Landesmuseum Mit den Fingerkuppen Geschichte ertasten

Sehbehinderte Menschen dürfen die Exponate ertasten. Foto: Martin Stollberg
Sehbehinderte Menschen dürfen die Exponate ertasten. Foto: Martin Stollberg

Im Württembergischen Landesmuseum gibt es für Blinde nun besondere Führungen durch die neue Ausstellung „Legendäre Meisterwerke“. Einige Exponate haben bereits Täfelchen mit Erklärungen in Brailleschrift.

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Stuttgart - Der Kelte muss Macht und Ansehen gehabt haben. Ein Indiz dafür sind die zahlreichen Gegenstände, die Archäologen in seinem Grab gefunden haben: Ringe, Spangen, ein Schwert, ein Dolch. Die Museumsführerin Helga Müller-Schnepper erklärt einer kleinen Gruppe von Museumsbesuchern die historische Bedeutung der Kelten: „Sie hatten große handwerkliche Fähigkeiten, konnten Eisen verarbeiten und gute Waffen herstellen.“ Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Führung durch das Landesmuseum im Alten Schloss. Doch die fünf Teilnehmerinnen können die prachtvollen Kunststücke nicht oder nur schemenhaft sehen. Sie sind blind oder sehr stark sehbehindert.

Mit der Eröffnung der neu zusammengestellten Schauausstellung „Legendäre Meisterwerke“ will sich das Museum noch mehr für Behinderte öffnen. Am vergangenen Freitag fand die erste Führung für Sehbehinderte statt. „Alleine kann ich nicht ins Museum gehen, weil ich die Infotafeln nicht lesen kann“, sagte Helga Rögele, die nur noch eine Sehstärke von rund zwei Prozent hat. Wie die anderen Teilnehmer ist sie darauf angewiesen, dass ein Sehender die Objekte beschreibt.

Die Führerin muss sich umstellen

Für Helga Müller-Schnepper, die regelmäßig Gruppen durch das Museum geleitet, ist diese Führung eine echte Herausforderung: „Ich muss mich umstellen, wie ich was erkläre.“ Gewohnte Gesten und Handbewegungen, um beispielsweise Größen- und Längenunterschiede zu verdeutlichen, sind für die Blinden nicht zu verstehen. So ist das auch beim Keltenring von Trichtingen, einem ganz besonderen Stück der Sammlung. Sehende können die Erklärung lesen, den schillernden Glanz des Rings wahrnehmen und so seine Bedeutung verstehen. Doch für die Blindengruppe ist eine längere Erläuterung nötig.

Der Halsring wurde 1928 in einem Bach bei Trichtigen gefunden. Er ist sechs Kilogramm schwer, besteht aus einem Eisenkern und einer versilberten Oberfläche und wurde vermutlich als Kult- oder Tauschobjekt verwendet. Ein Vergleich aus der Welt des Alltags hilft weiter: „Der Ring ist etwa so groß wie ein Essteller.“ Seine Oberfläche ist nicht glatt, sondern mit einem Zickzackmuster verziert, schilderte die Museumsführerin. Sie erläutert den sehbehinderten Museumsgästen auch, dass der Ring nicht geschlossen ist, sondern eine Öffnung hat, an deren Enden sich Miniatur-Widderköpfe befinden.

Manche Erklärungen gibt es in der Brailleschrift

Bei manchen Exponaten sind auch Täfelchen mit der Brailleschrift angebracht – Blinde können so die grundlegenden Informationen mit ihren Fingern lesen. So wie bei den Mineralien, die in einer Schublade unter der Ausstellungsvitrine zu entdecken sind. Malachite und Azurite wurden aus den Alpen nach Süddeutschland importiert und zur Herstellung von Erzen benötigt, erklärte Helga Müller-Schnepper. Die Teilnehmer dürfen die Steine auch anfassen und können so die unterschiedlichen Oberflächen im wahrsten Sinn des Wortes er­fassen. Aus den Mineralien wurde Kupfer hergestellt, aus dem wiederum Schmuck­stücke angefertigt wurden. Was die Teilnehmer nicht sehen können, aber erklärt bekommen: die Armreifen sind sehr schmal. „Vermutlich waren die Träger zierliche, schlanke und große Menschen“, sagte Helga Müller-Schnepper.

Von diesen Mitmachstationen, an denen man die Objekte in die Hand nehmen kann, waren Helga Rögele und ihre Freundin Renate Gugeler begeistert: „In vielen anderen Museen darf man nichts anfassen, und man ist dann sehr auf einen Partner angewiesen.“ Was viele nicht wissen, sei, dass Blinde nicht grapschen. „Wir tasten anders als Sehende, wir verinnerlichen das Fühlen anders“, erklärten die beiden. Das kann von Vorteil sein, wenn man die Herstellungsweise beispielsweise von Holzrädern verstehen will.

Der Rundgang dauert zwei Stunden

Im Museum steht auch ein Nachbau eines Holzwagens, der nur aus einer großen Baumgabel und zwei Rädern besteht. Das Gefährt wurde im Moor beim Federnsee gefunden. „Ein extra leichter Wagen, der für den weichen Moorboden geeignet ist“, erklärte die Museumsführerin. Mit bloßem Auge sehen die Räder wie einfache Holzscheiben aus. Erst wenn man mit der Hand darüber streicht, bemerkt man die konvexe Form und die unzähligen Kerben, die durch die Schnitzarbeiten entstanden sind. „Das ist ganz schön gearbeitet“, bemerkte eine Teilnehmerin. Damit sie erfahren konnten, wie sich die Pilger im Mittelalter auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela kleideten, durften sie sich einen der schweren Wollmäntel umlegen und die Wollmütze mit der Jakobsmuschel aufsetzen.

Nach knapp zwei Stunden ist der Rundgang durch die Landesgeschichte beendet. Wenn es nach Helga Rögele und ihre Freundin Renate Gugeler gegangen wäre, hätte die Führung gerne noch länger dauern können. Es habe genug Stationen gegeben, an denen man die Objekte mit den Händen ertasten konnte. Vor allem die württembergische Königskrone hat es ihnen angetan. Denn sie durften die Replik in die Hand nehmen und auch die Edelsteine fühlen, die eigentlich nur große mit Brillanten besetzte Knöpfe sind. Sehenden ist das übrigens nicht gestattet – die müssen sich mit dem Blick durch das Glas begnügen.




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