InterviewLampedusas Bürgermeisterin Giusi Nicolini „Wir können nicht weglaufen“

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Giusi Nicolini ist Bürgermeisterin auf Lampedusa. Auf dieser Insel im Mittelmeer stranden Tausende Flüchtlinge. Nicolini fordert, dass sich Europa dieser Tragödie stellt und seine Politik ändert.

Jedes Jahr machen sich Tausende von Flüchtlingen auf den Weg über das Meer. Foto: dpa
Jedes Jahr machen sich Tausende von Flüchtlingen auf den Weg über das Meer. Foto: dpa

Stuttgart - Ein Brief hat Giusi Nicolini bekannt gemacht. Darin hat sie Hilfe für die Flüchtlinge eingefordert. Viele Menschen hätten ihr darauf Mut zugesprochen und Hilfe angeboten, sagt sie. Doch die Politik habe auf den Brief nicht reagiert.

Frau Nicolini, das Mittelmeer wird wegen der unzähligen ertrunkenen Flüchtlinge inzwischen als größter Friedhof der Welt bezeichnet. Wie erleben Sie diese tägliche Tragödie auf Lampedusa?
Bürgermeisterin Nicolini fordert Hilfe von er EU. Foto: factum/Weise
Uns bleibt nur die Hoffnung, dass das alles bald ein Ende hat. Jeden Tag, wenn ich meine Arbeit beginne, hoffe ich, dass sich dieser Friedhof nicht noch weiter vergrößert. Wir müssen alles daransetzen, dass diese schlimmen Dinge ein Ende finden.
Wie gehen die Bewohner Lampedusas mit der Situation um?
Wir leben auf einer kleinen Insel und können nicht weglaufen. Wir müssen uns den Tatsachen stellen. Es ist vielleicht paradox, aber sehr viel Kraft für unsere Hilfe bekommen wir von den Flüchtlingen selbst. Wenn man sieht, mit wie viel Hoffnung sich diese armen Menschen auf ihre verzweifelte Reise gemacht haben, Frauen mit kleinen Kindern im Arm oder auch kleine Kinder, die auf sich allein gestellt sind. Diese Menschen sind ein Beispiel für einen unglaublichen Mut und Überlebenswillen. Wenn es diesen Menschen gelungen ist, solche unglaublichen Strapazen zu überleben, dann muss es uns gelingen, ihnen zu helfen.
Sie haben wegen der unhaltbaren Zustände vor zwei Jahren einen offenen Brief geschrieben, der sehr viel Furore gemacht hat. Haben die Politiker reagiert?
Nein, kein Politiker und keine der europäischen Institutionen hat geantwortet. Aber ich habe viele Antworten von Privatpersonen und privaten Organisationen bekommen, die mir Mut machen. Das zeigt, dass den Menschen diese Situation nicht gleichgültig ist. Als Papst Franziskus auf unserer Insel war, hat er gesagt, dass dies ein Stachel in unserem Herzen ist. Er hat recht: niemand kann diese Situation akzeptieren.
Fühlen Sie sich allein gelassen?
Ja, manchmal fühle ich mich wirklich verlassen. Aber der Besuch von Papst Franziskus hat uns sehr viel Mut gemacht. Und seit dem schrecklichen Unglück im Oktober 2013, als über 300 Flüchtlinge vor unserer Küste ertrunken sind, sind auch die Politiker aufmerksamer geworden.
Die EU hat auf den Ansturm von Flüchtlingen reagiert – allerdings nicht in Ihrem Sinne. Inzwischen läuft die Operation Triton. Sie soll die Grenzen Europas sichern.
Triton bringt nichts. Das einzige Ziel dieser Operation ist, die Grenzen abzuschotten. Den Menschen wird nicht geholfen. Meine Meinung ist, dass man die Millionen, die diese Aktion kostet, besser in die huma­nitäre Hilfe für die Flüchtlinge stecken sollte, von denen die allermeisten eine unglaubliche Leidensgeschichte hinter sich haben.
Haben Sie den Eindruck, dass die Bilder von überladenen Flüchtlingsschiffen und Ertrunkenen in den Köpfen der Menschen im Rest Europas etwas verändert haben?
Ich bin überzeugt, dass viele Menschen auch außerhalb Italiens erkannt haben, wie schlimm die Situation ist und wie verzweifelt diese Flüchtlinge sind. Das Problem ist, dass inzwischen manche Politiker behaupten, diese armen Geschöpfe seien Wirtschaftsflüchtlinge oder sie würden den Terrorismus nach Europa bringen. Das ist Unsinn, in Lampedusa stranden Menschen, die ein Stück Frieden und Freiheit suchen. Nehmen sie die Terroristen, die in Paris die Anschläge verübt haben; dies     waren keine Flücht­linge, sie waren Franzosen, die in Frankreich geboren wurden.