Verkehrslärm macht krank. Die Stadt Sindelfingen arbeitet an einem Plan, um die Belastung für die Bürger zu reduzieren. Foto: Imago/Shotshop
Die Stadt Sindelfingen arbeitet an einem Lärmaktionsplan, der eigentlich schon vor zwei Jahren hätte fertig sein sollen. Auch die Bürger sollen mitreden dürfen.
Gegen Sindelfingen läuft die Klage beim Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg. „Seit Juni vergangenen Jahres haben wir vom Gericht nichts mehr gehört“, sagte Robin Kulpa, Bereichsleiter bei der DUH auf Anfrage unserer Zeitung. Er will deshalb demnächst mal nachhaken.
Die Lärmbelastung wird über ein kompliziertes Modell berechnet
Immerhin arbeitet die Stadt Sindelfingen nun seit einigen Wochen aktiv an der Erstellung eines Lärmaktionsplans (LAP), der in das umfassendere Konzept eines Aktionsplans für Mobilität, Klima- und Lärmschutz (AMKL) integriert werden soll. „Andere Städte sind da schon weiter“, sagte der neue Oberbürgermeister Markus Kleemann, der den Prozess auch in Sindelfingen beschleunigen möchte. Betraut wurden mit der Arbeit die Verkehrsplanungsbüros ISME und IGV aus Stuttgart. Am Donnerstagabend stellten die Büros gemeinsam mit der Stadtverwaltung die ersten Analysen und Strategien in einer Online-Veranstaltung der Öffentlichkeit vor. „Im Moment befinden wir uns in der Analysephase“, erklärte Moritz Jordan vom Büro IGV. Wichtigster Punkt sei dabei die Prüfung der Höhe des Verkehrslärms.
Der Lärm der Fahrzeuge wird aber nicht gemessen. „Das funktioniert nicht, weil es ja auf der Straße auch andere Geräusche gibt wie Stimmen oder Vogelgezwitscher“, erklärte Jordan. Deshalb wird der Lärm an bestimmten Straßen und neuralgischen Punkten mit einem komplizierten Modell berechnet. In die Berechnung fließt ein, wie viele Fahrzeuge dort täglich fahren, welcher Straßenbelag liegt, wie dicht die Bebauung ist, welche Geschwindigkeiten erlaubt sind und vieles mehr. Bereits im Sommer wollen die Experten dann eine genaue Lärmkarte für Sindelfingen fertig haben. Überschreiten die Lärmwerte dann an einzelnen Straßen die Marke von tagsüber 65 Dezibel und nachts 55 Dezibel, müssen Maßnahmen gegen den Lärm ergriffen werden.
Punkten kann Sindelfingen mit Ladesäulen für E-Fahrzeuge
Analysiert haben die Fachleute auch die Verkehrssituation. Und die ist in der Autobauerstadt nicht so schlecht. „Nur 47 Prozent der innerörtlichen Wege erfolgen mit dem Auto“, sagte Moritz Jordan. „Das ist weniger als in Böblingen und weniger als im Landes- und Bundesdurchschnitt.“ Häufiger als anderswo würden Wege in Sindelfingen mit dem Rad zurückgelegt, so der Experte. „Dieses Ergebnis spiegelt sich aber nicht in der Wahrnehmung wieder, wenn man innerörtlich unterwegs ist.“
Punkten kann die Stadt laut Jordan bei der E-Mobilität. Bereits 120 öffentliche Ladepunkte für E-Fahrzeuge gibt es in der Stadt. Bis 2030 sollen das Netz auf 500 ausgebaut werden. Damit stehe Sindelfingen besser da als beispielsweise Esslingen, wo es aktuell gerade einmal 36 Ladestationen gibt.
Nicht nur beim Radverkehr sehen Experten noch Luft nach oben
Verbesserungsbedarf sehen die Experten aber beim Radverkehr. Zwar existiert ein Radnetzplan, doch dieser sei nur in Teilen umgesetzt. Ausgebaut werde müsse auch das Carsharing. Nur sechs Carsharing-Autos gibt es in der Stadt. „Ludwigsburg hat 45“, sagte Jordan. Bemängelt wurde auch, dass die Stadt nur an manchen Stellen barrierefrei zu begehen sei. „Es fehlt ein durchgängiges Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte in der Innenstadt.“All diese Punkte müssten in den Aktionsplan einfließen.
Um Lärm zu reduzieren, gibt es dann verschiedene Möglichkeiten wie Tempo 30, Durchfahrtsverbote für Lastwagen oder auch das Aufbringen von Flüsterasphalt. Doch jede Maßnahme habe Vor- und Nachteile. So führe eine durchgängige Temporeduzierung auf Tempo 30 in Sindelfingen auch dazu, dass die Busse langsamer fahren. „Für die Linie 701 haben wir das errechnet. Es bedeutet, dass sie zwei bis vier Minuten verliert und dadurch unter Umständen Anschlüsse am Bahnhof nicht erreicht werden.“ Auch das müsste berücksichtigt werden.
Die Lärmreduzierung soll nicht auf die lange Bank geschoben werden
Im Herbst wollen die Experten dann ihre Ergebnisse vorstellen und Vorschläge für die Verbesserung der innerörtlichen Mobilität und für eine Lärmreduzierung machen. Dann sind die Bürger gefragt. Sie sollen Stellungnahmen zu den Vorschlägen abgeben. Auch ein Workshop ist geplant.
Es gehe nicht darum irgendwelche Vorgaben zu erfüllen, betonte OB Kleemann. „Wir wollen intelligente Lösungen für unsere Stadt.“ Und diese sollen dann zügig umgesetzt werden. Vielleicht so zügig, dass sich die Klage der DUH erledigt.