Laden-Aus in Böblingen Metzgerei Böhm schließt das Stammhaus
Rund hundert Jahre gab es die Metzgerei Böhm an der Stadtgrabenstraße in Böblingen. Nun schließt das Inhaberpaar Jaiser das Geschäft. Personalprobleme sind nicht der Grund – was dann?
Rund hundert Jahre gab es die Metzgerei Böhm an der Stadtgrabenstraße in Böblingen. Nun schließt das Inhaberpaar Jaiser das Geschäft. Personalprobleme sind nicht der Grund – was dann?
Darf’s ein bissle mehr sein? Die typische Frage beim Metzgereinkauf, die Kunden in aller Regel mit „ja“ beantworten, fällt bei Dieter und Marina Jaiser bezogen auf ihr Berufsleben mit einem klaren „Nein“ aus. Am 1. Juni ist Schluss, dann verkaufen sie ein letztes Mal Lyoner, Salami und Maultaschen im Stammhaus der Metzgerei Böhm an der Stadtgrabenstraße. Danach bleibt der Laden geschlossen. Leicht fällt es dem Metzgerehepaar nicht, und doch fühlen sie, dass es nach fast fünf Jahrzehnten Berufstätigkeit Zeit ist, sich in den Ruhestand zu verabschieden.
Am 1. Januar 1990 hatten die Jaisers die Metzgerei von der Familie Böhm übernommen und den Geschäftsnamen, der etabliert war, belassen. 34 Jahre lang hat Dieter Jaiser dort Wurst und Fleisch produziert und Marina Jaiser sich um den Verkauf gekümmert – beide mit viel Leidenschaft. Deshalb freuen sie sich sehr, dass ihr Sohn Alexander die Metzgerei Böhm weiterführen wird. „Das ist nicht selbstverständlich. Er hat ja gesehen, wie viel Arbeit und Zeit da drinsteckt“, sagt Marina Jaiser und nennt es „unser Lebenswerk“, das nun fortgesetzt werde.
Allerdings wird Alexander Jaiser nur die Filiale an der Tübinger Straße in Holzgerlingen weiterführen. Die Produktion, die bislang in Böblingen untergebracht war, zieht mit um. Das Stammhaus haben die Jaisers verkauft. Was an Ort und Stelle folgen soll, wissen sie nicht. „Der Käufer prüft gerade die Möglichkeiten“, sagt Dieter Jaiser.
Dass sich die Familie gegen die Erhaltung des Böblinger Geschäfts entschieden hat, hängt nicht nur mit dem Ruhestand von Dieter und Marina Jaiser zusammen. Der Fachkräftemangel, der bei vielen anderen Metzgereien zur Geschäftsaufgabe führt, ist für die Jaisers allerdings nicht der Grund. Vielmehr sei es die geplante Umgestaltung der Stadtgrabenstraße, die den Ausschlag gegeben habe, sagt Dieter Jaiser. „Das ist der Hauptgrund, warum wir hier rausgehen. Wir sehen keine Zukunft hier.“
Zum Hintergrund: Der Gemeinderat hat im vergangenen Juni beschlossen, die Verkehrsader zu einem verkehrsberuhigten Bereich umzugestalten. Im Zuge einer Bürgerbeteiligung werden Ideen aus der Bevölkerung berücksichtigt. Fest steht, dass für die Gestaltung einer Flaniermeile Parkplätze wegfallen. Die Jaisers befürchteten, dass dadurch Kundschaft wegbrechen würde. „Unser Einzugsgebiet reicht bis Dagersheim und Ehningen“, sagt Marina Jaiser. Ohne Parkmöglichkeit kämen viele nicht mehr extra angefahren, befürchtet sie. Von einer Flaniermeile könne eine Metzgerei nicht profitieren, ergänzt ihr Mann: „Wer geht mit zwei Tüten Fleisch durch die Stadt bummeln?“ Die Unsicherheit, wie viel Kundschaft während der Baustellenzeit und danach erhalten bleibe, sei ihnen zu groß gewesen, zumal das Haus und der Laden renovierungsbedürftig seien. „Man müsste investieren. Aber das Risiko ist zu hoch, wenn der Umsatz nicht mehr wie vorher ist“, sagt Dieter Jaiser.
Sein Sohn Alexander freut sich dennoch auf seinen Schritt in die Selbstständigkeit und möchte alles wie gehabt weiterführen: Der 38-Jährige will die bewährten Rezepte beibehalten und weiterhin, genau wie seine Eltern, das Fleisch von Bauern aus der Region beziehen. Alle Mitarbeitenden können weiterbeschäftigt werden. „Holzgerlingen ist nicht aus der Welt“, betont Marina Jaiser. Sollte doch einmal Personalnot sein, werden sie und ihr Mann mit anpacken. „Wir sind ja Familie“, sagt die Fleischereifachverkäuferin. „Und wir wissen, wie es ist, wenn’s brennt.“ Dieter Jaiser nickt, auch er möchte im Ruhestand hin und wieder aushelfen. „Sonst ist der Tag so lang“, sagt er und lacht.
Geschäftsaufgaben
Die Liste der Metzger, die in den vergangenen Jahren aufgehört haben, ist lang: Unter anderem in Böblingen die Metzgerei Kogel, die im Juni 2022 an der Poststraße 41 geschlossen wurde; zuvor Metzgerei Sauer in Döffingen. In Sindelfingen hörte Metzger Hess in der Oberen Vorstadt auf, in Schönaich der Fleischer Poferl am alten Bahnhofsgebäude.
Neustart
Der Herrenberger Metzger Bosch musste vergangenes Jahr seine gut frequentierte Filiale in Kuppingen schließen, da ihm Verkaufspersonal fehlte. Da er neue Verkäuferinnen gewinnen konnte, hat die Filiale seit Januar wieder geöffnet, allerdings eingeschränkt von donnerstags bis samstags.
Auswege
Bei der Metzgerei Geiser in Weil im Schönbuch sowie bei der Metzgerei Gräther in Herrenberg-Haslach haben die Inhaber aus Personalnot ihren Verkauf zu Selbstbedienungsangeboten umgewandelt.