag an die Landtagsfraktionen, mit dem er zunächst die Finanzierung der laufenden Tagesarbeit sichern konnte. Beantragt wurde darin auch die Schaffung eines „Lernorts“ mit eigenen Gebäuden. Darin wird unter anderem argumentiert, dass der Versuch, Erinnerungskultur und politische Bildung zu vereinen, verpuffen würde, verbliebe er nur im virtuellen Raum. Für einen geplanten Geschichtsparcours beispielsweise wären eigene Räume wohl unabdingbar.

Der Karlsruher Verein konnte sich zuletzt die Nutzung von Bestandsbauten eines als Justizvollzugsanstalt genutzten Areals in Kislau vorstellen. „Eine Nutzung, ohne dabei den Belangen des Vollzugs ins Gehege zu kommen“, beschreibt die Historikerin Andrea Hoffend, die das Projektteam leitet. Der Vorschlag ist jetzt offenbar erst mal vom Tisch.

Ein Architekturwettbewerb fand auch schon statt

Erst jüngst hatte Justizminister Guido Wolf (CDU) in einem Schreiben an den Verein die Nutzung von Bestandsbauten ausgeschlossen. Der Verein setzt nun auf Gespräche an einem Runden Tisch zum Thema „Standort für den Lernort Kislau“, so Hoffend. Angestrebt sei ein Termin im Herbst. Auch der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete Ulli Hockenberger will sich im Moment nicht festlegen. Er war bereits beteiligt an bisherigen Gesprächen darüber, „in welcher Form und an welcher Stelle das Projekt, umgesetzt werden kann“. Bereits 2014 hatte das Finanzministerium dem Projekt „Lernort Kislau“ ein Baugrundstück in Erbbaurecht in Nachbarschaft zur Justizvollzugsanstalt angeboten, wie ein Sprecher des Ministeriums bestätigt. Diese Variante käme zum Zug, wenn ein Neubau favorisiert würde. Dafür wurde 2016 schon eigens ein Architekturwettbewerb durchgeführt. Für einen Neubau müssten etwa drei Millionen Euro aufgebracht werden. Der Verein hat dafür sein Netzwerk weiter gesponnen: In den Haushaltsberatungen des Kreistags Karlsruhe gab es schon Zusagen, ein solches Projekt zu unterstützen.

Im März erschien der sechste Motion Comic, ein Clip über das Leben des im Sommer 1933 aus Ettlingen nach Südbaden vertriebenen Stadtdekans Pfarrer Augustin Kast, der sich nicht mit den Aufmärschen von SA-Uniformierten in der Stadt im südlichen Kreis Karlsruhe abfinden wollte. Er wurde gefördert von den Stadtwerken Ettlingen und der Ettlinger Baugenossenschaft „ALBA“ – eine Gründung des katholischen Geistlichen Kasts im Jahr 1922.

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