Etliche Kreisverbände wollen den Aufstieg des Generalsekretärs an die Spitze verhindern, finden aber keinen Gegenkandidaten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Sindelfingen - Der Noch-CDU-Chef und sein Möchtegern-Nachfolger waren sich einig. Außer dem bisherigen Generalsekretär Thomas Strobl, prophezeite der scheidende Ministerpräsident Stefan Mappus, werde es wohl keinen weiteren Kandidaten für den Parteivorsitz geben. Strobl selbst schien auf Konkurrenz ebenfalls nicht besonders erpicht zu sein. "Wenn es noch einen Karl Dosenbier gäbe, würden Sie sagen, bei der CDU gibt es Gerangel um den ersten Platz im Regal", witzelte er vor Journalisten.

 

Doch mit dem Auftritt am Tag nach der turbulenten Basiskonferenz in Sindelfingen, bei der beide reichlich Kritik kassierten, hat das Führungsduo eher das Gegenteil erreicht. Landauf, landab fühlen sich Funktionäre und einfache Mitglieder provoziert - und suchen nun erst recht nach einer Alternative zu Strobl. Dessen Ankündigung, künftig mehr auf die Basis zu hören, sehen sie schon jetzt Lügen gestraft: Die Botschaft von Sindelfingen, wo wiederholt seine Mitverantwortung für den Machtverlust herausgestrichen und sein Rücktritt als Generalsekretär gefordert wurde, sei eine andere gewesen.

"Ein Schlag ins Gesicht aller Mitglieder"

Am deutlichsten artikulierte der CDU-Kreisverband Tuttlingen den Unmut. "Nicht nachvollziehbar und blanker Hohn" sei Strobls Bewerbung, schimpfte der Vorsitzende Tobias Schumacher per Pressemitteilung. Die Parteispitze habe offenbar nichts verstanden. Ihn trotz der massiven Kritik noch in der Nacht zum alleinigen Kandidaten auszurufen sei "ein Schlag ins Gesicht aller Mitglieder, die sich konstruktiv einbringen wollen". Der notwendige Neuanfang, forderte Schumacher, müsse mit einer personellen Erneuerung einhergehen. Sein Fazit: "Wir werden die kommenden Wochen nutzen, um einen geeigneten Kandidaten zu finden."

Was die Tuttlinger Kreis-CDU - immerhin der Heimatverband des mächtigen Unionsfraktionschefs Volker Kauder und des früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel - offen aussprach, wird in vielen anderen Kreisverbänden genauso gesehen. Parteiintern haben sie ihre Bedenken nicht minder deutlich zum Ausdruck gebracht. Das Unbehagen an Strobls Kandidatur hat diverse Gründe. Da wird bezweifelt, ob er den Neuanfang glaubhaft verkörpern könne; zu sehr gehöre er zur alten Garde. Da wird gefragt, ob der Heilbronner Bundestagsabgeordnete die Arbeit überhaupt von Berlin aus leisten könne. Man brauche einen Vorsitzenden, "der im Land unterwegs ist", verlangen die Tuttlinger. Und nicht wenige Christdemokraten vermuten hinter seinen Ambitionen vor allem das Kalkül, den eigenen Marktwert in Berlin zu steigern - und dort endlich etwas zu werden. Die Art und Weise, wie Strobl mit der Kritik umgeht, reizt die Partei zusätzlich. Er spricht von Einzelstimmen und spielt den breiten Unmut herunter: Bei 70.000 CDU-Mitgliedern gebe es eben "nicht nur 70.000, die einen gut finden".Unter diesen vielen Christdemokraten müsse es doch einen Besseren oder eine Bessere geben als Strobl, ermunterte sogar ein SWR-Kommentator die Parteibasis.

Noch halten sich alle bedeckt

Hinter den Kulissen läuft die Suche nach ihm oder ihr bereits auf Hochtouren. Kreisverbände aus allen Landesteilen beratschlagen untereinander, wer infrage käme und wer sich zum Antreten ermuntern ließe. Zwischen Tuttlingen und den Gleichgesinnten andernorts wird in diesen Tagen viel telefoniert. Potenzielle Anwärter wurden bereits gebeten, sich eine Kandidatur zu überlegen; noch aber halten sie sich bedeckt. "Den einen, der sich absolut aufdrängt, haben wir nicht", gesteht ein Kreischef. Die Suche sei schwierig, sekundiert ein Landesvorständler. Doch angesichts der breiten Stimmung gegen Thomas Strobl hätte ein Gegenkandidat gute Chancen.

Gesichtet werden unter anderem die Reihen der Abgeordneten. Doch die Parlamentarier in Bund und Land tun sich schwer: In Berlin wollen sie es sich nicht mit dem einflussreichen Landesgruppenchef Strobl verscherzen, in Stuttgart nicht in Konkurrenz zum gerade bestätigten Fraktionschef Peter Hauk treten. Manche Blicke richten sich nun nach Brüssel, auf die Riege der EU-Abgeordneten. Eine Frau als Vorsitzende, hört man immer wieder, stünde der CDU jetzt gut an. Mit der Nochumweltministerin Tanja Gönner wird indes kaum noch gerechnet: Nach der Niederlage gegen Hauk im Kampf um den Fraktionsvorsitz bleibe es wohl bei ihrer Absage an eine Kandidatur.

Allzu viel Zeit für die Bewerbersuche hat die Partei nicht. Bis zu den von der Basis erzwungenen vier Regionalkonferenzen im Mai oder Juni muss klar sein, wer außer Strobl noch zur Verfügung steht. Die Treffen sollen schließlich der Diskussion mit den Aspiranten für den Posten des Vorsitzenden dienen, der noch vor der Sommerpause von einem Parteitag gewählt werden soll. Karl oder Karla Dosenbier müssten sich also bald melden. 

Hintergrund: Die CDU will sich schlagkräftiger organisieren

Zentrale
Nach dem Machtverlust werden in der Südwest-CDU nicht nur personelle, sondern auch strukturelle Konsequenzen gefordert. Um als Oppositionspartei genügend Schlagkraft zu haben, heißt es in Unionskreisen, müsse die Organisation reformiert werden. Vor allem die Landesgeschäftsstelle sei unterbesetzt und benötige dringend eine Stärkung. Bisher seien ihre Schwächen dadurch kompensiert worden, dass man sich auf den Regierungsapparat stützen konnte. Anstelle der 3000 Mitarbeiter in den Ministerien stünden der CDU nun nur noch die gut ein Dutzend Berater der Landtagsfraktion und die Parteizentrale für die inhaltliche Arbeit zur Verfügung.

Bezirke
Auch der Fortbestand der vier Bezirksverbände, die bisher allen Diskussionen trotzten, wird nun erneut hinterfragt: Sie hätten ihre Berechtigung verloren, argumentieren Kritiker. Das Personal der Bezirksgeschäftsstelle solle besser zentral in der Landesgeschäftsstelle eingesetzt werden. Zudem gibt es Überlegungen, den bisher ehrenamtlichen Posten des Generalsekretärs in ein bezahltes Amt umzuwandeln. Dieser müsste dann wohl die Arbeit des bisherigen Landesgeschäftsführers mit übernehmen.