Landesbischof July im Interview „Der Islam und die Muslime gehören zu Deutschland“

Von Maria Wetzel 

Württembergs Landesbischof Frank O. July widerspricht in der Islam-Debatte der AfD und fordert Gespräche statt Polemik.

Württembergs Landesbischof Frank O. July Foto: dpa
Württembergs Landesbischof Frank O. July Foto: dpa
Stuttgart – -
Herr Landesbischof, AfD-Politiker haben erklärt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Wie sehen Sie das?
In Deutschland leben geschätzt fünf Millionen Muslime, de facto gehören der Islam und die Muslime zu Deutschland. Natürlich wurde unser Land über 1500 Jahre hinweg zutiefst geprägt durch die christlich-jüdische Tradition, aber heute leben wir in einer pluralen, multireligiösen Gesellschaft. Deshalb sollten wir uns über unser Zusammenleben verständigen, statt uns abzugrenzen.
Wie beurteilen Sie die Aussagen der AfD zum Islam?
Ich finde sie töricht und schädlich. Sie helfen nicht, die jetzigen Herausforderungen - etwa durch den Zuzug von Flüchtlingen - zu bewältigen. Vielmehr führen sie zu Ausgrenzung, Dialogverweigerung, Nichtachtung und verhindern den Respekt vor Menschen anderer religiöser Überzeugungen. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der das Gespräch gesucht und in der gleichzeitig die eigenen Überzeugungen deutlich werden.
Seit Jahren gibt es Diskussionen über das Kopftuch oder den Bau von Moscheen….
Deutschland ist ein demokratischer Staat, und die Christen sind in der Mehrheit. Aber die Grund- und Menschenrechte gelten für alle Menschen, auch für die anderer religiösen Überzeugungen und für Nichtreligiöse. Ich möchte die religiöse Selbstbestimmung achten. Eingreifen müssen wir allerdings, wenn Grundrechte, etwa die Gleichberechtigung von Frauen oder Minderheiten, in Frage gestellt werden. Kritisch sehe ich die Vollverschleierung: Ich meine, dass eine offene Gesellschaft eine Kommunikationsgesellschaft ist und möchte beim Gespräch mein Gegenüber auch gern sehen. Moscheen gehören zum Leben der muslimischen Gemeinde. So wie ich es für nötig halte, dass in islamischen Ländern Kirchenbau für christliche Minderheiten möglich sein muss, ist es selbstverständlich, dass Menschen in unserer Gesellschaft in Moscheen beten können. Wir sollten da im Gespräch offen sein, um gerade dadurch radikale Einflüsse von außen abzuwehren.
Muss das gesetzlich geregelt werden? Die AfD und auch manche in der CDU fordern ein Verbot…
Da sollte man die Verhältnismäßigkeit im Blick haben. Bei der Vollverschleierung geht es um eine relativ kleine Gruppe von Frauen, die wir mit einem Verbot vielleicht sogar aus der Öffentlichkeit hinausdrängen. Wir sollten uns besser bemühen, mit diesen Gruppen ins Gespräch zu kommen. Argumente und Austausch können oftmals mehr bewirken als eine Gesetzesverschärfung.
Sie führen regelmäßig Gespräche mit Muslimen unterschiedlicher Richtungen. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?
Wir sprechen in der Regel mit Verbands- und Vereinsvorsitzenden, die etwa durch ihre Berufstätigkeit gut in unserer Gesellschaft verankert sind. Die Gespräche sind sehr offen. Wir tauschen nicht nur Höflichkei-ten aus, sondern diskutieren auch über Themen wie islamischen Religionsunterricht oder Hilfe für Flüchtlinge. Ein theologischer Diskurs findet dort und allgemein weniger statt, weil Imame ja häufig nur für wenige Jahre aus den Herkunftsländern kommen und deshalb – von hervorragenden Ausnahmen abgesehen - zu wenig mit der deutschen Sprache und den gesellschaftlichen Gegebenheiten hier vertraut sind. Deshalb ist es gut, dass jetzt an unseren Hochschulen islamische Theologen ausgebildet werden.
Eines der islamischen Studienzentren ist 2011 an der Universität Tübingen eröffnet worden…
Ein Vertreter dieses Zentrums ist auch bei unseren Gesprächen dabei. Es ist wichtig, dass die verschiedenen Traditionen des Islam gesprächsfähig werden. Als Landeskirche haben wir auch einen Austausch mit Oman.
Ein Streitpunkt in Deutschland ist die Bedeutung der Scharia, des islamischen Rechts. Sollte sie eine Rolle spielen?
Wir haben in Deutschland ein umfassendes demokratisches Rechtssystem, das den weltlichen Bereich abschließend regelt. Im Rahmen dieses für alle geltenden Gesetzes haben die Religionsgemeinschaften die Möglichkeit, für ihren Bereich Recht zu setzen. Religionsgemeinschaften können aber keinen Vorrang ihres Rechts im weltlichen Bereich vor dem staatlichen Recht beanspruchen.
Was erwarten Sie von der künftigen Landesregierung?
Ich erwarte, dass die Gespräche zwischen Kirche und Staat fortgeführt werden. Ministerpräsident Kretschmann hat bisher schon Begegnungen mit den Religionen initiiert. Es ist Aufgabe des Staates, mit allen Religionen ins Gespräch zu kommen. Mit den Kirchen ist das gut organisiert - aufgrund von Tradition und Verträgen. Mit den muslimischen Gemeinschaften ist es schwieriger, weil es viele Ausprägungen und Verbände gibt. Das zeigt sich etwa, wenn es um islamischen Religionsunterricht geht.
Sollte dieser ausgebaut werden?
Ja, muslimische Schüler sollten wie evangelische und katholische und jüdische Kinder ihrerseits die Möglichkeit eines eigenen Religionsunterrichts haben. Die christlichen Kirchen unterstützen diese Forderung, organisieren muss das aber die muslimische Gemeinschaft selbst. Es ist besser, wenn Religionsunterricht an den Schulen und in deutscher Sprache stattfindet als außerhalb des Blickes der Öffentlichkeit.
Die AfD hat viele Stimmen von Arbeitslosen erhalten. Hat die Gesellschaft diese zu wenig wahrgenommen?
Ich kann keine Wahlanalyse liefern. Aber viele Menschen, die am Rand stehen, befürchten wohl, dass sie zu kurz kommen, wenn andere auch etwas bekommen. Die Kirchen haben immer betont, dass die sozial Benachteiligten nicht vergessen werden dürfen und setzen dies in ihrem diakonischen Handeln um. Die Politik muss auf AfD-Wähler zugehen und ihnen auch durch verlässliche Unterstützung ihre Ängste nehmen.
Durch die Flüchtlingsarbeit sind die Kirchen in engem Kontakt mit Muslimen. Wie können sie Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung abbauen?
Wir gehen realistisch mit den Aufgaben um. Am besten ist es, die Menschen, die aus teils ganz anderen Gesellschaften zu uns kommen, offen aufzunehmen und ihnen zu zeigen, wie es bei uns zugeht. Begegnungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen bauen Ängste und Vorurteile ab. Wenn Probleme auftreten, müssen diese klar angesprochen werden.
Sie haben an Ostern in der Stuttgarter Stiftskirche mehrere Flüchtlinge getauft. Weckt das nicht Misstrauen bei Muslimen, denen der Übertritt zu einem anderen Glauben strengstens verboten ist?
Ich predige oft an Ostern in der Stiftskirche. Die arabisch-evangelische Gemeinde, die mit der Stiftskirche eng zusammenarbeitet, hat die Taufe vorbereitet. Mit der Taufe müssen wir sehr sorgfältig umgehen. Kein Flüchtling sollte meinen, er müsse Christ werden, um besser unterstützt zu werden. Wer aber aus freien Stücken und nach sorgfältiger Prüfung Christ werden will, dem machen wir die Tür auf. Der Dialog mit den Muslimen ist dadurch nicht gestrichen. Wir akzeptieren es ja auch, wenn Christen zum Islam übertreten. In einem Land mit Religionsfreiheit müssen alle akzeptieren, dass Menschen ihre Religion wechseln können.
Islamkritiker leiten aus dem Koran ab, dass der Islam mit unserer Verfassung nicht vereinbar sei. Was könnten sie – und vielleicht auch Muslime - von der christlichen Theologie lernen?
Die christliche Theologie hat einen langen Prozess der Auseinandersetzung mit der Bibel hinter sich. Für die meisten Christen zeigt sich in der Bibel die ewige Botschaft des Glaubens, die sich in historischen Zusammenhängen verfestigt hat und die Menschen aus verschiedenen Kontexten bezeugt haben. Für mich ist eine solche Auslegung der Bibel eher befreiend, weil ich dadurch schwierige Aussagen und Widersprüche besser deuten kann. Mit einem solchen Verständnis tut sich der Islam schwer, viele Theologen gehen davon aus, dass Gott Wort für Wort an Mohammed gegeben hat, der Koran also göttliche Offenbarung ist und deshalb der Interpretationsspielraum sehr gering ist. Die heiligen Bücher zu interpretieren stärkt aber den Glauben, es schwächt ihn nicht.