Land will Bahn elektrifizieren Züge sollen nicht länger „dieseln“

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Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will die Diesel-Loks aufs Abstellgleis schieben. Bis zum Jahr 2025 könnten fast 80 Prozent der Schienenstrecken in Baden-Württemberg elektrifiziert sein.

Instandhaltung einer Oberleitung der Bahn Foto: Deutsche Bahn
Instandhaltung einer Oberleitung der Bahn Foto: Deutsche Bahn

Stuttgart - Das Land Baden-Württemberg hat mit einer eigenen Planung auf das von der Bundesregierung angekündigte Sofortprogramm zur Elektrifizierung des Schienennetzes reagiert. Am Freitag hat Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) einen Plan vorgestellt, mit dem im Südwesten bis 2025 gut 78 Prozent der insgesamt 4100 Kilometer Schienenstrecke mit elektrisch angetriebenen Zügen befahren werden könnten. Derzeit sind 60 Prozent aller Gleise mit Oberleitungen versehen – was im bundesweiten Durchschnitt liegt. Meist gilt das für Fernstrecken aber auch für Verbindungen in Ballungsgebieten wie Stuttgart, Mannheim-Heidelberg und Karlsruhe. Rechnet man in gefahrenen Zugkilometern, sieht die landesweite Bilanz schon besser aus: 74 Prozent der Antriebsleistung wird elektrisch erbracht. „Aber gerade im Südosten des Landes, auch in der Region Hohenzollern, ist bei der Bahnelektrifizierungt sehr wenig passiert“, sagte Hermann. Selbst mit kleineren Maßnahmen und dem Schließen von Lücken im Netz könnten „große Wirkungen“ erzielt werden.

Der Spatenstich für die „neue“ Südbahn ist schon erfolgt

Die Elektrifizierung ist aus klima- und energiepolitischen Gründen wichtig: „Es kann nicht sein, dass wir uns auf der Straße von fossilen Brennstoffen verabschieden und unsere Züge weiter dieseln“, sagte der grüne Minister. Das Strecken mit Fahrdrähten bei Stürmen anfällig sind, ist für ihn kein Argument gegen die Elektrifizierung: Die Bahn müsse die Trassen frei von dicht stehenden Bäumen halten, im Straßennetz gelinge das auch gut. Elektrisch getriebene Loks seien im übrigen spurtstärker als Diesel-Loks, auch ergäben sich für Güterzüge Vorteile in einem einheitlichen E-Streckennetz, beispielsweise bei Umleitungen nach einem Störfall.

Das Ministerium hat die Bahnstrecken im Land in drei Gruppen geteilt: zum einen die im Bau oder Planung für eine Elektrifizierung befindlichen Strecken wie die Südbahn zwischen Ulm und Lindau (118 Kilometer), für die der Spatenstich kürzlich war; die Breisgauer S-Bahn (122), die Regionalstadtbahn Neckar-Alb (131) sowie die Hochrheinbahn (75) an der sich die Schweiz finanziell beteiligen könnte. Auch die Schönbuchbahn gehört hierzu (17). Die zweite Gruppe läuft unter der Rubrik „vordringlicher Bedarf“ oder Lückenschluss. Hier wird beispielhaft die Strecke Karlsruhe-Schwäbisch Hall genannt, die zwischen Öhringen und Schwäbisch Hall eine 32 Kilometer lange „Diesellücke“ hat. Auch der Ringzug, die Hermann-Hesse-Bahn, die Bodenseegürtelbahn sowie die Strecken zwischen Albstadt-Ebingen und Sigmaringen sowie Horb und Nagold sieht das Ministerium als „dringlich“ für den E-Ausbau an. Bis 2025, hofft Hermann, seien diese Strecken elektrifiziert.

Vom Bund werden die Finanzmittel erwartet

Der Rest der Strecken – Gruppe drei – gilt als langfristig auf Elektroantrieb umzustellen, was nicht immer den Bau von Oberleitungen bedeuten muss. Theoretisch könnten auch mit Batterien oder Brennstoffzellenantrieb ausgestatte Züge fahren. Das Land will in der Ortenau, bei den Regionalbahnen rund um Kehl, einen „fahrzeugseitigen“ E-Antrieb für Loks in einer Ausschreibung einfordern und erproben.

Bei der Finanzierung setzt Hermann stärker als bisher auf Mittel des Bundes. Allein die im Bau befindliche Bahn-Elektrifizierungen im Südwesten kosten eine Milliarde Euro, wovon das Land 280 Millionen trägt. Die aus Stuttgart als vordringlich genannten Maßnahmen zur Elektrifizierung belaufen sich auf 220 Millionen Euro. Hierfür werden Mittel aus dem Sonderprogramm des Bundes erwartet.

Kritik von FDP und SPD: Alter Wein in neuen Schläuchen

Bei Nahverkehrsstrecken beteiligen sich übrigens auch die Kommunen an der Finanzierung. Aus diesem Grund sieht auch der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Jochen Haußmann, die Vorschläge skeptisch: „Leider entpuppt sich das Konzept als Schwarzer-Peter-Spiel mit den Kommunen.“ Denn es sei offenbar beabsichtigt, die Maßnahmen überwiegend nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz zu realisieren. Das bedeute, dass die kommunale Seite nicht nur 20 Prozent der Baukosten, sondern auch die gesamten Planungskosten tragen müsste. Haußmann: „Erneut kündigt der grüne Verkehrsminister wohlklingende Maßnahmen an, die letztlich andere zu zahlen haben.“ Im Übrigen habe Hermann „alten Wein in neuen Schläuchen“ präsentiert und die Region Oberschwaben werde „abgehängt“.

Ähnliche Kritik kommt von der SPD: Deren Abgeordneter Martin Rivoir (Ulm) kritisiert, dass der Osten des Landes vernachlässigt werde, da die Elektrifizierung der Brenzbahn und der Donautalbahn erst nach 2030 vorgesehen sei. „Diese Elektrifizierung am Sankt Nimmerleinstag gefährdet den erfolgreichen Start der Regio-S-Bahn Donau-Iller, weil so auf viele Jahre der parallele Betrieb mit Diesel und elektrischen Fahrzeugen zementiert wird“, so Rivoir.