Sindelfingen - Sängerinnen im Jazz sind ein längst vertrautes Bild, bisweilen auch Instrumentalistinnen; aber gleich sechs Jazzerinnen auf einen Streich, das sieht man selten. Die guten Verbindungen der IG Kultur zur Stuttgarter Kontrabassistin Karoline Höfler machten es möglich. Diese stellte eine Formation, bestehend aus zwei Kölnerinnen (Kristina Brodersen-Altsaxophon und Laia Genc (Piano), den Münchnerinnen Barbara Jungfer (E-Gitarre) und Carola Grey (Schlagzeug), sowie der Ulmerin Isolde Werner (Gesang/Gitarre), zusammen.
Für die eigens für die Jazztage formierte „Ladies Jazz Night-Festival Band“ war der Sonntagabend im Kulturzelt auf dem „Grünen Platz“ quasi eine Welturaufführung, Dafür probte man am Sonntagmittag im Pavillon erstmalig zusammen und das Ergebnis konnte sich sehen und hören lassen. Mehr als das, denn die rund 60 Gäste standen förmlich Kopf, als das Konzert kurz vor 22 Uhr zu Ende ging.
„Es ist fast surreal“
Den Eröffnungsreigen gestaltete der „My Little Red Top“-Blues. Das Stück swingte schon mal ordentlich los. Isolde Werner legte ihr ganzen Vokalkünste rein, scattete und spielte den Ball an die Solistinnen Kristina Brodersen, Barbara Jungfer und Laia Genc weiter, die ihrerseits umgehend andeuteten auf welche Klasse man sich an diesem Abend freuen durfte.
„Es ist fast surreal, dass wir hier mit echten Menschen zusammenhocken. Wir freuen uns wahnsinnig!“ strahlte Karo Höfler mit Blick aufs gut gefüllte Zelt. Wer nun glaubte, dass diese zusammengewürfelte Formation nun einen Standard nach dem anderen runternudeln würde, wurde erfreulicherweise eines Besseren belehrt. Die Musikerinnen brachten allesamt Eigenkompositionen mit, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Doch eines hatten sie dennoch gemeinsam: Esprit und Tiefgang.
Das Publikum scheint entrückt
Gencs „Julimond“ leitete die Kompositionen der Damen ein, welche lediglich von wenigen Standards und einer Pause unterbrochen wurden. Höfler gab mit einem Basssolo als erste ihre Visitenkarte in puncto Instrumentenbeherrschung ab. Wunderbar schwebte sie über die schönen Harmonien des entspannten Themas. Das darauffolgende Saxophon-Solo knüpfte wie eine leichte Sommerbrise an. Das Publikum schien bereits schon jetzt so entrückt zu sein, dass das Solo-Ende kaum wahrgenommen wurde. Kreative Gitarren-Licks und ein einfühlsames Saxophon prägten auch Brodersens „Konstantinopel“, das mit einem „lächelnden“ Pianosolo endete. In ganz andere Welten führte das marokkanisch angehauchte „Gnawa“ von Gitarristin Jungfer oder deren „Honiglicht“-Spaziergang mit ihrer kleinen Tochter. Ihr eher rockiges „Wolumla Skies“ mit Rockgitarren-Solo und einem Schlagzeug, das filigrane rhythmische Duftmarken setzte, führten in die Pause.
Ein Stück zum Wegträumen
Danach war erstmalig zu bestaunen, dass Isolde Werner nicht nur über eine imposante Stimme verfügt, sondern es auch versteht, die akustische Gitarre zu zupfen. Im Dreiertakt glänzte Brodersen mit einem „Laid Back“-Saxophonsolo. Die Formation kam immer wieder in verschiedenen Besetzungen auf die Bühne. Karoline Höflers Absicht war, damit für möglichst viel Abwechslung zu sorgen. So war bei „Little One, I‘ll Miss You“ ein klassisches Jazztrio mit Piano, Bass und Drums in Aktion, das vor allem mit einem äußerst kreativen Pianosolo geschmückt war. Thelonious Monks „Ruby My Dear“ wurde gar nur im Duo dargeboten. Voller Zartheit und mit butterweichem Alt-Saxophon verleitete dieses Stück geradezu zum Wegträumen.
Auf Trio und Duo musste konsequenterweise ein Solo folgen. Carola Grey saß alleine an ihrem Drumset. Ihre Kolleginnen seien bereits „in Deckung gegangen“, ließ die Schlagzeugerin die Zuhörer wissen. Es folge ein fulminantes Schlagzeug-Feuerwerk mit indischer Rhythmik und Trommelsprache. Das Publikum war aus dem Häuschen.
Münchener Powerfrau am Schlagzeug
Die humorvolle Rhythmus-Power-Frau aus München zeichnete sich schließlich auch verantwortlich für das große Finale: „Mad Chicks Fly“ ging funky zur Sache und nach „Navajo“ zeigte Grey hier zum zweiten Mal, dass sie auch über eine gewaltige Stimme verfügt. Vor allem zog hier Laia Genc alle Register ihres pianistischen Könnens und manchem fiel es wohl schwer, still auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, denn das Tanzbein zuckte schon gewaltig.
Nachdem die Combo frenetisch gefeiert wurde, blieb die lautstark geforderte Zugabe nicht aus. Bei den „trockenen“ und schönen „Seven Steps To Heaven“ zu verweilen, wäre dann allerdings wesentlich attraktiver gewesen, als mit deutlich mehreren „Steps“ durch den inzwischen aufgekommenen Regenguss vom „Heaven“ zum Auto oder einem sonstigen Fortbewegungsmittel zu gelangen.