Laboratorium S-Ost Prediger der Moderne

Von Petra Mostbacher-Dix 

Das Theaterensembles des Forums der Kulturen Stuttgart hat sein neues Stück „It’s Magic“ im Kulturzentrum Laboratorium im Stuttgarter Osten gezeigt.

Mit Elvis-Perücke und Satin-Overall samt Plüschtigergürtel geht es zum Tempel dieser Tage schlechthin: nach Las Vegas. Foto: Petra Mostbacher-Dix
Mit Elvis-Perücke und Satin-Overall samt Plüschtigergürtel geht es zum Tempel dieser Tage schlechthin: nach Las Vegas. Foto: Petra Mostbacher-Dix

S-Ost - Ein kecker Blick zur Decke, demonstrative Fingerschnipser – und plötzlich kommt Leben in die Bude: Scheinwerfer erstrahlen, Lametta schimmert, Freddy Mercury und seine Band Queen trällern „It’s a Kind of Magic“. Und der Mann, der just so allürenhaft die Technik angeschmissen hat, tanzt hüftschwingend über die Bühne, bevor er unter die Puderquaste kommt, die Elvis-Perücke überstülpt, den Satin-Overall samt Plüschtigergürtel enthüllt und – „vier, drei, zwei, eins“ – die Kameras angehen. „It’s Magic“ heißt die TV-Show, die da erstmals mit einem fulminanten Start über die Bühne des Kulturzentrums Laboratorium geht.

Konzipiert haben sie das Theaterensemble des Forums der Kulturen Stuttgart gemeinsam mit ihren Leitern, dem Regieteam Boglárka Pap und Luis Hergón. Die Truppe, bei der jeder mitmachen kann, erarbeitet seit 2008 jedes Jahr Eigenproduktionen rund um das Thema Interkultur in Form von Recherchetheater mit Workshops und Schreibwerkstatt. Das bedeutet: die Teilnehmer entwickeln ihre Stücke selbst, führen Interviews, sprechen mit Experten, sichten Material, bringen eigene Erfahrungen ein und schreiben Texte. Diese werden dann von Autoren mit Migrationshintergrund zu Stücken zusammengefügt.

Es geht um die Frage: „Was glaubst Du?“

Die Textcollage von „It’s Magic“ besorgte der Musiker und Poetry Slammer Nikita Gorbunov und vermittelte dem Ensemble Methoden aus seinem Fachgebiet. Im Stück geht es um nicht weniger als die Frage „Was glaubst du?“ „Als wir vergangenes Jahr etwas zu Alltagsrassismus machten, wurde deutlich: Die Religion spielt oft eine Rolle“, so Luis Hergón. „Die bei der Wurzel zu packen, war keine einfache Reise.“

Die 17 Schauspielenden aus rund zehn Nationen gehören unterschiedlichsten Bekenntnissen und Weltanschauungen an. Und es sollte keinesfalls darum gehen, irgendwas an den Pranger zu stellen oder gar Gefühle zu verletzen. Also habe man sich auch anhand eigener Erlebnisse überlegt, was Glauben und Transzendenz heute bedeutet und bedeuten können. Hinzu kamen Interviews mit Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften, mit Paaren, Politikern oder Freimaurern. „Klar war, dass wir für die Inszenierung eine Art Tempel brauchten, aber keinen der üblichen religiösen. So kamen wir auf das Fernsehen und Las Vegas, auch dort wird gepredigt“, so Hergón.

Viel Musik und ein überraschendes Ende

Ein raffinierter Zug: Wie der TV-Elvis die Anhänger eines Katzenkults animiert, sich in seiner Quiz-Show mit Kocheinlage in verschiedenen Kategorien bloßzustellen und ihnen den „Sprung hinter den Vorhang“ schmackhaft macht, obwohl keiner weiß, was dahinter ist, führt die Zeichen und Götter der Zeit ad absurdum. Nichts kommt ungeschoren davon, weder Konsumwelt noch soziale Medien, die Suche nach den Schönsten, Besten und Schlechtesten, der scheinbare Zwang zur permanenten Selbstoptimierung. Auch die alten Gebote und Werte werden mal original, mal adaptiert köstlich ironisch mit viel überzogenem Glamour auf ihren Gehalt abgeklopft. Da wird für den einen das korrekte Essen zu „Magic“, für den anderen die Beziehung oder die Familienbande zur Glaubensfrage, die zusammenhält oder zur Fessel wird.

Die Prediger-Show mit viel Musik und überraschendem Ende zeigt aber nicht nur die Fallstricke falscher Götter auf und die Folgen von Sendungsbewusstsein, die in militanten Vorschriften und Denkverboten enden können. Gefühlvoll formuliert sie zudem, dass Glauben, persönlich und unmissionarisch gelebt, Schönheit besitzt und Halt gibt. Auch Sonnenschein, Zärtlichkeit, die Hand des Liebsten drücken, sind magisch. Wird derzeit in der Gesellschaft Religion verbissen verhandelt, regt „It’s Magic“ ohne moralischen Zeigefinger witzig und locker zum Nachdenken darüber an.

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