Zürich - Nach gut einer Stunde wird das erste Schwefelhölzchen gezündet, und auf einmal ist alles anders. Warmes Licht fällt auf die Szene, die sonst wirkt wie vor Kälte erstarrt, und auf der Bühne des Zürcher Opernhauses wird es lebendig. Wie eine Lichtgestalt flammt das „kleine, arme Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen“ einen „Ritsch“ lang auf. Kaum ist das Streichholz am Erlöschen, geistert das Ballett über die Bühne, dichte Rauchschwaden hinter sich herziehend: ein bewegtes Bild, das einem schier den Atem verschlägt. Nicht das einzige an diesem Abend, an dem „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, 1997 an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt, zum ersten Mal in der Schweiz zu erleben ist.
Helmut Lachenmann nennt sein Bühnenwerk nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci „Musik mit Bildern“ und lässt ihm damit einen Spielraum, den der Ballettdirektor Christian Spuck bei seiner „choreografischen Uraufführung“ ganz nach den Intentionen des Komponisten füllt. So wie Lachenmann seine Musik immer wieder vor Kälte erstarren lässt, Geräusche gefrieren, Klänge kristallisieren, imaginiert auch er eine erbarmungslose Welt, die einem eisige Schauer über den Rücken jagt. Schwarz ist die Wand, die sich beim Vorspiel nach hinten schiebt, von Rufus Didwiszus reliefartig gemustert. Wer genau hinschaut, erkennt darauf wie eine fast schon verblichene Erinnerungsschicht die verkohlten Reste jenes Frankfurter Kaufhauses, das 1968 von RAF-Terroristen in Brand gesteckt wurde.
Spuck macht aus Fragmenten eine Geschichte
Gudrun Ensslin spielt bei Lachenmann eine nicht unerhebliche Rolle. Auch ihr macht die Mitleidlosigkeit der Gesellschaft zu schaffen, die Kälte der Welt. Während im Andersen-Märchen das „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ vergebens um soziale Anerkennung bettelt und schließlich zurückgezogen in „in einem Winkel“ erfriert, macht sie ihrem Unmut Luft, indem sie politische Parolen an die Hauswände pinselt und Terrorakte verübt: eine gegenläufige Geschichte, der Christian Spuck vielschichtig entspricht.
Von Claus Spahn und Michael Küster dramaturgisch unterstützt, gelingt es Christian Spuck, aller Fragmentierung zum Trotz eine Ahnung von Zusammenhängen herzustellen. Wie in einem szenischen Konzert sitzen Alina Adamski und Yuko Kakuta auf der Bühne. Und so wie Lachenmann die Soprane doppelt, doppelt Spuck das „Mädchen“. Wie verloren wirken beide Tänzerinnen auf der Bühne, deren Wände sich immer wieder mal verschieben, um nicht zuletzt einer abgehobenen Gesellschaft Platz zu machen. Emma Ryott kostümiert sie mal nach Maßgabe der Scherenschnitte Hans Christian Andersens, mal überspitzt in den Ensslin-Episoden als Luxus-Kulisse, aber immer so, dass das Eigentliche nie dominieren, sondern sich in ein Gesamtbild fügen. Denn Spucks Tanz wird immer dann ganz stark, wenn er sich zum vielgliedrigen Tableau verdichtet. Auf sich allein gestellt, wirkt er in seiner Abstraktion zwar durchweg schön, aber bisweilen auch austauschbar.
Der Komponist selbst liest den Text von da Vinci
Am stärksten ist der Abend, wenn er auf alles Äußerliche verzichtet. Da taucht aus der Dunkelheit auf einmal Helmut Lachenmann auf, live, schlohweiß, bärtig, alle überragend. Und jede Silbe, jeden Konsonant, jeden Vokal prüfend, liest er minutenlang den da-Vinci-Text, während auf der Bühne Stille einkehrt. Als wär’s ein anderes „Höhlengleichnis“, werden im Widerspiel von Furcht und Verlangen die Sinne geschärft. Der Klangraum, der nach und nach entsteht, ist überwältigend. Bis hoch in die obersten Ränge hat Matthias Herrmann die Philharmonia Zürich über das ganze Haus verteilt. Die Basler Madrigalisten agieren aus den Logen. Bewundernswert, wie der Dirigent dennoch alle Sinneseindrücke fokussiert.
Den Tod erlebte man jedenfalls auf der Bühne schon lange nicht so intensiv. „Nimm mich mit“ hat Lachenmann, dem Text von Andersen folgend, die Szene 21 überschrieben. Nachdem nach neunzig Minuten das letzte Schwefelhölzchen gezündet ist, wird man mitgenommen. Ein eingespielter Film zeigt Tote, im Schnee erfroren. Auch das Märchen-„Mädchen“ samt seinem Double rührt sich nicht mehr. Nur Wie Chen tanzt in der wachsenden Finsternis. Und das Orchester knarzt, als wäre es ein altes Uhrwerk, dessen letzte Stunde längst geschlagen hat.