Ladestation für E-LKW Spedition an der Alb wird zum Truck-Stopp
Der Wandel hin zur Elektromobilität verlangt auch von Spediteuren massives Umdenken. Ein schwäbischer Mittelständler findet sich da als Strom-Dealer und Pausen-Versorger wieder.
Der Wandel hin zur Elektromobilität verlangt auch von Spediteuren massives Umdenken. Ein schwäbischer Mittelständler findet sich da als Strom-Dealer und Pausen-Versorger wieder.
Sieht so der „Truck-Stopp“ der Zukunft aus? Nur drei Minuten von der Ausfahrt Kirchheim-Ost an der Autobahn A8 entfernt, steht in einem unscheinbaren Industriegebiet eine 13 Meter hohe Halle überwölbt mit einem Dach von 70 Meter Spannweite. Ein nagelneu glänzender Elektro-Sattelschlepper steht vor einer der drei Ladesäulen, die heute an einem sonnigen Tag komplett mit dem Solarstrom vom Dach gespeist werden. Direkt ums Eck gibt es Pizza und Kebab, ein kleiner Supermarkt bietet alles Nötige für die Reise.
Doch an dem nach Angaben des Betreibers weltweit größten freitragenden Solar-Port steht nicht das Logo eines Tankstellenbetreibers oder eines Stromunternehmens. Es ist die mittelständische Dettinger Spedition Diez, die hier ab Oktober mit sechs Lkw-Schnellladepunkten sozusagen in die Rolle eines Raststättenbetreibers schlüpft.
„Wir wollen hier nicht nur unsere künftige E-Lkw-Flotte laden, sondern öffnen das auch für Fahrzeuge anderer Speditionen“, sagt Andreas Diez, Geschäftsführer des Familienunternehmens, das mit 70 Lastwagen im Nah- und Fernverkehr vor allem für Maschinenbauer in ganz Europa unterwegs ist. Kebab-Bude und Markt haben mit der Spedition selber nichts zu tun. Dass sie direkt benachbart sind, ist ein glücklicher Zufall. Diez selber bietet sanitäre Anlagen und Duschen.
Auch die Lage direkt an einer der wichtigsten Ost-West-Magistralen ist ideal. Man hatte auch den Vorteil, dass der örtliche Netzbetreiber in der Lage war, genügend Netzkapazitäten zur Verfügung stellen. Andere Speditionen in der Region mit Plänen für eigene Ladestützpunkte sind an der Kapazität des Stromnetzes gescheitert.
Bis zu 42 Lkw, so rechnet Diez vor, könnten bei einer üblichen Ladedauer von eineinhalb Stunden jeden Tag voll geladen werden: „Für eine Zwischenladung reicht aber auch die übliche Pausenzeit von einer Dreiviertelstunde.“
Laufkundschaft wird es nicht sein. „Das wird eine Art genossenschaftliches Modell“, sagt der Diez-Geschäftsführer. Das liegt nicht nur an den Förderrichtlinien für die Ladesäulen, sondern auch an einer Strategie, welche die Nutzung der Stromtankstelle optimieren soll.
„Nachts werden wir hier unsere eigenen Lastwagen aufladen, tagsüber wird das nach fester Vereinbarung für andere Speditionen zur Verfügung stehen.“ Die werden zu einem festen Strompreis und zu festgelegten Zeiten den Zugang zu den Ladesäulen abonnieren. Außerdem kooperiert man in Rahmen eines Pilotprojekt mit der Daimler-Lastwagensparte. Dort will man künftig ergänzend zum normalen öffentlichen Ladenetz, auch den Zugang zu solchen, sich rasch entwickelnden, halböffentlichen Ladenetzwerken eröffnen. Die Details werden aktuell noch verhandelt.
Im Gegensatz zur Diesel-Zapfsäule, die man irgendwo entlang der Route spontan für ein paar Minuten anfährt, fordert E-Mobilität eine komplexe Koordination. Wann macht der Fahrer seine Pausen? Wann ist innerhalb eines Tages der oft stark schwankende Strompreis am billigsten? Die Reichweite ist inzwischen das kleinere Problem. „Vor ein paar Jahren war noch nach 300 Kilometern Schluss – mit einem modernen Elektrolastwagen schaffen sie 600“, sagt Diez. Genaue Planung ist so oder so das Kerngeschäft einer Spedition. „Das Ökologische ist das eine – aber es muss sich auch rechnen“, sagt Diez.
In Dettingen gibt es zum Start eine Kapazität von mehr als 15 000 Lastwagen-Stopps im Jahr. Die Menge des so geladenen Stroms entspricht im Jahr fast 8 Gigawattstunden. Das entspricht etwa der Jahresstromerzeugung eines Windrades. Das vor 80 Jahren gegründete Unternehmen denkt bei der 1,5 Millionen Euro teuren Anlage in Jahrzehnten.
Der Einstieg ins Elektro-Ladegeschäft sei nicht trivial gewesen. „Es gibt ganz viele Dinge, die sie beachten müssen, wenn sie Strom verkaufen“, sagt Diez: „Energiewirtschaftlich, netztechnisch, stromeinkaufstechnisch“. Vom Spediteur zum Energiemanager zu werden sei ein Paradigmenwechsel gewesen. Man werde zum Beispiel über Stromhändler direkt an der Strombörse einkaufen. Die App mit den aktuellen Strompreisen trägt Diez auf seinem Smartphone bereits jederzeit in der Tasche. Es sei weniger die Technologie, sondern die Regulatorik, die im Weg sei: „Die Netzbetreiber und die großen Akteure im Strommarkt sind wegen ihres Geschäftsmodells gar nicht so motiviert, an dem System etwas zu ändern.“
Die Spedition Diez will voraussichtlich vom kommenden Jahr an mithilfe eines Batteriespeichers das eigene Strompotenzial noch besser ausnutzen. Aber auch die Lkw selbst seien mit ihren groß dimensionierten Batterien perfekte mobile Stromspeicher: „Wenn sie nachts auf dem Hof stehen, können sie die mit günstigem Überschussstrom aufladen – und ihn später ins Netz abgeben.“ Die smarte Strominfrastruktur hat man dafür auf dem Hof. „Wir wollen netzdienlich sein“, sagt Diez. Ein klug gemanagtes Netz mit grüner Stromproduktion sei für die Gesellschaft doch besser, als wenn das Geld fürs Öl nach Saudi-Arabien fließe.
Für Matthias Rathmann, Sprecher des baden-württembergischen Spediteursverbands VSL zeigt die Spedition aus Dettingen wie pragmatisch und aus wirtschaftlichem Anreiz heraus die Branche die Lücken im Lkw-Ladenetz schließt: „Wenn man seine eigene Ladeinfrastruktur hat, kann man sich etwas dazuverdienen und sich wechselseitig helfen. Das wird jetzt sehr schnell gehen.“