Stadtkind Stuttgart

Label Bauchfrauen aus Stuttgart Mehr Selbstliebe statt Body-Shaming

Von Tanja Simoncev 

Tanzpädagogin Sandra Wurster gründete mit Isabel Calheiros das Label "Bauchfrauen". Nicht nur mit ihrer ersten Statement-Kollektion "Du bist schön", sondern auch bei einem Frauen-Workshop, der am Sonntag stattfindet, ruft sie zu mehr Selbstliebe auf. 

Sandra Wurster (Mitte, roter Rock) ist eine stolze Bauchfrau und feiert ihre erste Kollektion auf der Kulturinsel. Foto: Tanja Simoncev 8 Bilder
Sandra Wurster (Mitte, roter Rock) ist eine stolze Bauchfrau und feiert ihre erste Kollektion auf der Kulturinsel. Foto: Tanja Simoncev

Stuttgart - "Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen" - eine Message, die Tanzpädagogin Sandra Wurster nicht mehr nur verbal, sondern nun auch modisch über Stuttgarts Hügel in die Welt spreadet. Zusammen mit Isabel Calheiros gründete sie das Label "Bauchfrauen" und will damit vor allem eines: großen Appetit auf mehr Selbstliebe machen. "Wir sind gegen ständiges Baucheinziehen, lästige Diäten und vor allem Body-Shaming. Es wird Zeit für eine Body-Revolution, bei der die Vielfalt wieder mehr gefeiert wird", finden die beiden.

Bei einer Modenschau auf der Kulturinsel präsentierten die stolzen Bauchfrauen kürzlich ihre erste Statement-Kollektion "Du bist schön", bestehend aus Shirts, die mit glitzernden Food-Prints und der für Sandra so wichtigen Message bedruckt sind. "Unsere Protest-Mode ist mehr als nur eine gute Marketingstrategie oder Anti-Diäten-Haltung, sie ist ein Segen für jede Frau. Denn die Zeit ist reif, endlich mit dem Körper Frieden zu schließen und sich den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu widmen."

Wir waren bei der Modenschau dabei:

Embrace - Du bist schön

Hier und da ein Fettpölsterchen zu viel, der Po zu groß, der Busen zu klein - vor allem Frauen neigen, in den Augen der Bauchfrauen, zu dieser ständigen Selbstkritik. Ganz öffentlich Schluss mit diesem nicht enden wollenden Optimierungswahn machten aber nicht nur Sandra und Isabel, sondern in diesem Jahr auch die Australierin Taryn Brumfitt, die ihren Dokumentarfilm "Embrace - Du bist schön" in die Kinos brachte und damit den Nerv der Zeit traf. Die Fotografin und dreifache Mutter hatte keinen Bock mehr auf Body-Shaming und wollte sich wieder in ihrem Körper wohlfühlen. Support bekam sie von Schauspielerin Nora Tschirner, die das Projekt als Co-Produzentin mitfinanzierte.

Und plötzlich kam der Stein der Selbstliebe ins Rollen. Auf Instagram wurden die Hashtags #contrabodyshaming, #bodypositivity und #loveyourself immer präsenter, Models zeigten unretuschierte Bilder, Frauen posten wieder ungehemmt vor der Kamera. "So wichtig und auch richtig, dass Body-Shaming beziehungsweise Body-Positivity nun immer mehr zum Thema wird", findet Sandra.

Der Film zeige in ihren Augen ganz gut: "Auch wenn du deine, wie du glaubst, Traumfigur endlich hast, bist du trotzdem nicht damit zufrieden. Fangt an, euch so anzunehmen wie ihr seid", betont die 26-Jährige. "Klar gibt es Tage, an denen ich im Spiegel vor lauter Fett nichts anderes sehe, aber es gibt glücklicherweise mehr Tage, an denen mich eine kreative Persönlichkeit mit Charakter anlacht. Und das zählt mehr. Essen ist für mich Lebensqualität und ich esse nun mal gern - das möchte ich mir nicht nehmen lassen."

Bei der Bauchfrauen-Shirt-Verlosung auf der Stadtkind-Facebook-Seite zeigten auch die Reaktionen der Leser wie wichtig dieses Thema aktuell ist:

Laura Simina:

Oh, ich würde so ein Shirt voller Stolz und Freude tragen! Da spricht mir Sandra aus der Seele. Und Pizza...Glitzerpizza sogar - sie weiß eben was gut ist! Und Recht hat sie: Das Leben ist wirklich zu kurz, um den Bauch einzuziehen. Wampe raus, cooles Shirt an und einfach LEBEN mit ganz viel Pizza und Glitzer! #loveyourself

Kyra Konfetti:

Egal ob dick, dünn, faltig, weiß, schwarz, gepunktet, ob mit oder ohne Cellulite und Dehnungsstreifen. Wir sind alle schön und sollten unseren Körper so lieben, wie er ist. Leider ist das gar nicht immer so einfach und deswegen finde ich Statements wie dieses umso wichtiger. Ich würde mich freuen, dieses T-Shirt tragen zu dürfen! Love the skin you're in!

Madeleine Maier:

Das Leben ist zu kurz, um es nicht in vollen Zügen zu genießen - und wie kann man das besser als mit gutem Essen? #foodislife Perfekt aussehen sollte wenn dann nur die Pizza selbst, we're beautiful in all shapes and sizes and our own uniqueness.

Felicitas Wohland:

Geiler Text, geiles Motiv, absolut passend für ein Schlemmerer wie mich! #contrabodyshaming #denkandich #gönndir #liebegehtdurchdenmagen

Jessica Naun: 

Weil ich Essen und das Leben liebe und weil es viel zu viele langweilige Shirts gibt, die eine pseudo Message verbreiten. Das ist mal eine sinnvolle!

Julia An: 

Ich hätte gerne das Shirt, weil ich lange mit einer Essstörung zu kämpfen hatte und Aussagen wie diese mir jeden Tag aufs Neue Mut und Selbstvertrauen geben. 

"Jeder Körper ist wundervoll"

Eine, die diese Embrace-Entwicklung auch nur befürworten kann, ist Jugend- und Heimerzieherin Sarah Fuchs. Sie lief bei der Bauchfrauen-Modenschau mit und ist das Gesicht der Kollektion. Zwei Jahre lang kümmerte sich die 24-Jährige um die Mädchenarbeit im Jugendhaus West. Dort fiel ihr besonders auf: "Die Mädchen legen schon früh großen Wert auf das Äußere, ihr Image und das Materielle." Das seien hohe Anforderungen an sich selbst, der Druck bei Kids aus Brennpunkt-Familien noch krasser.

"Momentan arbeite ich an einem inklusiven Hort und dort begegnen mir Grundschüler, die sagen: Ich muss ein Gramm abnehmen. Das fängt so früh an und ist wirklich erschreckend. Gut, dass nun auch der Feminismus immer präsenter wird. Die Message: 'Jeder Körper ist wundervoll', ist so wichtig und muss noch mehr nach außen getragen werden. Denn es ist noch lange nicht bei allen angekommen." Dabei geht es der Pädagogin vor allem auch um Toleranz. 

Erst kürzlich machte sie eine negative Erfahrung im Bekanntenkreis. Ihre Zwillingsschwester habe die Haare kurz geschoren und sich daraufhin anhören müssen: "Kein Wunder hat sie keinen Freund, wenn sie sich die Haare abrasiert." Ein Unding, findet die Stuttgarterin. "Das hat auch mit Body-Shaming zu tun. Solche Äußerungen gehen gar nicht, verletzen nur und sind unnötig." 

Ähnliches ist auch Sandra Wurster wiederfahren. "Immer wenn ich erzählt habe, dass ich Tanzpädagogin oder Tänzerin bin, haben die Leute mich mit Blicken gescannt, so von wegen: Was, mit der Figur will sie Tänzerin sein?! Das fand ich so verletzend. Aber ich habe mir schon früh gesagt, dass ich mehr bin als meine dicken Beine und diese Einstellung zu mir, zu meinem Körper haben andere bewundert. Es hat sie motiviert und das wiederum hat mich motiviert weiterzumachen."

Und das tut die Tanzpädagogin auch heute noch. Nicht nur mit ihrer eigenen T-Shirt-Kollektion und in der Kolumne "Einmal Fräulein Wurster, bitte!", sondern auch bei Frauen-Workshops spricht sich Sandra für mehr Selbstliebe aus. Auf etwas Tanz und Yoga folgt in der Regel eine Motivationsrede, die es in sich hat.

"Es sind Kurse, die Frauen tiefer in sich hinein hören lassen und nichts mit reiner Spiritualität oder Hexerei zu tun haben. Es geht um ein Wohlgefühl, das einen näher zu sich selbst und zu seinem Körper bringt." Denn wie wussten schon die Ladies aus "Sex and the City": Die längste Beziehung, die du hast, ist die mit dir selbst. "Und da ist es nur von Vorteil, wenn man sich gut leiden kann", findet Sandra.

Der Basic-Women-Workshop findet diesen Sonntag ab 12 Uhr im Kurpark in Bad Cannstatt statt. Mehr Infos gibt's hier.