Eine Zusage für Lärmschutzwände lässt Anwohner aufatmen, aber auch zweifeln. Ein Beteiligter äußert Bedenken zum angekündigten Baubeginn.
Erfreut, ungläubig, skeptisch – so reagieren die Anwohner der Strohgäubahn auf eine Ankündigung des baden-württembergischen Verkehrsministeriums, es werde ein Lärmschutz entlang der Schienen gebaut. Es sei die „Errichtung von Lärmschutzwänden an der Betriebswerkstatt der Strohgäubahn ins Auge gefasst“, teilte das Ministerium schriftlich vor wenigen Wochen dem Korntaler Klaus Föll mit. Seit mehr als zehn Jahren streiten er und Thomas Herwig mit den Behörden unter anderem um einen Lärmschutz entlang der Bahntrasse. Jetzt soll dieser endlich kommen?
Klaus Föll reagiert daher zurückhaltend-skeptisch. Er hatte sich zuletzt mit einer Fachaufsichtsbeschwerde wegen Untätigkeit des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart an das Ministerium gewandt. In seiner Antwort schreibt das Verkehrsministerium Anfang April, dass „nunmehr die Errichtung von Lärmschutzwänden an der Betriebswerkstatt der Strohgäubahn ins Auge gefasst“ worden sei. Die Ausschreibung für den Bau läuft, Unternehmen können bis Ende April ihre Angebote abgeben. Gebaut werden soll demnach bald, so versteht Föll das Schreiben.
Die Anwohner freuen sich, dass sich beim Lärmschutz endlich etwas tut
„Ich freue mich, dass ein Lärmschutz geschaffen wird“, sagt Anwohner Herwig. Wenngleich die Ankündigung überraschend käme, sei es doch das „Ergebnis von mehr als zehn Jahren Klagetätigkeit“. Zufrieden sei er, dieses Ziel nun erreicht zu haben.
13 Jahre schon währt die Auseinandersetzung der Anwohner mit dem Zweckverband, in dem die Strohgäubahnanrainer Ditzingen, Hemmingen und Korntal-Münchingen sowie der Landkreis vertreten sind, um die Bahninfrastruktur gemeinsam zu finanzieren. Die Anwohner werfen dem Zweckverband gesetzeswidriges Verhalten vor, weil er sie ihrer Meinung nach nicht ausreichend vor Lärm schützt und für Fahrten unmittelbar nach Betriebsende zum Abstellen der Züge in Korntal keine Erlaubnis hat. Genehmigen muss diese Fahrten die Aufsichtsbehörde des Zweckverbands, das RP. Weil beide Punkte seit Jahren ungeklärt sind, hatte sich Föll an das Ministerium gewandt.
Die Anwohner haben den Lärm der Strohgäubahn vor der Tür. Zugleich sind sie mit den Emissionen der Güterzüge und der parallel verlaufenden Verbindungsstraße nach Stuttgart konfrontiert. Zuständig sind unterschiedliche Ämter und Behörden, die auch jeweils für den Lärmschutz verantwortlich sind. Für die Anwohner kommt dies einem Kampf gegen Windmühlen gleich.
Anwohner fordern Schutz vor Lärm der Strohgäubahn und ihrer Werkstatt
In dieser Situation wollen die Anwohner einen Schutz gegen den Lärm der Strohgäubahn und deren 2014 gebaute Werkstatt. Konkret plädieren sie für eine Lärmschutzwand zwischen Strohgäubahn und Wohnhäusern. Doch die kostet. Schon mit der Inbetriebnahme der Werkstatt hatte der Zweckverband eine Lärmschutzwand aus Kostengründen abgelehnt. In der Folge war der fehlende Lärmschutz Ursprung zahlreicher Auseinandersetzungen vor Gericht. Manche davon sind beendet, manche nicht.
Der Lärmaktionsplan, den die Stadt Korntal-Münchingen regelmäßig fortschreiben muss, hilft in dieser Situation nur bedingt. Darin hält eine Kommune fest, was getan wird, um Anwohner vor Krach zu schützen. Der Lärm der Strohgäubahn bleibt aber außen vor: Laut den vorliegenden Zahlen fahren pro Jahr weniger als 30 000 Züge. Deshalb gehört die Strohgäubahn nicht zum Pflichtteil eines Aktionsplans. Ihren Lärm freiwillig zu untersuchen, würde die Stadt viel Zeit und Geld kosten.
Anwohner Herwig soll nach dem Willen der Stadt ausziehen
An der Stadt und deren Bürger Herwig und Föll zeigt sich die Komplexität der Sache: Herwig, der im ehemaligen Bahnbetriebshäuschen in der Weilimdorfer Straße wohnt, und sein jenseits der Gleise lebender Mitstreiter Föll pochen beim Zweckverband auf einen Lärmschutz. Zugleich will Herwig bei der Stadt erwirken, weiterhin im Bahnbetriebshäuschen wohnen zu dürfen. Die Stadt spricht ihm aus Lärmgründen das Wohnen dort ab. Die Gerichte müssen entscheiden – der Bau einer Lärmschutzwand dürfte Einfluss auf die Entscheidung haben. Bauherr der Wand ist der Zweckverband – dem auch die Stadt angehört.
Auf die komplexe Situation verweist der im Landratsamt angesiedelte Zweckverband. Ungeachtet der ungeklärten Frage, wie viel Lärm die Werkstatt verursachen dürfe, beschäftige sich der Verband bereits mit möglichen Lösungen für den Lärmschutz, teilt der Verbandssprecher mit. „Da es sehr wahrscheinlich ist, dass Lärmschutzwände nötig sein werden, haben wir die Planungsleistungen vorsorglich schon ausgeschrieben, um keine Zeit zu verlieren. Die konkrete Planung hängt dann davon ab, welche Lärmwerte künftig eingehalten werden müssen – und das ist, wie gesagt, noch nicht endgültig geklärt.“
Für die Anwohner indes kommt der Brief aus dem Ministerium, das darin enthaltene positive Signal nach all den Jahren bereits einer Zusage gleich. Warum die Behörden gerade jetzt, so vergleichsweise plötzlich und unvermittelt aktiv werden – bleibt offen. Das wiederum lässt Raum zur Spekulation. Spielt die vor wenigen Wochen getroffene Entscheidung für den „starken Bahnknoten“ eine Rolle?
Ziel des Landes ist es, den Schienenknoten Stuttgart bis 2040 mit dem sogenannten Nahverkehrs-Dreieck mit direkten Verbindungen zwischen den Bahnhöfen Vaihingen, Feuerbach und Bad Cannstatt weiterzuentwickeln, um die S-Bahn-Stammstrecke und den neuen Tiefbahnhof zu entlasten, wie das Land mitteilt. Damit wäre auch die Zukunft der Panomarabahn in Stuttgart zwischen dem Nordbahnhof und Vaihingen gesichert. Sie könnte in das bestehende S-Bahn-Netz eingebunden, in den geplanten Streckenverlauf zwischen Vaihingen und Heimerdingen auch die Strohgäubahn integriert werden.
„Zeitplan ist total unrealistisch“: Strohgäubahn-Anwohner bleibt skeptisch
Gab also ein mögliches Großprojekt den Ausschlag für die Zusage, die Lärmschutzwand in Korntal zu bauen? Das Land verneint einen Zusammenhang. Das Thema Lärmschutz sei nicht Bestandteil der im März unterzeichneten Rahmenvereinbarung, teilt eine Ministeriumssprecherin mit.
Der Korntaler Anwohner Klaus Föll hat eine andere Vermutung. „Es könnte der Druck gewesen sein, den wir seit zehn Jahren ausüben.“ Aber auch er weiß es nicht. Just diese Ungewissheit nährt seine Skepsis. Zumal bereits Mitte Mai Baubeginn sein soll. „Der Zeitplan ist total unrealistisch.“ Er glaubt der Ankündigung des Ministeriums erst, wenn die Lärmschutzwand gebaut wird.