Lärmschutz in Stuttgart Schienen schmieren gegen quietschende Räder

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Die Bahn testet in Stuttgart Bad Cannstatt innovative Maßnahmen für den Lärmschutz – unter anderem mit Schmiermittel.

  Foto: Stollberg
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Stuttgart - Wenn ein Güterzug am Sommerrain vorbeidonnert, haben Fernseher und Gespräche Zwangspause: „Da versteht man im Wohnzimmer sein eigenes Wort nicht mehr“, sagt Roland Schmid, der Sprecher der CDU-Bezirksbeiratsfraktion Bad Cannstatt. Er spricht aus eigener Erfahrung: Schmid wohnt selbst in dem Cannstatter Stadtteil und wird von seinen Nachbarn seit vielen Jahren immer wieder auf den Bahnlärm angesprochen.

Vor allem die Anwohner des unteren Sommerrains hätten unter den ungeschützt auf dem Damm bretternden Personen- und Güterzügen zu leiden, die auch abends und nachts verkehren. Mit steigenden Temperaturen im Frühjahr steige auch die Zahl der Beschwerden erfahrungsgemäß an: „Wenn die Leute im Garten sitzen oder die Fenster offen lassen, ist es natürlich besonders laut“, sagt Schmid.

Nun scheint Abhilfe in Sicht: Bereits ­Ende des vergangenen Jahres hat die ­Deutsche Bahn auf einem Plakat an der ­S-Bahn-Haltestelle Nürnberger Straße innovative Lärmschutzmaßnahmen angekündigt, kurz darauf haben Passanten „weiße Balken“ etwa 30 Zentimeter über dem Gleisbett entdeckt. Hinter den mysteriösen weißen Kästchen verbirgt sich zwar noch nicht die Lärmschutzmaßnahme, aber deren Vorboten: „Es handelt sich um den Kabelkanal für die auf der Strecke Cannstatt–Fellbach geplanten Schienenschmieranlagen“, sagt ein Bahnsprecher.

Enge Kurven eignen sich gut für Tests

Diese sind eine von mehreren innova­tiven Lärmschutztechnologien, welche die Bahn im Rahmen des Konjunkturprogramms II der Bundesregierung erprobt. Im Ausland habe man gute Erfahrungen mit automatischen Schienenschmieranlagen gemacht, in Deutschland betritt man Neuland. In der Region Stuttgart sollen in diesem Jahr drei Pilotanlagen installiert werden – in Wendlingen am Neckar, an den S-Bahn-Gleisen zwischen Böblingen und Renningen sowie auf einem 2,5 Kilometer langen Abschnitt auf der Strecke Cannstatt–Fellbach. Diese Strecken sind für die Tests besonders geeignet, weil sie enge Kurven aufweisen: Die Schienenschmiere soll das dort entstehende Kreischen und Quietschen reduzieren.

Generell hänge die Form des gewählten Lärmschutzes von den örtlichen Gegebenheiten ab, so der Bahn-Sprecher: In einem tief eingeschnittenen Tal etwa seien klas­sische Lärmschutzwände so unschön wie nutzlos. Umso wichtiger seien deshalb neue Technologien wie die Schienenschmieranlagen. Bevor diese montiert werden können, werden Nullmessungen gemacht. Sie dienen später als Vergleichs­werte, um den Nutzen der Maßnahme überprüfen zu können. Zum Vergleich: eine Lärmschutzwand reduziert den Schall um knapp zehn Dezibel. Das entspricht einer Halbierung des gehörten Lärms.

Bevor eine neue Technologie in das Portfolio der Lärmschutzmaßnahmen der Deutschen Bahn aufgenommen wird, sind viele Tests nötig, die etwa ein Jahr lang dauern: Unter anderem muss die optimale Dosierung der Schmiermittel ermittelt und die Anlage bei unterschiedlichen Wetterbedingungen getestet werden. Erst dann könnten Angaben zu den Kosten gemacht werden, sagt der Bahn-Sprecher.

Spätestens Ende Juni wird man wohl mehr wissen: Dann soll die Schienenschmieranlage zwischen Bad Cannstatt und Fellbach in Betrieb gehen.

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