ExklusivLandesregierung und Philologenverband Gepflegte Dauerkontroverse

Pocht auf politische Meinungsfreiheit: Stefan Fulst-Blei. Foto: StZ
Pocht auf politische Meinungsfreiheit: Stefan Fulst-Blei. Foto: StZ

Die organisierten Gymnasiallehrer in Baden-Württemberg und die grün-rote Regierungskoalition sind sich noch nie richtig grün gewesen. Wegen eines Textes in einem Verbandsblatt kocht der Streit wieder hoch.

Landespolitik: Renate Allgöwer (ral)
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Stuttgart - Richtig innig ist das Verhältnis zwischen dem Philologenverband (PhV) und der grün-roten Landesregierung nie gewesen. Der PhV versteht sich als klassischer Bewahrer des Gymnasiums und hat die Koalition im Dauerverdacht, das Bildungsniveau der Landeskinder zu drücken und die Lehrer auszubeuten. Grün-Rot wiederum argwöhnt immer mal wieder, der Philologenverband sei der traditionalistische Hort der Elitenverteidiger und der Reformverweigerer.

Eine Krise hat die Beziehung im Oktober erreicht, als der Verbandsvorsitzende Bernd Saur im Magazin „Focus“ über Übersexualisierung im Unterricht und Pornografisierung in der Schule philosophierte. Später sollte Saur klarstellen, dass er sich gar nicht auf Baden-Württemberg und die in den künftigen Bildungsplänen verlangte Akzeptanz sexueller Vielfalt bezogen habe, da war aber der SPD-Kultusminister schon auf der Palme und hatte Saur vorgeworfen, er verschärfe die öffentliche Debatte.

Wer glaubte, inzwischen sei Gras über die Sache gewachsen, sieht sich getäuscht. Eher sieht es nach dem steten Bemühen aus, die Kontroverse nach Kräften zu pflegen. Jetzt geht es um das verbandseigene Magazin „Gymnasium“. Es bietet den Fraktionen im regelmäßigen Turnus die Möglichkeit, sich zu einem selbstgewählten Thema in der alle zwei Monate erscheinenden Publikation zu äußern. In der am Montag an die Mitglieder ausgelieferten Ausgabe November/Dezember wäre die SPD an der Reihe gewesen, ein „Thema aktuell“ zu bestücken. Was sie auch tat. Doch der Text erschien nicht. Falls die Abonnenten dies nicht bemerkt haben sollten, weist Stefan Fulst-Blei, Autor des nichtgedruckten Textes und bildungspolitischer Sprecher der SPD vorsorglich öffentlich darauf hin.

Mangelhafte Kritikfähigkeit

Fulst-Blei spricht von einem „bemerkenswerten Vorgang, den wir so noch nicht gehabt haben“. Sein Text sei rundweg abgelehnt worden. Und zwar mit Hinweis darauf, dass er, Fulst-Blei, sich einleitend Kritik am PhV-Vorsitzenden Saur und dessen Einlassungen im „Focus“ erlaubt habe. Fulst-Blei zeigte sich konsterniert: „Es ist enttäuschend und bemerkenswert, dass der Philologenverband, der selbst so oft markige Worte findet, nicht mit Kritik umgehen kann“, sagte er der StZ.

Der Text musste Anfang November in der „Gymnasium“-Redaktion vorliegen. Da war der Eklat noch kaum abgeflacht. In seinem unveröffentlichten Text, der der Stuttgarter Zeitung vorliegt, klagt der SPD-Mann einleitend, Saur habe „billigend in Kauf genommen, die eigentlich befriedete Debatte um sexuelle Vielfalt erneut anzufachen“. Auch habe Saur „den höchst missverständlichen Eindruck erweckt, seine Ausführungen könnten sich auch auf Baden-Württemberg beziehen“. Gleichzeitig wirft Fulst-Blei dem Chef des Philologenverbands vor, Saur habe „diese Unschärfe durchaus bewusst gewählt“. Den Lehrern rät Fulst-Blei, „sich von solchen randständigen Äußerungen nicht in die Irre führen zu lassen“.

So viel Kritik am Vorsitzenden ging dem Redakteur Andreas Horn, dann doch zu weit für ein Verbandsblatt. Manches, fand Horn, sei eher Unterstellung als Meinungsäußerung und bat um Versachlichung. Die sei nicht gekommen. Also habe er selbst die ersten Sätze „so gekürzt, dass sich sachlich waren und die Bedenken der SPD doch noch zum Ausdruck kamen“, sagte Horn der StZ. Eine Antwort sei aber erst gekommen, als er die Druckfreigabe schon erteilt habe. Da habe die SPD eine Mail geschickt, sich auf politische Meinungsfreiheit berufen und erklärt, sie wolle den Text unverändert veröffentlicht sehen. Daraufhin habe er ganz verzichtet.

Gesprächsangebot ausgeschlagen

Zum ersten Mal in den vier Jahren seiner Redaktionstätigkeit habe er sich zu einer solchen Reaktion genötigt gesehen, erklärt Horn und zeigt sich verblüfft, dass außer den Mail keine Reaktion der SPD kam. „Man hätte darüber reden können“, sagt er, nachdem das Blatt gedruckt ist. Vermisst habe den Text übrigens noch kein Abonnent.

Dennoch hat Horn der SPD angeboten, sie dürfe sich ausnahmsweise in der ersten Ausgabe des Jahres 2015 äußern. Turnusmäßig sei zwar die CDU an der Reihe. Aber es werde im Februar dann eben mal zwei Rubriken „Thema aktuell“ geben. Möglicherweise ist dann zu lesen, dass die SPD kaum Lehrerstellen streicht und an der Weiterentwicklung des achtjährigen Gymnasiums arbeitet. Darum wäre es Fulst-Blei im wesentlichen gegangen. Zu lesen nur, falls die SPD möchte. Fortsetzung folgt– so oder so.

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