InterviewLandesbischof über Kirche und Homosexualität „Ich will, dass es zu einer Lösung kommt“

Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July fordert Respekt im Umgang mit Homosexualität in der evangelischen Landeskirche. Das Thema hat viele Gläubige unter anderem im Herbst vergangenen Jahres beschäftigt, als sich ein Pfarrer in Schorndorf diskriminerend geäußert hatte.

Der Landesbischof wünscht sich, dass Homosexuelle  in der Kirche bleiben. Foto: Gottfried Stoppel
Der Landesbischof wünscht sich, dass Homosexuelle in der Kirche bleiben. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Diskriminierende Äußerungen eines Pfarrers gegenüber Homosexuellen haben im vergangenen Herbst heftige Diskussionen in der evangelischen Kirchengemeinde Schorndorf ausgelöst. Landesbischof Frank Otfried July spricht von einem mühsamen, aber notwendigen Weg, Verschiedenheit auszuhalten.

Herr July, die Vortragsreihe „Wenn Liebe anders ist“ hat in Schorndorf hohe Wellen geschlagen. Die Positionen zu Homosexualität und Kirche sind denkbar unterschiedlich – steht die Zerrissenheit dort für die Zerrissenheit in der Landeskirche bei diesem Thema?

In der württembergischen Landeskirche gibt es in dieser Frage aufgrund unterschiedlicher Lesarten der Bibel unterschiedliche Einschätzungen. Mir ist wichtig, dass diese Kirche dennoch konzentriert auf die Mitte bleibt – diese ist Christus selbst und die Offenbarung in ihm. Wir wollen versuchen, davon ausgehend zu respektieren, dass wir in der Frage der Interpretation der Schrift und der Wahrnehmung von Gleichgeschlechtlichkeit nicht eins sind, aber trotzdem respektvoll miteinander umgehen. Ich bin der Meinung, dass das keine Frage ist, die die Kirche spalten darf, sondern eine, bei der wir den ehren- aber auch hauptamtlich in der Kirche tätigen homosexuellen Mitarbeitenden Respekt entgegenbringen sollten.

Die württembergische ist eine von zwei Landeskirchen, in der es noch keine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gibt. Warum?

Es gibt auch in anderen Landeskirchen unterschiedliche Einschätzungen. Aber Württemberg hat die Besonderheit, dass die Wahl zur Synode direkt erfolgt – das gibt es in keiner anderen Kirche in Deutschland. Dadurch kommen die verschiedenen Strömungen und Überzeugungen hier in der Synode deutlicher zum Ausdruck als bei anderen und werden stärker öffentlich diskutiert. Sicherlich ist man auch in der Tradition des württembergischen Pietismus, der immer noch stark unsere Landeskirche mitprägt, in dieser Frage eher zurückhaltend. Von einigen Ausnahmen abgesehen begegnen viele Pietisten Homosexuellen respektvoll. Die Segnung stellt für sie aber eine neue Normierung dar, die ihnen widerstrebt. Aber wir sind weiter im Gespräch und ich will, dass die württembergische Landeskirche zu einer Lösung kommt.

Was würden Sie einem Homosexuellen sagen, der sich nach den aktuellen Vorfällen fragt, ob die Landeskirche noch seine geistliche Heimat ist?

Ich würde ihn bitten, weiterhin in unserer Kirche zu bleiben. So, wie es viele tun, die mit verschiedenen Positionen nicht einverstanden sind. Das gibt es in einer großen Kirche immer, wir sind kein politischer Gesinnungsverein, sondern eine Vielfalt verschiedener Menschen. Ich würde gerade diejenigen, die in einer Frage anderer Meinung sind als die Mehrheit, bitten, diese Fragen zu stellen. Ich weiß von einer ganzen Reihe von Gläubigen, die gleichgeschlechtlich lieben und sich mehr Begleitung wünschen, die aber in ihrem Umfeld auch viel Respekt aus der Kirche erfahren und sagen: „Ich bleibe in der Kirche und überlasse sie nicht all denen, die anderer Meinung sind, sondern gestalte mit. Ich bin Gottes Kind und möchte die Gemeinschaft der Kirche nicht verlassen.“

Nachdem es in der Landessynode keine Zweidrittelmehrheit für die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gegeben hat, haben Sie sich der Sache noch einmal angenommen...

Ich wollte nach einer Lösung suchen, die die Gewissen der einen respektiert und den anderen die nötige Freiheit gibt. Im Grundsatz ist klar, es gibt zwei Auffassungen – eine sehr wörtliche Übernahme bestimmter Bibelstellen und eine Interpretation der Bibelstellen aus der Mitte der Schrift heraus. Darüber wird gerungen. Der ausgearbeitete Kompromiss soll die faktische Wirklichkeit in Württemberg abbilden: Es gibt Gemeinden, die bereit zu einer Segnung gleichgeschlechtlicher Paare sind und es gibt welche, die sich diesen Weg nicht vorstellen können. Deshalb steht in der Präambel zu dem Gesetz, dass wir in dieser Sache nicht einig sind, sie aber nicht so hoch werten, dass sie die Einheit der württembergischen Landeskirche in Frage stellt. Wenn Sie so wollen, ist das eine pragmatische Lösung. Da sind natürlich die einen enttäuscht, weil dies keine Gleichstellung mit der traditionellen Eheschließung bedeutet. Und den anderen geht es zu weit, weil sie sagen, man kann hier keine Kompromisse schließen. Ich bin derjenige, der in besonderer Weise das Amt der Einheit in dieser Kirche verantwortet und sich dafür einsetzt. Das ist manchmal mühevoll.

Ebenfalls im Rems-Murr-Kreis geht ein Riss durch die Gemeinde in Waiblingen-Hegnach. Der Pfarrer ist der ultraevangelikalen Strömung zuzuordnen, andere Gemeindemitglieder fühlen sich nicht mehr heimisch in ihrer Kirche. Wieso gibt es dieses Spektrum in der Landeskirche?

Es war immer ein Reichtum, dass wir verschiedene Frömmigkeitsformen in der Landeskirche hatten. Ich möchte nicht auf die Details dieser Gemeinde eingehen, da sind weitere Gespräche gefordert. Für mich wäre aber wesentlich und wichtig, dass eine Gemeinde lernt, dass es Verschiedenheit gibt. Natürlich gibt es Grundbekenntnisse des Glaubens, die sind nicht in Frage zu stellen. Wenn jemand sagen würde, die Dreieinigkeit Gottes ist beliebig, ist das für mich eine rote Linie – denn das gehört zum Kernbestand unseres Glaubens. Es gibt aber andere Fragen, die waren schon immer strittig, die haben wir miteinander ausgetragen. Das sind mühsame Prozesse, aber ich erwarte, dass man diesen mühsamen Weg geht, dem anderen Respekt und Würde zugesteht auch in der Auseinandersetzung. Dadurch können wir als Kirche Vorbild in einer Gesellschaft sein, die sich immer stärker polarisiert. Aufeinander zugehen ist gefragt – nicht auseinander gehen.

Stichwort Polarisierung – haben Sie das Gefühl, dass das ultrakonservative Lager in jüngster Zeit Zulauf hat?

Ich meine, dass solche Etiketten in der Diskussion nicht wirklich weiterhelfen. Es gibt immer Menschen, die jeden Kompromiss als unsinnig oder Verrat an der Sache ablehnen. Abgesehen von diesen ‚Polkappen‘ erlebe ich es in unserer Landeskirche eher so, dass die Gespräche in der Landessynode oder unter Kolleginnen und Kollegen dazu geführt haben, dass man sich aufeinander zubewegt und Verständnis gewonnen hat. Deswegen ist mir auch das Abendmahl so wichtig: Da erfahre ich, wie Menschen, die politisch, sozial, theologisch ganz anders denken als ich trotzdem gemeinsam mit mir um den Tisch des Herrn stehen.

Was hat die Landeskirche vergangenes Jahr noch bewegt und was wird 2019 Thema sein?

Mich beschäftigt zum einen, dass wir in Europa zunehmend Rassismus, Populismus und Nationalismus erleben. Da sehe ich eine ganz wichtige Aufgabe für uns, gegen diesen Trend anzugehen, denn wir sind als Kirche über diese Nationen hinaus berufen. Zudem beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Digitalisierung. Wir haben das als eines von mehreren Zielen benannt, nicht nur dahingehend, wie wir besser digital unterwegs sein können. Es geht auch darum, was die Digitalisierung für das Gesundheitswesen, für Arbeitsplätze, für soziale Kommunikation, für ethische Fragen bedeutet. Da sind die Kirchen ein wichtiger Teil der Zivilgesellschaft und können mit ihren Erfahrungen, Einsichten und Diskussionsbeiträgen wirken.

Sie sagen, Kirchen seien ein wichtiger Teil der Zivilgesellschaft, doch die Zahl der Mitglieder sinkt, Menschen wenden sich vom Glauben ab. Was muss Kirche dagegen tun?

Natürlich beschäftigt mich, wie wir Menschen, die sich von der Kirche weit entfernt haben, zeigen können, dass diese relevant für ihr Leben sein kann – weil es dort Resonanzräume für eigene Fragen und Probleme gibt. Weil Gemeinschaft unterschiedlicher Generationen geboten wird. Weil die Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens, nach Schuld und Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Erlösung bleiben. Wir spüren die Sehnsucht nach sozialen Beziehungssystemen. Wir können – das haben wir erkannt – mit den jungen Menschen in den sozialen Netzwerken kommunizieren und uns darauf einlassen, dass heute ganz andere Formen von Information und Beziehung gelebt werden. Wir als Kirche müssen zeigen, dass wir mittendrin sind. Das Evangelium muss Menschen erreichen, egal ob sie Zeitung lesen oder in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Das ist eine große Herausforderung für uns alle. Dafür brauchen wir Kreativität, Intelligenz und Mut.