Landespreis für Heimatforscher Erwin Gayer Als das Wasser den Berg hinauf floss

Von Susanne Mathes 

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges fiel Nussdorf in Schutt und Asche – auch alle ortshistorischen Dokumente. Erwin Gayer hat es trotzdem geschafft, ein Buch über ein für ein kleines Dorf geradezu revolutionäres Projekt zu schreiben: die beispielhafte Wasserversorgung.

Erwin Gayer am Nussdorfer Wasserturm Foto: factum/Granville 14 Bilder
Erwin Gayer am Nussdorfer Wasserturm Foto: factum/Granville

Eberdingen-Nussdorf - Als sein Elternhaus am 7. April 1945 in Flammen aufging, schaute der dreijährige Erwin Gayer mit seinen Schwestern von einer Nussdorfer Streuobstwiese aus zu. „Inmitten von Bettzeug und andere Dingen, die wir aus dem Haus gerettet hatten“, erinnert er sich. Der Ostwind blies die Funken bis zu den Kindern. Noch Jahre nach dem Krieg schliefen die Gayers in Decken mit Brandlöchern.

Nicht nur das Haus der Familie Gayer wurde im April 1945 zerstört – in jenen verheerenden Tagen, als das Dorf zwischen die Mühlen der eingerückten SS und der Wehrmacht, die es in fatalem Fanatismus verteidigen wollten, und herannahenden Franzosen geriet. 20 Menschen starben, drei Viertel des Dorfes versanken in Schutt und Asche. Auch das Rathaus. Und mit ihm sämtliche Urkunden, Akten und Grundbücher, in denen die Geschichte des kleinen Ortes dokumentiert war.

Das Vieh rümpfte an den „Pfützen“ die Nase

Wer angesichts einer solch trostlosen Quellenlage versuchen will, Sternstunden der Ortsgeschichte dem Vergessen zu entreißen, muss aus besonderem Holz geschnitzt sein. Erwin Gayer, Elektrotechniker im Ruhestand und von Kindesbeinen an von Geschichte fasziniert, ist es – zum Glück. Sein 200 Seiten starkes Buch beleuchtet ein über das lokalhistorische Interesse hinausreichendes, existenzielles Thema: die Frage, wie der Mensch zu dem lebensnotwendigen Wasser kommt.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts mussten sich die Nussdorfer mit dem Gefäß begnügen, das Gayers Buch „Eine Gölte Wasser“ den Namen gibt – ein hölzerner oder kupferner Schöpfeimer, der zwischen 15 und 18 Liter fasste. Das rund 400 Meter hoch gelegene Dorf verfügte nur über fünf Brunnenschächte, die einigermaßen akzeptables Wasser lieferten. In trockenen Zeiten wurde streng rationiert. Jeder Haushalt, unabhängig von seiner Bewohnerzahl, erhielt alle zwei Tage seine Gölte voll Wasser. Frauen schleppten zusätzliches Wasser teils kilometerweit aus dem Tal herauf. Wer ein Fuhrwerk, ein Wasserfass und Zugtiere sein Eigen nannte, schöpfte Bach- oder Quellwasser in Nachbarorten. Für das Vieh gab es sogenannte Pfützen: Als Trinkwasser waren diese Regenwasserteiche aber so miserabel, dass auswärts gekauftes Vieh sich weigerte, es zu saufen.

Ein kleines Dorf mit großen Plänen

Doch im Jahr 1865 kratzten die Nussdorfer ihr Geld zusammen, nahmen Kredite auf und brachten mit dem Stuttgarter Ingenieur Karl Ehmann ein für ein kleines Dorf in Württemberg bis dato beispielloses Projekt zuwege: eine eigene Wasserversorgung, die am 25. Juli 1867 eingeweiht wurde. Von diesem Zeitpunkt an floss das kostbare Nass von einer Quelle in Eberdingen über natürliches Gefälle in eine Pumpstation. Eine Dampfmaschine trieb die Pumpe an, die das Wasser via Druckrohr rund 120 Meter zu einem Hochbehälter in Nussdorf beförderte. Über ein Rohrsystem ging es weiter zu sieben Ventilbrunnen, aus denen die Bürger schöpften.




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