Elektrofahrzeuge sind auf dem Vormarsch. Kein Wunder, schließlich soll der Verkauf von Neuwagen mit Verbrennermotor von 2035 an EU-weit verboten sein. Für viele Kommunen stellt sich daher die Frage, wie der wachsende Bedarf an Lademöglichkeiten für E-Autos gedeckt werden kann. In Esslingen hat man jetzt ein Konzept vorgestellt, wonach bis zum Jahr 2030 rund 1000 neue Ladepunkte in der Stadt entstehen sollen. Das klingt zunächst nach recht viel, doch laut Experten wird das längst nicht ausreichen.
Klar ist für die Stadtverwaltung, dass sie lediglich eine koordinierende Rolle bei der Einrichtung von Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum spielen will. Denn es sei inzwischen nicht mehr notwendig, dass Kommunen für diesen Bereich Geld ausgeben. Zum einen gebe es umfangreiche Zuschüsse von Bund und Ländern, zum anderen rentiere sich der Betrieb von Ladesäulen angesichts eines zunehmenden Massenmarktes immer mehr. Die Stadt will interessierten Betreibern im Rahmen einer Sondernutzung lediglich die Flächen zur Verfügung stellen, der Ertrag der Ladepunkte bleibt beim Betreiber. Allerdings will die Stadt den Aufbau öffentlicher Ladeinfrastruktur vorantreiben – und zwar aktiv.
Stadt will aktiv auf Unternehmen zugehen
Das bedeutet, dass die Verwaltung Kontakt zu Unternehmen aufnehmen will, die am Betrieb von Ladesäulen im öffentlichen Raum oder auch im halböffentlichen Raum wie auf Supermarktparkplätzen oder an Tankstellen interessiert sein könnten. Im Rahmen einer Dienstleistungskonzession für die Dauer von zehn Jahren sollen Standortbündel vergeben werden. Dabei sollen in den einzelnen Bündeln, auch Lose genannt, Standorte mit höherer und solche mit geringerer Nutzungserwartung kombiniert werden. Damit will man sicherstellen, dass auch in potenziell schwächer nachgefragten Gebieten in der Stadt Ladepunkte eingerichtet werden. Darüber hinaus sollen die Einrichtung und der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge künftig schon in der städtebaulichen Planung wie etwa in Flächennutzungsplänen oder Bebauungsplänen berücksichtigt werden.
Nach Berechnungen des beauftragten Büros ISME müssten eigentlich bis Ende diesen Jahres noch rund 200 normale Ladepunkte sowie neun Schnellladestationen in Esslingen eingerichtet werden. Insgesamt empfiehlt das Büro die Einrichtung von 1000 Normalladepunkten und 67 Schnellladeoptionen bis 2030. Dabei sei nicht immer die Einrichtung ganz neuer Standorte notwendig, auch die Nachverdichtung gut genutzter Standorte durch weitere Ladesäulen sei sinnvoll, betonte Karsten Hager, Geschäftsführer von ISME, im jüngsten Mobilitätsausschuss.
Klar sei dennoch: Selbst wenn die Stadt in den kommenden sieben Jahren 1000 neue Ladepunkte einrichte, werde das längst nicht reichen, so Hager. Bei den Schnellladepunkten sei der Handlungsbedarf voraussichtlich zwar nicht so dringlich. Denn zum einen sei offenbar eine rechtliche Verpflichtung von Tankstellen für die Einrichtung solcher geplant, zum anderen sei vor Kurzem im Rahmen des sogenannten Deutschlandnetzes der Zuschlag für 16 Schnellladepunkte in Esslingen erteilt worden. Doch für das Normalladen müsse der massiv steigende Bedarf wohl vor allem im privaten Bereich gedeckt werden – schon jetzt würden bis zu 88 Prozent der Ladevorgänge zu Hause oder beim Arbeitgeber vorgenommen, nur zwischen 12 und 24 Prozent im öffentlichen und halböffentlichen Raum.
Forderung nach Ausbau privater Lademöglichkeiten
Das machte auch Heinz Handtrack, beratendes Mitglied im Mobilitätsausschuss, deutlich. „Der Fokus muss auf privaten Lademöglichkeiten liegen“, betonte er. Ladesäulen im öffentlichen Raum könnten eigentlich nur der Zwischenladung dienen. „Die paar Ladepunkte, die Sie einrichten wollen, sind schön, aber sie werden die E-Mobilität nicht voranbringen“, erklärte er in Richtung Stadtverwaltung.
Es müsse viel mehr darum gehen, Privatleute und Investoren zur Einrichtung von Ladepunkten zu motivieren. Und in Neubauten müsse jeder neue Stellplatz in einer Tiefgarage zwingend mit einer Vorrichtung für eine Wallbox ausgestattet werden – denn eine Nachrüstung sei ungleich teurer. „Sonst haben Sie in fünf Jahren ein Problem, das Sie nicht mehr in den Griff bekommen“, warnte Handtrack. „Es muss ein Gesamtkonzept her, das ich heute nicht gesehen habe“, so Handtrack mit Blick auf das Konzept zum Ausbau der Ladeinfrastruktur. Ganz so kritisch zeigten sich die anderen Gremiumsmitglieder nicht. „Das Konzept geht in die richtige Richtung“, befand etwa Tobias Hardt, Fraktionschef der Linken. Heidi Bär (SPD) lobte: „Wir begrüßen das aktive Vorgehen.“ Und Thomas Heubach (Freie Wähler) betonte: „Es ist wichtig, dass die Ladeinfrastruktur ausgebaut wird, aber das kann man nicht dem Zufall überlassen.“ Daher sei es gut, nun ein Konzept dafür zu haben.
Vergabe an künftige Betreiber
Standortbündel
Die Lose, auf die sich Unternehmen bewerben können, sollen jeweils potenziell nachfragestarke und potenziell nachfrageärmere Standorten vereinen. Allerdings kam im jüngsten Mobilitätsausschuss Kritik an einigen der vorgeschlagenen Standorte auf, weil diese als teils nicht sinnvoll erachtet wurden. Daher will man bei der Standortauswahl noch nachbessern.
Vorgehen
Die Stadt hat sich beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für ein aktives Vorgehen entschieden, bei dem die Kommune im Sinne eines Vergabeverfahrens tätig wird und verschiedene Standortbündel ausschreibt. Möglich wäre auch ein passives Vorgehen, bei dem die potenziellen Standorte auf speziellen Portalen angeboten werden oder aber eine Sondernutzungsrichtlinie erarbeitet wird, an die sich interessierte Anbieter halten sollen. Bei einem passiven Vorgehen ist die Steuerung des Ausbaus durch die Kommune allerdings eingeschränkt.