Der Jazzpianist Wolfgang Dauner feiert mit Weggefährten im Stuttgarter Theaterhaus seinen Achtzigsten und wird mit dem Landesjazzpreis für sein Lebenswerk geehrt.

Stuttgart - Irgendwann waren der wohl gesetzten Worte genug gewechselt. Bei der kurzen Dankesrede im Anschluss an die offizielle Preisverleihung durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten Nils Schmid und den Kulturstaatssekretär Jürgen Walter. Bei der wie stets ironischen Begrüßung seitens des Hausherrn Werner Schretzmeier und den Grußworten des Oberbürgermeisters Fritz Kuhn, von Schmid und Walter. Und auch bei der mit einem Gedicht von Ernst Jandl verzierten Laudatio von Dieter Glawischnig (dem Ex-Leiter der NDR Big Band und des NDR Symphonieorchesters).

 

Nachdem all dies absolviert war, sah Wolfgang Dauner den Zeitpunkt gekommen, verschmitzt an die Jazz-Legende Charlie Parker zu erinnern: Der Saxofonist habe in nicht unbedingt vergleichbarer Situation – Auszeichnung fürs Lebenswerk! – auf die Frage, ob er noch etwas zu sagen habe, geantwortet: „Ich würde jetzt lieber spielen!“

Dauner huschte folglich an den Flügel, eröffnete das Musikprogramm des Abends solistisch mit vorzüglichen Versionen „Nachmittag über den Dächern von Stuttgart“ und „Drachenburg (Für R.)“ und bat anschließend seinen Sohn Florian ans Schlagzeug, um zwei Stücke und eine elektronische Improvisation aus dem aktuellen Duo-Programm zu spielen. Dass es hier zu kleineren technischen Problemen kam, die den reibungslosen Ablauf störten, mag dem Ausgezeichneten wie ein Déjà-vu alter Kämpfe mit der Synthie-Technik erschienen sein, wurde aber – Dauner präsentierte sich an diesem Abend bester Laune – gewitzt am Flügel wegimprovisiert.

Apropos: dass der Jazz mit seinem Gespür für Freiheit und Improvisation gewissermaßen der natürliche Soundtrack fürs Ländle der Macher und Tüftler ist, wurde aus gegebenem Anlass gerne in die Runde des ausverkauften Saals geworfen, weshalb sich das Land aktuell nachdrücklich die Förderung dieser Kunstform auf die Fahnen geschrieben hat.

Mutiger Pragmatismus

Wie überhaupt ja die Zeitläufte für Neugier und Mut zur Improvisation plädieren. Jazz – nie war er so wertvoll wie heute. Wolfgang Dauner wäre allerdings nicht Wolfgang Dauner, hätte er nicht auch an diesem Abend die Gelegenheit genutzt, darauf hinzuweisen, dass trotz seiner Auszeichnung und all der begrüßenswerten Nachwuchsförderung zwischen der Förderung von E- und U-Musik noch immer ein Unterschied liegt, der hinreichend Stoff für ein paar hundert Jahre Grundsatzdiskussionen biete. Wenngleich er persönlich so viel Zeit nicht mehr habe.

Dass ein mutiger Pragmatismus der Marke „Nutze die Möglichkeiten!“ vielleicht ohnehin die bessere, weil kreativere Strategie als ein Warten auf und Kalkulieren mit den Spendierhosen der öffentlichen Hand ist, davon hatten zum Auftakt des Abends Filmbilder aus dem SWR-Archiv erzählt, die noch einmal die heroische Phase des Stuttgarter „Underground“ (so der Laudator Dieter Glawischnig) der sechziger und siebziger Jahre in Erinnerung riefen. Damals spielten Wolfgang Dauner und seine diversen Mitstreiter erst Modern Jazz, dann Free Jazz, dann Free Jazz, gepaart mit Formen von Happening und Performance-Kunst, gerne auch in Donaueschingen. Man staunt nicht schlecht, wenn man in Zeiten von „Dschungelcamp“ und Castingshows diese Bilder von Kreativität und Freiheit (wieder-)sieht.

Ein Preis für das Lebenswerk bedeutet in der Regel, dass nun Jüngere und Weggefährten legitim davon ausgehen, eine Biografie in eine „runde“ Erzählung gießen zu dürfen, die im besten Falle auch noch etwas zur Gegenwart zu sagen hat. So waren dann „Freiheit“, „Grenze“ und „Grenzüberschreitung“ die Worte des Abends. Schließlich hat sich Wolfgang Dauner stets die Freiheit genommen, sich an Grenzen zu reiben, bis diese für gewöhnlich seinem Druck nachgaben. Solch eine abenteuerliche Biografie – ein Schlosser wird Musiker von Weltrang – eröffnet Möglichkeiten und verschafft sich Respekt. Wovon denn auch die Weggefährten künden, die Dauner für diesen Abend eingeladen hat.

Kleinere Zwischenfälle während des Konzertabends

Das Alter spielt dabei erst einmal gar keine Rolle, weshalb sich Dave King, Christof Lauer und Nils Wogram ebenso selbstverständlich auf der Bühne einfanden wie Larry Coryell, Manfred Schoof und Klaus Doldinger, zwei Musiker übrigens, die in wenigen Wochen gleichfalls dem „Club der Achtziger“ beitreten werden, dem Dauner nunmehr seit 25 Tagen angehört. Erlebte man Dauner, Schoof und Doldinger auf der Bühne, diese Mischung aus Spielwitz (Dauner), Coolness (Schoof) und Groove-Versessenheit (Doldinger), konnte man das Alter ohnehin vergessen. Die Musiker erinnerten sich „als Fans“ (Dauner) an verstorbene Weggefährten wie Albert Mangelsdorff oder Charlie Mariano und spielten gemeinsam alte Jazz-Rock-Kracher wie „Hong Kong Fu“. Auch Barbara Thompson, seit langem erkrankt, hatte überraschend ihr Erscheinen an diesem Abend angekündigt, wurde auf der Bühne gefeiert und mit einer inspirierten „Ode to Sappho“ gewürdigt.

Lebte der erste Teil des Konzertabends von Geistesgegenwart und Spontaneität, mit der auch kleine Zwischenfälle wie verschwundene Notenblätter souverän und humorvoll hinweggewischt wurden, so bewegte sich der zweite Teil des Abends mit einem um ein paar Stücke gekürzten Konzert des United Jazz & Rock Ensemble 2nd Generation feat. Jon Hiseman und später auch noch Flo Dauner am Schlagzeug in vergleichsweise routiniertem Gewässer.

Jetzt gab es Blumen für die Gattin und Muse Randi Bubat, Hits von „Ausgeschlafen“ über „Capriccio Funky“ bis „Ganz schön heiß Man“ in gewohnt druckvollen Versionen mit großem Bläsersatz, schöner Gitarrenarbeit von Frank Kuruc und reichlich Erinnerungen an diejenigen wie Volker Kriegel oder Kenny Wheeler, die nicht mehr dabei sein konnten. Zum Grande Finale wurde das Ganze dann noch einmal zirzensisch getoppt durch „Be-Bop Rock“, jetzt gespielt von allen beteiligten Musikern des Abends. Standing Ovations – es folgt die Fortsetzung am gleichen Ort, an Ostern. Die Bühne hält jung.