Endlich erschienen die Parteigranden. Doch nichts geschah. Überrascht nickten sie dem Aspiranten zu – „Manu, du hier?“ – und schlenderten nach nebenan, wo gleich der Landesvorstand tagen sollte. Auch Thomas Strobl, der Landesvorsitzende, zeigte sich nicht orientiert: „Manu?“ – „Thomas?“. Blitzschnell stellte sich bei Strobl die Erkenntnis ein, dass er den frischgebackenen Landtagsabgeordneten Hagel aus Ehingen als neuen Parteimanager hatte vorstellen wollen. So war es abgesprochen gewesen. „Unsere Zusammenarbeit begann damit, dass er mich einfach mal vergessen hat“, erinnert sich Hagel grinsend. Eilig rief Strobl die Präsidiumsmitglieder zurück. Kurz danach durfte der neue Generalsekretär viele gute Wünsche empfangen.
Die warmen Worte wirkten. Sieben Jahre später steht der nun 35-jährige Hagel vor der Wahl zum CDU-Landeschef. Am Samstag soll er auf einem Parteitag in Reutlingen gekürt werden. Erneut hat ihn Strobl vorgeschlagen. Sein Nachfolger vereinigt künftig den Parteivorsitz mit dem Fraktionsvorsitz, eine Machtballung, wie sie Strobl mangels Abgeordnetenmandat verwehrt blieb. Damit sind die Weichen gestellt für Hagels Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl 2026. Die Aussichten werden aktuell als erfolgversprechend eingeschätzt. Ein Indikator dafür sind die vielen Beratungsangebote und Bewerbungen, die bei Hagel eingehen.
„Krasse Anti-Grünen-Stimmung“ im Land
Ganz freiwillig ist Strobl nicht gewichen, auch wenn die Beteiligten im Nachhinein von Harmonie und Eintracht säuseln. „Wir mussten ihn schon schieben“, berichtet ein Mitwirkender. „Strobl hätte weitergemacht, wäre er in seiner Entscheidung frei gewesen.“ Man kann das verstehen, denn Strobl hatte die Südwest-CDU nach dem Verlust der Regierungsmacht 2011 in einem desolaten Zustand übernommen. Er hielt die zerstrittene Partei zusammen und führte sie 2016 als Juniorpartner der Grünen zurück in die Regierung. Zweimal scheiterte er innerparteilich mit dem Versuch, selbst Spitzenkandidat zu werden. Weshalb außer ihm selbst in und außerhalb der CDU wohl niemand glaubt, er könne doch noch die Villa Reitzenstein erreichen – nicht einmal in einer Lage wie jetzt, da die Grünen im Schlamassel stecken. Ein einflussreicher Christdemokrat in der Landes-CDU sagt, in der Partei bestehe die Erwartung, mehr Distanz zu den Grünen aufzubauen. Als Kretschmann-Intimus könne Strobl das nicht leisten. Es bestehe eine „krasse Anti-Grünen-Stimmung“ im Land, die bis zum Hass reiche. „Da passt der treue Stellvertreter des Ministerpräsidenten nicht ins Bild.“
Hagel versichert, die Brandmauer stehe
Gleichwohl hat Strobl Wichtiges geleistet. Mit dem in der CDU nicht durchweg beliebten Bündnis mit den Grünen verhinderte er, dass sich die Partei in der Opposition an der Seite der AfD wiederfand. Das hätte leicht zu einem Überbietungswettbewerb führen können, wer die dollsten Sprüche klopft. Überhaupt sucht Strobl die Brandmauer zur AfD zu stabilisieren. Das gilt für den Kurs der CDU, und so hält er es auch als Innenminister. Es gab und gibt Christdemokraten im Land, welche die AfDler als „aufrechte Leute“ würdigen. Strobl hält das für gefährlich. Der künftige Parteichef Hagel versichert: „Die Brandmauer steht.“
Ist Hagel zu jung für die große Aufgabe, die CDU zurück ins Staatsministerium zu führen? Ein „Büble“ sei er nimmer, befindet ein Mitglied der Parteiführung. „Das kann niemand mehr behaupten.“ Dazu hat Hagel in wenigen Jahren auch zu viel erlebt. Als Generalsekretär überstand er den Konflikt zwischen seinem Förderer Strobl und der damaligen Kultusministerin Susanne Eisenmann um die Spitzenkandidatur. Er wand sich aus der Wahlniederlage 2021 heraus und putschte Fraktionschef Wolfgang Reinhart weg. Den Landesvorsitz versuchte er im Einvernehmen mit Strobl zu erlangen, nur dass dieser ihn lange hinhielt. Der Sommer verging, der Herbst färbte die Blätter, Hagel wurde es immer kälter an den Füßen. Eine Kampfabstimmung gegen Strobl auf dem Parteitag hätte er für sich entschieden, aber das Odium des Königsmörders wäre haften geblieben.
Über alledem nahmen Hagels Schläfen ein leichtes Grau an. Im Landtag wabert die Fama, Hagels Umfeld arbeite daran, den Jung Siegfried gereifter erscheinen zu lassen. Ein Bart vielleicht? Ein sanftes Embonpoint? Ein paar graue Strähnen? Unsinn, beteuert Hagel. Hinter dem Lächeln blitzen die Zähne. „Ich muss da echt schmunzeln, meine Haare sind weder gefärbt noch getönt – sollte ich es jemals tun, dann vermutlich nicht in Grau.“ Danke für die Auskunft, fragen darf man ja, in der Politik ist vieles möglich. Vor Jahren – in der Aufregung um die Haarfarbe des CDU-Politikers Guido Wolf – setzte der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke den legendären Tweet ab: „Ich färbe schon lange, nämlich grau, um seriöser zu wirken.“
„Die Christdemokratie mittelt immer“
Was aber will Hagel – außer Ministerpräsident werden? Er spricht von der „großen Volkspartei der Mitte“. Wer sich in Europa umschaue, der sehe christdemokratische Parteien immer dann scheitern, wenn sie entweder nur noch liberal sein wollten – oder sich rechten Avancen ergäben. Die Aufgabe der CDU erkennt er darin, gegenläufige Interessen auszugleichen. Zum Beispiel plädiert er im Streit acht Jahre Gymnasium versus neun Jahre Gymnasium dafür, das Land solle beide Modelle anbieten – und dann die Entscheidung in kommunale Hände legen. „Die Christdemokratie mittelt immer“, sagt er. Manchmal müsse sie sich aber auch entscheiden. „Ein kostenloser Kindergarten war nie unser Thema, das muss es werden.“ Auch wenn der Vorschlag von der SPD stammt. Hagel erkennt Konfliktlinien in der Gesellschaft: Elektromotor gegen Dieselmotor, Gendern oder Nichtgendern, vegan naschen oder rote Wurst mampfen, Coronaleugner versus Coronahysteriker, Klimawandelverdränger oder Ökofaschist. „Es gibt mehr und mehr extreme Positionen“, beobachtet er. „Wir müssen wegkommen von diesen apokalyptischen Erzählungen, die die Menschen am Ende doch in den Extremismus treiben.“
Liebe zur Wurst
Auf dem Landestag der Jungen Union forderte Hagel unlängst „mehr Mut zu Normalität“. Aber was ist Normalität? Weitermachen wie bisher? Ist das Verdrängen der Klimakrise normal? Hagel greift konservative Identitätsthemen wie die Liebe zu Wurst und Fleisch oder die Abscheu vor dem Gendern beherzt auf. Auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann warnt vor der Politisierung von Fragen der persönlichen Lebensführung der Menschen. Er setzt ganz auf den technischen Fortschritt. Es ist eine Wette auf die Zukunft.
Ein Grünen-Abgeordneter sagt: „Hagel ist sehr viel konservativer, als er sich gibt.“ Als Anwärter auf das Ministerpräsidentenamt wird Hagel mehr bieten müssen als Frotzeleien über Wokeness. In der Tat gilt es, die industrielle Basis des Landes zu sichern. Grüner Strom muss her. Der Bedarf an Wasserstoff übersteigt schon jetzt die bisherigen Prognosen. Es braucht neue Unternehmen, um die sinkende Wertschöpfung in der Autobranche abzufangen. Das sind die Themen.
„Koalieren muss man mit dem, den man klein halten will“
Jedoch: In der Politik geht es zumeist um Macht: erst die Person, dann die Partei, dann das Land. Künftig müsse, sagt Hagel, die CDU inhaltlich und personell so attraktiv sein, „dass wir aus eigener Kraft heraus Bündnisse schmieden können“. Mit FDP-Fraktionschef Rülke war Hagel dieses Jahr wandern. Die SPD hilft immer gerne, wo Not am Mann ist. Ein CDU-Präside gibt indes zu bedenken: „Koalieren muss man mit dem, den man klein halten will.“ Er meint die Grünen.
Man wolle den Leuten ein „junges, sympathisches Gesicht“ zeigen, heißt es in der CDU über Hagel. Ein paar graue Haare sind auch dabei, die Last der Verantwortung wiegt schwer – alles hart erarbeitet, nicht gefärbt.