Lagerfeuer-Fernsehen „Wetten, dass..?“ war vorgestern
Thomas Gottschalk darf noch mal ran. Und manche weinen „Wetten, dass..?“ auch nach. Aber das TV-Lagerfeuer sieht längst ganz anders aus, meint unser TV-Kritiker.
Thomas Gottschalk darf noch mal ran. Und manche weinen „Wetten, dass..?“ auch nach. Aber das TV-Lagerfeuer sieht längst ganz anders aus, meint unser TV-Kritiker.
Stuttgart - Wenn man all die klugen und besorgten, die nörgeligen und die nostalgischen Artikel, Aufsätze und Kommentarmanuskripte der vergangenen 20 Jahre zum Ende des Lagerfeuer-Fernsehens zu einem Papierstapel schichten könnte, man hätte nicht bloß Material für ein zünftiges Lagerfeuer. Man könnte den Brand des alten Roms in den Tagen des Kaisers Nero nachstellen. Das wäre eine nette Saalwette für „Wetten, dass..?“ gewesen.
Wenn Thomas Gottschalk am Samstag noch einmal eine Ausgabe dieser schon 2014 abgesetzten Show moderiert, wird man drumherum wieder ein paar Sehnsuchtsstücke lesen können: Ach, hätten wir doch noch das Lagerfeuer-Fernsehen, den Röhren-TV-Abend, zu dem sich die ganze Familie versammelte – so, wie die Nachbarsfamilien links und rechts, oben und unten.
Man könnte da kaltschnäuzig erwidern: Aufgewacht, die Zeiten ändern sich. Beim Sendestart von „Wetten, dass..?“ im Jahr 1981 konnten die Nostalgiker von damals ja auch schon beklagen, dass sich die Familien heutzutage einfach irgendwie in arg saloppen Klamotten auf die Couch und gar auf den Teppich lümmelten. Früher dagegen zog man sich noch fein an für die Samstagabend-Show, saß aufrecht und zelebrierte das Ganze, als sei man in die Oper ausgegangen. Die Programmansagerinnen und die Moderatoren (damals ein Männerjob) bemühten sich schließlich auch nach Kräften, dem Publikum einzubläuen, hier biete das Fernsehen gerade etwas besonders Festliches, ein exquisites Großereignis, das nur zufällig im gleichen Glotzkasten steckte wie sonst die „Sportschau“ und das „Sandmännchen“.
Das Bewusstsein ist ein anderes geworden, bei den Fernsehmachern und bei den Konsumenten. Auch die rührend naiven Zuschauer der frühen Fernsehjahre, die sich noch mal sorgfältig kämmten und ihr Strickjäckchen proper zurechtzupften, bevor sie sich vor den Apparat setzten, weil sie nicht sicher waren, ob die TV-Promis nicht durch die Kamera hindurch zu ihnen ins Wohnzimmer schauen konnten, erscheinen dem Medienvielnutzer von heute wie die dreiste Erfindung eines Komödienschreibers. Dabei hat es sie wirklich gegeben.
Aber man muss gar nicht mit den Hinweis auf den Lauf der Zeit alle Lagerfeuersehnsucht beiseitewischen. Man kann auch mal hinterfragen, ob diese Verfallsbehauptung wirklich Bestand hat.
Gewiss, die Menschen sitzen nicht mehr alle zur selben Zeit vor demselben Programm. Es gibt dann auch nicht mehr unbedingt diese Jede(r)-kann-mitreden-Runden montagmorgens am Arbeitsplatz, bei denen jeder eine Meinung haben konnte, ob Vico Torrianis Sakko beim „Goldenen Schuss“ nicht ein bisschen zu eng geschneidert war.
Aber die Menschen konsumieren heutzutage sogar mehr Bewegtbilder als früher. Und sie kommunizieren darüber mindestens so viel wie früher – auf den Social-Media-Kanälen. Es ist durch das Überangebot der Sender, Streamingdienste und Videoportale zwar gut möglich, irgendetwas zu sehen, was aktuell kein anderer kommentieren kann. Aber wenn etwas Reichweite erzielt und für Gesprächsstoff sorgt, gerade etwa die Serie „Squid Game“, sind Gesprächsfaktor, Gemeinschaftsbildung und die Schaffung kollektiver Bezugspunkte so stark wie einst.
Das Lagerfeuer ist nun ein zeitversetztes Event. Es brennt, und immer neue Menschen setzen sich dazu, hinterlassen Nachrichten, gehen wieder weg. So ein viele Köpfe lange Zeit beschäftigendes Event zu schaffen ist für die Programmmacher durch die Masse an Mitbewerbern lediglich schwerer als früher. Kleine Wette gefällig? Eine dauerhafte Neuauflage von „Wetten, dass..?“ wäre da kein konkurrenzfähiges Angebot.