Landes-CDU in Südkorea Hagels großer Sprung

CDU-Fraktionschef Manuel Hagel (links) mit dem Präsidenten des Stadtparlaments von Seoul Foto: : CDU Fraktion/Mark Fraschka

Südkorea ist ein Land mit Lust auf Zukunft. CDU-Landtagsfraktionschef Manuel Hagel teilt diesen Wunsch. Er will seine Partei mit neuen Ideen und neuen Köpfen neu aufstellen, und er sucht nach Mitteln, die heimische Wohlstandssattheit zu überwinden. Dafür sammelt er Gefolgschaft.

Manuel Hagel starrt durch das Aussichtsfernrohr nach Nordkorea hinüber. Der Fraktionschef der CDU-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg steht auf einer Anhöhe nördlich von Seoul und mustert Bauern, die jenseits des Han-Flusses auf einem Reisfeld arbeiten. Mit dem bloßen Augen sind die Menschen nicht zu erkennen, so groß ist die Distanz. Den Bildhintergrund füllen grüne Berge, die sich – geformt wie asiatische Kegelhüte – im Dunst verlieren. Plötzlich ist ein leises Stöhnen zu vernehmen. Hinter Hagel findet sich Fabian Mayer ein. „Dort drüben liegt das Reich des Bösen“, äußert Stuttgarts Erster Bürgermeister. Es sagt das ganz ironiefrei, die Situation ist nicht danach – hier an der Grenze zu einem totalitären Menschenschinderstaat mit seiner bizarren Führungsclique. An diesem Ort gewinnt das Wort von der freien Welt neues Gewicht und lässt selbst jüngere Christdemokraten erschauern, die ansonsten für einen gelungenen Witz eine Kiste Wählerstimmen hingäben.

 

Wollte man sich dennoch eine zarte Spöttelei erlauben, so ließe sich sagen, dass Hagel am 38. Breitengrad zu seinen politischen Anfängen zurückkehrt, die noch geprägt waren vom christdemokratischen Denken des Kalten Kriegs. Als der heute 35-Jährige 2015 auf Wunsch des CDU-Landeschefs Thomas Strobl die landespolitische Bühne betrat, hielt er als neuer Generalsekretär in Tonlage und Themenwahl Reden, die zu Zeiten eines Konrad Adenauers noch modern gewesen wären, aber schon bei Helmut Kohl etwas modrig angemutet hätten. Am Han-Fluss aber sind die Dinge eindeutig: hier das Licht, dort die Finsternis.

Destruktive Machtkämpfe in der CDU

Inzwischen gilt Manuel Hagel als das größte landespolitische Talent seiner Partei, er bescheinigt sich selbst eine „steile Lernkurve“. Als Talent gelangt er zu dem Befund, die Landes-CDU köchele schon viel zu lange im eigenen Sud, weshalb er es für angezeigt hält, über den Kochtopfrand zu äugen. Und so machte er sich mit einigen Parteikollegen der jüngeren Generation vor einer Woche unter der Fahne der Konrad-Adenauer-Stiftung zu einem „Innovation Mobility Dialogue“ nach Südkorea auf. Hagel sagt, er wolle „das Morgen nicht im Gestern suchen“. Der Satz ist in seiner Unschärfe durchaus als programmatische Ansage zu verstehen, er perlt ihm über die makellos weißen Zähne wie Champagner aus einem Kristallkelch. Gemeint ist damit nicht nur eine digital überwachte und gesteuerte Verkehrsführung, wie sie Hagel in Seoul unter der Erde im Atombunker präsentiert wurde. Es geht ihm auch nicht nur um Start-ups, wie sie in der südkoreanischen Hauptstadt in kommunalen Zentren gefördert werden. Er denkt dabei ebenso an die vergangenen, destruktiven Machtkämpfe, welche die Landes-CDU über zwei Jahrzehnte hinweg auszehrten und nun überwunden werden sollen.

Hagel will neue Ideen entwickeln und neue Leute platzieren, nicht zuletzt sich selbst. Wer nach dem Ende der Wahlperiode weichen muss, lässt sich leicht ausmalen: in ihren Ämtern ergraute Minister wie Thomas Strobl oder Peter Hauk und allerlei Partei-Eminenzen schon jetzt vergessener Verdienste. Die Jungen drängen immer ungeduldiger. Ein Abgeordneter der Generation um Hagel verschaffte unlängst seinem Unmut gesprächsweise Luft: Überaltert sei die Partei – ein Funktionärsapparat, der die Menschen und die Zeit nicht mehr verstehe.

Ein „Kontrolletti“ mit gepflegter Ablage

Hagel würde niemals so reden, aber in wilderen Momenten gibt auch er zu bedeuten, dass er sich jetzt seit acht Jahren den Hintern für die CDU aufreiße und Ergebnisse sehen wolle. Dies bewerkstelligt er in einer sehr planvollen Weise. Es gibt in der Politik nicht viele Menschen, die so organisiert vorgehen wie Hagel, der schon in jungen Jahren die Ehinger Sparkasse leitete. Ja, das Institut ist nur eine Filiale der Sparkasse Ulm, aber Hagel legt Wert darauf, dass es einst selbstständig war und deshalb ein breites Banking abdecke. Das Studium an der Frankfurt School of Finance and Management absolvierte er berufsbegleitend. Er arbeite seit seinem 17. Lebensjahr, sagt Hagel. Und so ist er auf die Politik nicht angewiesen, aber auf alle Aufgaben vorbereitet. Das O. K. seiner Frau hat er. Sie betreibt mit ihrer Mutter in Ehingen ein Hotel. Das Ehepaar Hagel hat zwei kleine Söhne.

Hagel-Skeptiker nennen ihn einen „Kontrolletti“, der jede selbstständige Regung abblocke. Der Gescholtene vermutet, es läge eine Fehlinterpretation vor. Ja, er führt auf seinem Mobiltelefon To-do-Dateien aller Art, unterhält Anruflisten und überhaupt eine „gepflegte Wiedervorlage“. Wer eine Aufgabe erhält, entrinnt nicht Hagels Rückfrage, was daraus geworden sei. Der Fraktionschef will dies als Geste des Respekts verstanden wissen, als Ausdruck seines Interesses. Andererseits: „Von der Verwaltung abkochen lasse ich mich nicht.“ Er sagt, er führe die Fraktion als Team, „dem man gerne angehören möchte“. Er umgibt sich mit Ratgeberkreisen aus Kommunen, Wissenschaft oder Wirtschaft.

Mal harmonisch, mal robust

Die CDU-Studiengruppe, zu der auch Pforzheims Oberbürgermeister Peter Boch zählt, lernt in Seoul einiges über die „strategische Ambiguität“ Südkoreas. Das Land ist einerseits auf den US-amerikanischen Schutz gegen die Atommacht Nordkorea angewiesen, nicht minder pflegt es die Handelsbeziehungen zu China. Das erfordert eine Politik des diplomatischen Abwägens. Robuster geht es in der Wirtschaft zu. Als Hagel durch das Technikmuseum bei Samsung in Suwon geführt wird, fällt ihm in einer Vitrine ein altes Nokia-Handy auf. Ob Samsung die Mobilfunksparte der Finnen gekauft hätte, fragt er seinen Begleiter. Der antwortet: „No, we killed them.“ Nein, wir haben sie getötet.

Hagel hat es gern harmonisch, beherrscht aber auch die harte Gangart. Letzteres bewies er, als er nach der Landtagswahl 2021 seinen Vorgänger im Fraktionsvorsitz, Wolfgang Reinhart, absägte. Das war nicht selbstverständlich, schließlich hatte er die Wahlniederlage mitzuverantworten. Die gescheiterte Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann zog sich aus der Politik zurück. Dass Hagel einfach weitermachte, ärgerte sie. Daran änderte auch ein Treffen in einem anspruchslosen italienischen Restaurant nichts. So billig wollte sich die frühere Kultusministerin nicht abspeisen lassen. Zuvor allerdings hatte Hagel mitgeholfen, den Konflikt zwischen Eisenmann und CDU-Landeschef Strobl aufzulösen. Eisenmann konnte 2021 als Spitzenkandidatin antreten, Strobl durfte Parteichef bleiben. Hagel ließ sich in diesem Elefantenkampf nicht zerquetschen. Machtpolitisch war das ein Bravourstück. Strobl ist Hagel zumindest noch insoweit gewogen, als er ihn unlängst bei der Geburtstagsfeier im kleinen Kreis dabeihatte.

Strobl ist wie China, Kretschmann verkörpert die USA

Doch die nächste Krise steht vor der Tür. Im Herbst muss sich Strobl, so er denn will, als Parteichef zur Wiederwahl stellen. Beim letzten Mal waren ihm 66 Prozent beschieden gewesen – ohne Gegenkandidaten und unter Aufbietung aller Parteivorstandskräfte. Es sieht ganz danach aus, als laufe die Zeit für den politischen Überlebenskünstler Strobl ab. Als Innenminister wird er die Wahlperiode zu Ende bringen, wenn er den Polizei-Untersuchungsausschuss übersteht und Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht vorzeitig aufhört.

In der Perspektive der strategischen Ambiguität ist Strobl für Hagel China, Kretschmann aber verkörpert die USA. Als die CDU diese Woche von der Nachricht aufgeschreckt wurde, die Landesregierung plane, die Habeck’sche Wärmepumpenpolitik verschärft umzusetzen, meldete sich eine schockierte CDU-Abgeordnete bei Hagel in Seoul mit den Worten: „Aber Kretschmann ist doch einer von uns!“ Hagel sieht das ähnlich, Kretschmann wiederum verliert öffentlich kein kritisches Wort über den CDU-Politiker. Stattdessen lädt er ihn zu Spaziergängen in den Park der Villa Reitzenstein. Nur intern soll er einmal gebruddelt haben, wo auch immer er hinkomme, sei Hagel schon da gewesen – „wie ein Geist“. Das Bekenntnis zur Technikoffenheit im Transformationsprozess, Marktliberalität und ein konservativ inspirierter Umweltschutz – das verbindet beide. Naturschutzbund-Mitglied Hagel liest gerade das 1962 erschienene Buch „Der stumme Frühling“ der Umweltschutz-Ikone Rachel Carson. Beim Besuch eines Naturschutzgebiets im Grenzstreifen zu Nordkorea will Hagel von Parkleiter Han Donguk wissen, wie die Regierung in Korea den Umweltschutz vorantreibe: mit Verboten oder mit Anreiz. Mit beidem, antwortete der Wissenschaftler.

Geschätzt für die Vergangenheit

Bei einem Treffen mit Vertretern baden-württembergischer Unternehmen in Seoul sagt ein Manager: „Die Koreaner sind schneller.“ Ein anderer bemängelt, in Deutschland gehe es zu viel um Compliance und Einhaltung aller möglichen moralischen Standards. Zeiss, Festo, Elring-Klinger, Dürr sitzen am Tisch, natürlich auch Daimler und Porsche. Eine ökonomische Abkoppelung von China, das wird schnell klar, findet in dieser Runde keine Freunde. Hagel lernt: In Südkorea ist die Zukunft eine Verheißung, in Deutschland ein Problem, über das es gründlich nachzudenken gilt. Positiv ist zu vermelden, dass die Unternehmen aus der Heimat viele Zwischenprodukte liefern, gerade auch für die begehrte Halbleitertechnik. Zeiss zum Beispiel ist mit Samsung, dem größten Halbleiterhersteller der Welt, im Geschäft. Dennoch erkennt Hagel Grund zur Sorge: Deutschland werde in Südkorea „gelobt und geschätzt für das, was in der Vergangenheit war“, für die Zukunft aber erwarte man offenkundig wenig von den Deutschen.

Für dieses Wochenende ist Kanzler Olaf Scholz – auf dem Rückweg vom G7-Gipfel in Japan – in Seoul und auch an der demilitarisierten Zone angekündigt. Hagel kann auf seinem Weg vom Gestern ins Morgen sagen: „Ich war schon da.“

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