Ladendiebstahl in Stuttgart Auch die genaschte Schokokugel zählt

Ob Banden, die gezielt vorgehen, oder Gelegenheitstäter: mit immer ausgefeilteren Methoden versuchen die Einzelhändler, den Ladendiebstahl einzudämmen. Foto: dpa
Ob Banden, die gezielt vorgehen, oder Gelegenheitstäter: mit immer ausgefeilteren Methoden versuchen die Einzelhändler, den Ladendiebstahl einzudämmen. Foto: dpa

Sicherheitsleute an der Tür, elektronische Sicherung an den Waren und Videoüberwachung in den Geschäften: Die Händler in der Stadt versuchen, den Dieben das Leben schwer zu machen.

Lokales: Christine Bilger (ceb)
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Stuttgart - Bei Kaufhof hofft man noch, dass man beim einen oder anderen Gelegenheitsdieb Einsicht bewirken kann. „Wir zeigen grundsätzlich alles an“, sagt die Sprecherin des Kaufhauses, Barbara Göller. So sei es auch in der vergangenen Woche einem Mann ergangen, der in der Süßwarenabteilung eine Schokokugel unverhohlen aufgepackt und in den Mund gestreckt habe. Er habe überhaupt nicht eingesehen, dass das ein Diebstahl war. „Wir diskutieren da nicht“, sagt Göller. Schminkstifte, Sonnenbrillen, Parfums und Kleinlederwaren wie Geldbörsen, aber auch Anzüge würden die Langfinger einstecken. „Wir haben aber nicht den Eindruck, dass es zugenommen hat“, sagt Göller. Bereits seit mehreren Jahren sei der Ladendiebstahl auf gleichbleibend hohem Niveau, und damit „schlimm genug“, sagt die Kaufhofsprecherin.

Händler stellen mehr Sicherheitspersonal ein

Kollegen in der Branche zeichnen ein anderes Bild. „Es wird immer mehr“, sagt zum Beispiel Petra Leckband, die Filialleiterin der Schuhhandlung Görtz an der Königstraße. Die Schuhe im Geschäft seien recht sicher, da nur je einer von jedem Paar in den Regalen stehe. „Aber bei den Taschen war es eine Vollkatrastrophe. Wir haben viele hochwertige Modelle von Coccinelle oder Micheal Kors, die gezielt gestohlen wurden“, schildert Leckband. Ihre Kollegen und sie haben den Eindruck, dass da organisierte Banden am Werk seien. „Wir haben aufgerüstet“, sagt die Filialleiterin. Die Handtaschen seien nun mit sogenannten Knogos versehen, das sind spezielle Sicherungsetiketten, die nur mit einer Vorrichtung an der Kasse entfernt werden können. Außerdem beschäftige Görtz nun einen „Doorman“. Anders als in anderen Läden trage der Mann, der bei einer Sicherheitsfirma angestellt ist, einen Anzug und keine Uniform mit Aufschrift.

Noch düsterer ist das Bild, das ein Sprecher eines Bekleidungsgeschäftes zeichnet. Den Firmennamen will er nicht in der Zeitung lesen. „Die Zahl der Leute, die überhaupt keine Skrupel mehr haben, nimmt zu“, sagt er. Deswegen rüste der Handel auf – personell wie elektronisch. Man könne aber viele Taten nicht verhindern.

Welche Tricks und Techniken das sind, das behalten die Händler meist für sich . Nur die Kaufhofsprecherin verrät, dass ihr Haus vor kurzem bei den Überwachungskameras am Eingang neue Modelle mit HD-Technik angeschafft habe. „Die liefern Bilder, so scharf wie Passbilder“, begründet Barbara Göller diese Investition.

Sicherheitsfirmen bieten neue Serviceleistungen an

In der Branche sind außerdem neue Systeme im Gespräch, bei denen an der Kasse ein Alarmknopf gedrückt werden kann. Der Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma in Stuttgart berichtet, dass er zwar keine steigende Nachfrage verzeichne, aber die Kunden würden nach neuen Modellen des Sicherheitsdienstes suchen. Eines sei etwa ein Wachdienst, der mehrere Geschäfte im Blick hat. „Aber das ist nicht zu verwechseln mit einem Streifendienst. Der ist Aufgabe der Polizei“, stellt der Fachmann klar, der namentlich nicht erwähnt werden will.

Dass die Einzelhändler verunsichert sind, hat Gründe. Jährlich entstehen in Deutschland Schäden in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro durch Ladendiebstahl, hat das Kölner Wirtschaftsinstitut EHI (ehemals Euro-Handels-Institut) berechnet. Die Stuttgarter Polizei kann jedoch nicht bestätigen, dass es zurzeit besonders schlimm sei. „Ladendiebstahl ist ein Massendelikt. Wir erfahren da nicht mal etwas von jeder Tat“, sagt der Polizeisprecher Jens Lauer. Die zuständigen Fachleute hätten „keine große Veränderung“ in den zurückliegenden Jahren festgestellt. Mal seien Diebe in Banden organisiert unterwegs, dann habe es die Polizei wieder mit Einzeltätern zu tun.

Auch gut betuchte Leute stecken in Edelboutiquen teure Waren ein

Dass es nicht immer eine Frage des Geldes ist, ob jemand kriminell wird oder nicht, davon kann Winni Klenk, Inhaber der Boutique Abseits am Kleinen Schlossplatz, berichten. „Erst am Samstag war wieder einer da, der gezielt zugegriffen hat. Das haben wir hinterher auf der Videoaufzeichnung gesehen“, sagt Klenk. Der Täter habe „einen recht guten Mantel und gute Lederschuhe“ getragen – sei also unter der Kundschaft nicht aufgefallen. Im Dezember sei eine Gruppe im Laden gewesen, die auf einen Schlag zehn Teile gestohlen habe, ein Schaden von bis zu 15 000 Euro, so Klenk. Er erwäge, zu den elektronischen Sicherungen nun auch noch Türsteher einzusetzen.




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