Die Mieterverbände haben das Land und die Landeshauptstadt aufgefordert, mit dem Immobilienriesen Vonovia über den Kauf von rund 18 000 Wohnungen zu verhandeln. Entsprechende Schreiben hat Rolf Gaßmann verschickt – in seiner Funktion als Präsident des Mieterbunds in Baden-Württemberg an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne), als Vorsitzender des Mietervereins Stuttgart und Umgebung an Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU).
Die Gelegenheit zum Rückkauf biete sich, weil die Vonovia gerade die Absicht zum Verkauf von 67 000 Wohnungen angekündigt habe, um sich finanziell neu aufzustellen. Das müsse Anlass sein, dem Konzern mit Sitz in Bochum Verhandlungen anzubieten und die Wohnungen unter Beteiligung der Standortgemeinden zu erwerben.
Rolf Gaßmann appelliert an Kretschmann
Aus Gaßmanns Sicht könnte das Land Wiedergutmachung leisten, denn vor zehn Jahren hätten Vertreter der grün-roten Regierungskoalition es mitgetragen, dass ehemalige Landeswohnungen von der LBBW-Immobiliengesellschaft in einem Paket für 1,3 Milliarden Euro an ein privatwirtschaftliches Konsortium veräußert wurden. Ein kommunales Konsortium um die Landeshauptstadt ging leer aus. Später gelangten die Wohnungen ins Eigentum der Vonovia, laut Gaßmann für 1,7 Milliarden. Rund 18 000 Wohnungen seien heute noch bei dem Konzern. Die im Jahr 2012 beteiligten Regierungsmitglieder hätten immer noch Verantwortung in der Regierung – womit der frühere SPD-Landtagsabgeordnete und Mieter-Lobbyist in erster Linie Grünen-Politiker meinen dürfte. Der damalige SPD-Minister Nils Schmid, der zum Ärger der Stadtverwaltung den von der Europäischen Union veranlassten Verkauf geschehen ließ, ist heute nicht mehr in der Landespolitik, sondern im Bundestag.
Jetzt zu kaufen, ist nach Gaßmanns Ansicht gerade auch für den Stuttgarter Wohnungsmarkt geboten. Denn von knapp 3800 Stuttgarter Wohnungen, die damals den Eigentümer wechselten, seien noch rund 3500 im Vonovia-Bestand. Und für 770 Einheiten davon läuft Ende 2025 die Sozialcharta aus, die anlässlich des Verkaufes von Stadt und Land ausgehandelt wurde, um den Mietern die Wohnungen zu sichern und sie auch bezahlbar zu halten. Im Moment laufen Verhandlungen über eine längere Gültigkeit. Mit dem Kauf, argumentiert Gaßmann, würde man auf einen Schlag für 18 000 Wohnungen bezahlbare Mieten sicherstellen. Das Land könne die Wohnungen an die Kommunen weitergeben und müsste sich, genau wie die Stadt Stuttgart, keine Sorgen mehr darüber machen, dass die Sozialbindung nach den üblichen Fristen erlösche und Belegungsrechte verloren gingen.
Eine Chance für die städtische SWSG?
Der Stadt würde so ein Deal auch aus anderen Gründen in die Karten spielen: weil eine Gemeinderatsmehrheit vor drei Jahren beschloss, dass das städtische Wohnungsunternehmen SWSG seinen Bestand perspektivisch von derzeit gut 19 000 auf möglichst 30 000 Einheiten steigern solle. Gaßmann dazu: „Mit den 3500 Vonovia-Wohnungen könnte die Stadt ihrer Zielsetzung einen großen Schritt näherkommen.“
Der Kauf wäre aufwendig. Bei dem von der Vonovia angekündigten Verkaufsvolumen von etwa 13 Milliarden Euro ergebe sich ein durchschnittlicher Wohnungspreis von etwa 200 000 Euro, errechnete Gaßmann. Dies hochgerechnet, könnten die 18 000 Wohnungen im Land etwa 3,6 Milliarden Euro kosten, die 3500 Wohnungen in Stuttgart mindestens 700 Millionen Euro.
Die Linke haut in dieselbe Kerbe
Die Stadt aber habe großes Vermögen angelegt, für das sie praktisch keine Rendite bekomme, meint Gaßmann. Der Wohnungskauf wäre eine Investition mit guter Rendite. Mit jeder Wohnung im Bundesgebiet habe die Vonovia im ersten Halbjahr 2022 im Schnitt 2000 Euro Gewinn gemacht. Und vor acht Jahren habe sie pro Wohnung in Baden-Württemberg mal 85 000 Euro bezahlt. Zumindest auf die Schnelle scheint die Rechnung aber noch nicht überzeugt zu haben. Am Montag war weder vom Staatsministerium noch von der städtischen Pressestelle eine Reaktion zu den am Freitag verschickten Briefen zu bekommen.
Die Partei Die Linke hatte am 4. August via Pressemitteilung auch schon verlangt, die Wohnungsbestände wieder in die öffentliche Hand zu bekommen. Ihr Vize-Landessprecher und Stuttgarter Stadtrat Luigi Pantisano forderte, die Regierung müsse mit den Standortgemeinden Kaufpläne vorlegen und verhindern, „dass der nächste Immobilienspekulant die Wohnungen aufkauft“. Schon unter der Vonovia sei die Wohnqualität gesunken, die Mietkosten seien gestiegen.
Vonovia: Noch nichts Konkretes
Vonovia-Sprecher Christoph Schwarz mochte am Montag aber niemand Hoffnung machen, wenngleich man wegen gestiegener Kreditzinsen Schulden abbauen und tatsächlich langfristig bestimmte Wohnungen und Mehrfamilienhäuser verkaufen wolle. Doch noch sei es viel zu früh, um Konkretes zum Volumen der Verkäufe und den einzelnen Standorten zu sagen.
Die Wohnungsverteilung
Vonovia in Stuttgart
Der Mieterverein Stuttgart und Umgebung sprich von rund 3500 Wohnungen, die der Konzern noch aus dem Wohnungsverkauf der LBBW-Immobilien im Jahr 2012 sein eigen nennt. Vonovia-Sprecher Olaf Frei sagte unserer Zeitung erst vor wenigen Wochen, insgesamt verfüge die Vonovia in Stuttgart über 4500 Wohnungen, von denen 1050 der Mietpreisbremse und einer Belegungsbindung unterlägen.
Verteilung
Im November 2011, also vor dem Verkauf, hatte die LBBW-Immobilien in Stuttgart 3779 Wohnungen besessen, die meisten im Bezirk Stuttgart-Nord (1314). Dann folgten Bad Cannstatt (567), Stuttgart-Vaihingen (425), Zuffenhausen (288), Stammheim (196), Mühlhausen (188), Plieningen (177), Untertürkheim (93), Stuttgart-Ost (85), Stuttgart-West (74), Stuttgart-Mitte (60), Obertürkheim (59), Sillenbuch (50), Birkach (49), Stuttgart-Süd (48), Weilimdorf (32), Münster (31), Feuerbach (30) und Möhringen (13).