Laien helfen bei Forschungsprojekt Jeder Affe zählt

Von Kerstin Viering 

Für das Max-Planck-Institut Leipzig werten Tierfans Filme aus afrikanischen Fotofallen aus.

Fotofallen in Afrika haben mehr als 600 000 Video von Affen und anderen Tieren aufgezeichnet. Bei der Auswertung helfen interessierte Laien. Fotos: Alen-D - stock.adobe.com Foto:  
Fotofallen in Afrika haben mehr als 600 000 Video von Affen und anderen Tieren aufgezeichnet. Bei der Auswertung helfen interessierte Laien. Fotos: Alen-D - stock.adobe.com Foto:  

Leipzig - Äste, Blätter, Baumstämme und ein paar Steine. Auf den ersten Blick ist in der kurzen Videosequenz nichts Besonderes zu entdecken. Also das Ganze noch mal in Zeitlupe abspielen: Verbirgt sich da ein Tier im Schatten? Sind die dunklen Silhouetten in den Baumkronen nicht vielleicht doch Affen statt Äste? Nein. Also klickt man auf „hier ist nichts“ und schaltet weiter zum nächsten Film. Auch der gibt allerdings nicht mehr her. Und der dritte auch nicht.

Beim vierten aber tobt plötzlich das bunte Leben über den Bildschirm: Zwei kleinere Paviane jagen sich am Ufer eines Tümpels entlang, zwei größere fischen Fressbares aus dem Wasser, ein fünfter eilt aus dem Bild, eine Mutter stillt ihr Kind. Nun sind etliche Mausklicks gefragt, um die Sequenz einzuordnen: Einer für die Schublade „Affe oder Halbaffe“, einer für „mehr als fünf“ und einer für den Aufenthaltsort am Boden. Auch die gezeigten Verhaltensweisen lassen sich grob einsortieren: „Fressen“, „Säugen“, „soziale Interaktion“ und „Fortbewegung“. Nächstes Video.

Wer sich durch die Filme auf der Website des Bürgerforschungsprojekts „Chimp & See“ klickt, kann mithelfen, die Geheimnisse von Schimpansen, Pavianen und anderen afrikanischen Tieren zu lüften. Solche Mitmachprojekte für Laienforscher gibt es inzwischen für viele Fachgebiete: Man kann Schmetterlinge zählen, im Sediment von Seen nach Mikroplastik fahnden oder eine Online-Expedition in die afrikanische Tierwelt unternehmen.

Mitmachprojekt für Laien

„Wir suchen Mitstreiter, die Clips von Fotofallen in Afrika auswerten“, sagt Hjalmar Kühl vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er und seine Kollegen interessieren sich vor allem dafür, wie sich die Verhaltensweisen von Schimpansen in verschiedenen Regionen des Kontinents unterscheiden und woran das liegt. Warum nutzen die Tiere in einigen Regionen Werkzeuge und in anderen nicht? Warum leben in manchen Gruppen deutlich mehr Männchen als Weibchen, während es in anderen genau umgekehrt ist? Um solche Fragen zu beantworten, muss man zahllose Beobachtungen vergleichen.

„Es gibt dazu zwölf über Afrika verteilte Forschungsstationen, in deren Umgebung die Tiere an den Menschen gewöhnt sind, so dass sie sich gut beobachten lassen“, sagt Hjalmar Kühl. Aber das reicht nicht. Denn in Sachen Kultur sind Schimpansen ausgesprochene Individualisten. Was in einer Region angesagt ist, kann anderswo völlig unbekannt sein. „Nur von den zwölf Stationen auf das Verhalten aller Schimpansen schließen zu wollen, muss daher schiefgehen“, erklärt der Leipziger Forscher. „Das wäre so, als würde man wenige Menschen aus zwei Ländern studieren und daraus Rückschlüsse auf die gesamte Menschheit ziehen.“

Andererseits kann man auch nicht in jedem Schimpansengebiet eine eigene Forschungsstation aufbauen, das wäre zu aufwendig und zu teuer. Also haben Hjalmar Kühl und seine Kollegen 2010 ein Programm ins Leben gerufen, um mehr Informationen zusammenzutragen. In insgesamt 40 weiteren Regionen haben sie dazu ein Jahr lang Kamerafallen aufgestellt, genetische Proben analysiert und untersucht, wie viele Früchte und andere für Schimpansen wichtige Ressourcen die einzelnen Lebensräume bieten. Das Pro­blem ist nur, dass jemand all dieses Material auch auswerten muss. Allein die Wildtierkameras haben 600 000 Videos aufgezeichnet. Da sind die Wissenschaftler froh über jeden Freiwilligen, der mitmacht und die Filme sichtet.

Schimpansen posieren vor der Kamera

Dabei muss sich jeder Schimpansenfahnder durch eine Menge Clips kämpfen, in denen weder ein Menschenaffe noch sonst ein Tier zu sehen ist. „Oft werden die Kameras einfach durch einen von Wind oder Regen bewegten Ast ausgelöst“, sagt Hjalmar Kühl. Auch solche Aufnahmen müssen natürlich erst einmal angesehen werden, um sie dann aussortieren zu können. Spannend für die Wissenschaftler sind dagegen alle Sequenzen, in denen Schimpansen zu sehen sind. Doch auch die mehr als hundert anderen gefilmten Tierarten werden konsequent erfasst. Schließlich können auch diese Daten interessant sein.

Mit der bisherigen Resonanz ihres Projekts sind Hjalmar Kühl und seine Kollegen schon sehr zufrieden. Allein rund 20 000 Schimpansenvideos sind bisher zusammengekommen. Ein Teil dieser Daten ist schon in wissenschaftliche Veröffentlichungen eingeflossen. Interessant war auch die Reaktion verschiedener Menschenaffen auf die Kameras selbst, die man in einigen Filmen erkennen kann. Hjalmar Kühl und seine Kollegen stellten fest, dass Gorillas eher desinteressiert auf fremde Objekte in ihrem Lebensraum reagieren. Bonobos dagegen sind sehr scheu und zurückhaltend, während Schimpansen sich oft als mutige Draufgänger präsentieren, die diese seltsamen Kästen erst einmal genauer unter die Lupe nehmen. „Die einzelnen Menschenaffenarten unterscheiden sich also massiv in ihrer Neugier“, folgert Hjalmar Kühl.

Er und seine Kollegen haben noch jede Menge weiterer Ideen, was man mithilfe der Filme aus dem Busch alles untersuchen könnte – von den Unterschieden der Schimpansenkulturen bis hin zu der Frage, in welchen Regionen die Tiere besonders häufig in Fallen geraten. Um das alles zu klären, hoffen sie auf weitere Mitstreiter, die Lust haben, im Dienste der Wissenschaft Filme zu schauen.