Lärm-Frust Korntal-Münchingen Autobahn, Straßen, Schienen: Die Stadt soll leiser werden – aber wie?

Entlang der Südstraße in Korntal verlaufen Schienen. Anwohner bekommen sowohl den Lärm von Autos als auch der Bahn ab. Foto: Simon Granville

Das Thema Lärm erhitzt die Gemüter. Kommunen müssen darlegen, was sie tun, um Bürger vor Krach zu schützen. Doch sie sind teils selbst machtlos – wie Korntal-Münchingen zeigt.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

In Korntal-Münchingen kann es ziemlich laut werden. Zu hören ist der Verkehr von der Autobahn 81, der Bundesstraße 10 und den Landesstraßen. Obendrein fahren durch die Stadt die Strohgäubahn und die S-Bahn. Vorigen Sommer stellte der Technische Beigeordnete Kai Langenecker fest, die Lärmsituation gerade in Korntal sei nicht gut. Die Stadt muss handeln.

 

Im Kampf gegen den Krach schreibt sie ihren Lärmaktionsplan fort – wie andere Kommunen auch. Darin steht, was getan wird, um Krach zu reduzieren und Anwohner zu entlasten. Dabei wird die Lärmsituation im Ort anhand schalltechnischer Berechnungen ermittelt und bewertet. Maßgeblich sind die Lärmpegel an den Gebäuden als auch die Anzahl der Menschen, die vom Lärm betroffen sind.

Beim Lärm sind die Hände gebunden: „Unser Handlungsspielraum ist begrenzt“

Die Ernüchterung ist nun aber groß, und die Sinnhaftigkeit des Aktionsplans steht infrage. Wirklich zufrieden ist keiner, wenige Tage bevor der Gemeinderat am 5. Februar dem Entwurf zustimmen soll. Anwohner bleiben verärgert. Dabei arbeitet die Stadt seit geraumer Zeit an dem Dokument. Mit dem Planungsbüro Accon hat sie drei Lärmschwerpunkte ermittelt und Maßnahmen vorgeschlagen, damit es für die betroffenen Anwohner leiser wird. Doch „unser Handlungsspielraum ist begrenzt“, sagt Kai Langenecker.

Die Stadt muss an Straßenlärm ran. Die Lärmschwerpunkte Südstraße – belastete Gebäude befinden sich in der Sonnenbergstraße und der Stettiner Straße –, dazu Solitudeallee bis Zuffenhauser Straße sowie der Kreuzungsbereich der B 10 und A 81 sind zwar Straßen. Doch ob überall etwas im Sinne der lärmgeplagten Anwohner geschieht, ist trotzdem fraglich.

Tempolimit ja oder nein? Auch Stuttgart will an die Südstraße ran

Beispiel Südstraße, die Landesstraße 1143: Für mehr Ruhe kämpfen Anwohner schon lange. Als Interessengemeinschaft haben sie Kontakt zur Stadtverwaltung. Die will die Geschwindigkeit auf der Südstraße von Tempo 60 auf 30 reduzieren. Was die Mitglieder des Technikausschusses – er spricht dem Gemeinderat Empfehlungen aus – aber mehrheitlich ablehnen. Ebenso Tempo 40, was die CDU ins Spiel brachte. Manche Räte wollen die Hauptverkehrsstraße nicht mit zu strikten Tempolimits beschränken. Andere befürchten, dass Autofahrer dann auf Wohngebiete ausweichen. Auch das Landratsamt als zuständige Straßenverkehrsbehörde lehnt ein Tempolimit ab. Vielleicht helfen die Pläne der Nachbarstadt: Auch Stuttgart möchte auf ihrem Teil der Südstraße ein Tempolimit haben.

Neben dem Straßenlärm haben genannte Anwohner auch Krach von der Schiene. Die Stadtverwaltung spricht von einer „relativ hohen Belastung“. Für den Lärm von S-Bahn und Güterzügen samt lärmmindernden Maßnahmen ist das Eisenbahnbundesamt zuständig. Zufriedenstellend ist das für die Stadt nicht: Die Bahn mache nur das Minimum, meint Kai Langenecker. Nichtsdestotrotz richtet sich die Kritik der Anwohner auch an die Verwaltung – sie hätten sich im Lärmaktionsplan mehr Daten zum Bahnlärm gewünscht. „Die fehlenden Daten sorgen dafür, dass der Entwurf nur einen Teil der Lärmrealität darstellt. Denn zu den Immissionen der Straße addieren sich Immissionen der Bahntrasse mit ähnlich hohem Beurteilungspegel“, klagen sie.

„Ohne Bahnlärm keine echte Lärmbetrachtung“, kritisieren Anwohner

Doch der Lärm von Straße und Schiene kann laut Langenecker nicht einfach addiert werden: Der Gesetzgeber sehe vor, dass beides getrennt voneinander betrachtet wird – und sich jeder Verantwortliche (Stadt, Kreis, Bahn) um seine Lärmquelle kümmert. Doch „ohne die Berücksichtigung des Bahnlärms erschließt sich die Gesamtlärmbelastung der Anwohner nicht“, monieren diese. Dass es keine Gesamtlärmbetrachtung gibt, löst auch unter Gemeinderäten und in der Stadtverwaltung Kopfschütteln aus. „In der Praxis führt diese Trennung nicht zwangsläufig zum besten Ergebnis.“

Mit Bahnlärm meinen die Anwohner zudem den der Strohgäubahn. Aber auch sie bleibt unberücksichtigt: Weil laut den vorliegenden Zahlen dort pro Jahr weniger als 30 000 Züge verkehren, gehört die Strohgäubahn nicht zum Pflichtteil eines Aktionsplans. Aus Kostengründen lehnt die Stadt eine freiwillige Untersuchung des Lärms ab. Die Anwohner indes bezweifeln die Richtigkeit der Zahlen.

Wegen des Lärms der Strohgäubahn wird seit vielen Jahren vor Gericht gestritten. Foto: Simon Granville

Wegen der nächtlichen Rangierfahrten der Strohgäubahn und der Werkstatt wird seit Jahren vor Gerichten gestritten. Auf Nachfrage unserer Zeitung zu noch offenen Lärmschutzarbeiten auf Korntaler Markung teilt das Landratsamt Ludwigsburg mit: Wohl im Laufe des Jahres werde in Bezug auf die Werkstatt Klarheit über die nötigen Schallschutzmaßnahmen herrschen. Hier ist das Regierungspräsidium Stuttgart die Genehmigungsbehörde.

Teurer Lärmschutz: Stadt müsste hohe Kosten selbst tragen

Für den Autobahnlärm wiederum ist die Autobahn GmbH zuständig. Ein Tempolimit würde kaum Besserung bringen, allenfalls lärmmindernder Asphalt bei einer Sanierung. Höhere Lärmschutzwände müsste die Stadt selbst bezahlen – und das würde richtig teuer. Realistisch sind Lärmschutzfenster. Die muss die Stadt dann bei der Autobahn GmbH beantragen.

Auch wenn die Stadt an vielen Stellen machtlos ist: Sie hält den Lärmaktionsplan für „ein wichtiges Instrument, um Lärmbelastungen hinreichend zu objektivieren und damit Betroffenheiten einheitlich zu bewerten und transparent darzustellen“. Abgeleitete Maßnahmen hätten landesweit bereits vielen Menschen geholfen – und täten das auch künftig. Dennoch könne man mit Blick auf Aufwand und Nutzen einer Maßnahme nicht jedem lärmgeplagten Bürger helfen.

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