Landespreis für schwul-lesbische Initiative aus Stuttgart Verfolgt und ausgegrenzt – der Liebe wegen

Von Uwe Bogen 

Nach dem Krieg hörte die Verfolgung von Schwulen und Lesben nicht auf. Eine Stuttgarter Initiative hat im Internetportal „Der Liebe wegen“ unter anderem die Kastration von zwölf Männern in der Region bis Ende der 1960er aufgedeckt. Dafür bekam das Autorenteam nun den Landespreis für Heimatforschung.

Zu den Treffpunkten von Schwulen und Lesben gehörten in Stuttgart nach dem Krieg Bars der „Vereinigten Hüttenwerke“. Foto: Gerhard Goller
Zu den Treffpunkten von Schwulen und Lesben gehörten in Stuttgart nach dem Krieg Bars der „Vereinigten Hüttenwerke“. Foto: Gerhard Goller

Stuttgart/Waldkirch - „Widernatürliche Unzucht“ – so lautete der Vorwurf. Homosexuelle kamen in Haft, wurden kastriert und vergast. Eine Stuttgarter Initiative hat die Verfolgung von Minderheiten im Südwesten in ihrem Internetportal www.der-liebe-wegen.org aufgearbeitet – und dafür nun bei einer Festveranstaltung in Waldkirch im Breisgau den mit 5000 Euro dotierten Landespreis für Heimatforschung bekommen. Aus 169 Bewerbungen hatte eine Jury des Kunstministeriums von Baden-Württemberg dem fünfköpfigen Autorenteam aus Stuttgart den ersten Preis zuerkannt.

Die Initiative „Der Liebe wegen“ will Menschen, die wegen ihrer Liebe und Sexualität ausgegrenzt und verfolgt wurden, Gesicht und Stimme geben. Erinnerungen an die Repressalien sollen zur Wachsamkeit mahnen. Nach monatelanger Arbeit haben die Rechercheure und Heimatforscher Werner Biggel, Ralf Bogen, Rainer Hoffschildt, William Schaefer und Claudia Weinschenk Anfang des Jahres eine vielbeachtete Plattform online gestellt, die aufwühlend ist, weil sie Schicksale beleuchtet und sich nicht auf Zahlen beschränkt. Erstmals sind viele Scans von Originaldokumenten veröffentlicht, die unter anderem die Verfolgung von Homosexuellen in der Nachkriegszeit durch regionale Polizeidienststellen und die „freiwilligen Kastrationen" bis Ende der 1960er belegen.

„Schwulenparagraf 175“ erst 1994 endgültig abgeschafft

Der Landespreis für Heimatforschung Baden-Württemberg wurde 1981 ins Leben gerufen. Zunächst von den Volks- und Raiffeisenbanken Baden-Württemberg getragen, wird der Preis seit dem Jahr 2000 vom Land Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Landesausschuss Heimatpflege Baden-Württemberg gestiftet. Die Initiative „Der Liebe wegen“ hat eine digitale Gedenkkarte ins Netz gestellt, eine schmerzhafte Auflistung des Unrechts, das staatliche Behörden über Generationen an Schwulen und Lesben begangen haben.

Unter den 250 Einzelschicksalen, die man anklicken kann, ist der 1883 in Stuttgart geborene Theater- und Filmschauspieler Fritz Junkermann. 1932 war er nach dem sogenannten Schwulenparagrafen 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte und erst 1994 endgültig abgeschafft worden ist, zu 280 Reichsmark verurteilt worden. Ein Stricher denunzierte ihn Anfang 1940, weil er sich damit selbst ein milderes Urteil erhoffte. „Wegen fortgesetzter widernatürlicher Unzucht“ wurde Junkermann zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt. Am 19. Juli 1941 überführte die Polizei ihn in das KZ Sachsenhausen, wo er am 9. April 1942 zwangskastriert wurde. Vermutlich am 5. Oktober ist der Schauspieler im Alter von 58 Jahren vergast worden.

Schwule trafen sich in Bars der Vereinigten Hüttenwerke

Die Webseite ist in Zusammenarbeit mit der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber entstanden. „Das Internetprojekt setzt um, was Aufgabe des zukünftigen Lern- und Gedenkortes sein wird“, ist im Grußwort der Initiative zu lesen. Im Hotel Silber, der früheren Gestapo-Zentrale, hat die Polizei nach Kriegsende die Überwachung von Minderheiten fortgeführt. Nach eigener Schätzung hatten die Beamten in den 1950ern und 1960ern etwa 2000 Namen in ihrer Kartei. „Ihr Leiter, Kriminaloberkommissar Bauer, brüstete sich damit, dass Anzeigen gegen homosexuelle Männer meist aus eigener Initiative erfolgt sind“, steht auf der Webseite „Der Liebe wegen“.

Treffpunkte von Schwulen und Lesben waren in Stuttgart Bars in den „Vereinigten Hüttenwerken“, wie man das Rotlichtviertel nach dem Krieg nannte, Badeanstalten und Toilettenanlagen wie der spätere Kiosk, aus dem das Lokal Palast der Republik geworden ist. An der Oberen Bachstraße (die heute vom Schwabenzentrum überbaut ist) führte Alois Weiß eine Schneiderei, aus der 1953 mit amtlicher Genehmigung ein Schnellimbiss wurde. Das Geschäft sei unter der Woche „eine ganz brave Schneiderei“ gewesen, wie sich Zeitzeugen erinnern, die Rentner Reiner P. und Johann W.: „Aber am Wochenende gab es dort Tanz für Homosexuelle.“ Hinter der Schneiderei befanden sich Räume, in die sich die Männer unbeobachtet zurückziehen konnten. „Es war völlig harmlos, nur Tanz und Musik.“ Kam die Polizei, wurden die Tänzer im Hinterzimmer gewarnt. Die Musik wurde abgestellt.

Initiative deckt Kastrationen bis Ende 1960er Jahre auf

Daraus ist das Café Weiß geworden, das sich heute beim Hans-im-Glück-Brunnen befindet. „Dieses Café hat in Stuttgart eine so wichtige Rolle gespielt“, sagt Gerhard Goller, mehrere Jahrzehnte Leiter der Gaststättenbehörde im Rathaus, „dass man es zum Weltkulturerbe erklären müsste.“

Vor dem Krieg existierten schwul-lesbische Stadtpläne in Stuttgart. Darin konnte man sich über „Sitz und Zusammenkünfte eventuell vorhandener Organisationen, homoerotische Verkehrslokale, preiswerte Hotels, verständnisvolle Ärzte und Rechtsanwälte“ informieren, wie der homosexuellen Zeitschrift „Freundschaft“ im Februar 1933 zu entnehmen war. Im Saalbau der heutigen Rosenau im Stuttgarter Westen fanden Maskenbälle für Schwule statt.

Das Internetprojekt „Der Liebe wegen“ hat aufgedeckt, dass sich in der Region mindestens zwölf Männer von 1945 bis Ende der 1960er „freiwillig” kastrieren ließen, um der Bestrafung nach Paragraf 175 zu entgehen.

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