Es gab glückliche Gewinner, emotionale Reden, einen launigen Film und viele zufriedene Gesichter. Die Verleihung der Trainerpreise des Landessportverbands Baden-Württemberg (LSVBW)bot dem Sport im Land mal wieder viele Möglichkeiten, zufrieden auf das vergangene Jahr zu blicken. Zumal sogar eine Olympiasiegerin von Paris im Porsche-Museum zugegen war (Darja Varfolomeev) – und eine weitere (Yemisi Ogunleye) eine Grußbotschaft sendete. Aber: Unüberhörbar gab es in diesem Jahr auch kritische Töne.
Die Vorwürfe des Misssbrauchs am Stuttgarter Kunstturnforum (KTF) waren auch bei der Preisverleihung Thema. Alles andere wäre auch seltsam gewesen, schließlich geht es ja hier wie dort darum, wie Trainerinnen und Trainer auf ihre Schützlinge einwirken. Vorbildliche Arbeit wird beim Trainerpreis des LSVBW seit 1996 honoriert, der Turnsport ist derweil dabei, mögliches Fehlverhalten aufzuarbeiten und zu sanktionieren.
„Die physische und psychische Gesundheit der im Sport zu Betreuenden als auch der Akteure im Umfeld sind durch die jeweils Verantwortlichen mit Priorität eins zu schützen“, sagte Jürgen Scholz, der LSVBW-Präsident in seinem Grußwort gleich zu Beginn der Veranstaltung am Dienstagabend und setzte damit das Thema ganz bewusst auf die Agenda des Abends. Scholz ergänzte: „Wir dulden keine Toleranz und fordern einen Kulturwandel.“
Zahlreiche ehemalige und aktuelle Turnerinnen hatten in den vergangenen Wochen die Missstände am Bundesstützpunkt in Bad Cannstatt öffentlich kritisiert, interne Meldungen darüber gab es schon früher. Im Zentrum der Kritik standen eine Trainerin und ein Trainer, die zunächst vorläufig suspendiert waren. Mittlerweile ist klar, dass beide nicht mehr ans Kunstturnforum zurückkehren werden.
Elisabeth Seitz: „Kommunikation auf Augenhöhe besonders wichtig“
„Es sind dauerhafte personelle Maßnahmen getroffen worden“, sagte ganz generell am Dienstagvormittag Matthias Ranke, der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB), der das KTF betreibt und die Trainerinnen und Trainer dort auch beschäftigt. Am Bundesstützpunkt trainiert seit Jahren auch Elisabeth Seitz. Die Turnerin war am Dienstagabend als Co-Moderatorin im Einsatz – und wurde von Moderator Michael Antwerpes auf die Geschehnisse angesprochen. „Besonders wichtig ist es, dass Trainer und Athletin auf Augenhöhe kommunizieren“, sagte die deutsche Rekordmeisterin. Sie selbst könne das mit ihrem aktuellen Coach, versicherte sie, „ich kann mit ihm über alles sprechen“.
Jürgen Scholz kündigte an, als derzeit Vorsitzender der Konferenz der deutschen Landessportbünde den angestrebten „Kulturwandel in den Mittelpunkt“ von deren Arbeit zu stellen. Andreas Haffner, als Porsche-Personalvorstand quasi Gastgeber am Dienstagabend im Museum des Sportwagenherstellers, bezog sich nicht ausdrücklich auf die aktuellen Geschehnisse im Turnen, seine Worte passten dennoch zum Thema. „Trainerinnen und Trainer sind entscheidende Wegbegleiter für Sportlerinnen und Sportler“, sagte er, „sie dürfen den Erfolg nicht um jeden Preis suchen und müssen Grenzen akzeptieren. Ihre Verantwortung geht weit über das Sportliche hinaus.“
Michael Kühner, der für sein jahrzehntelanges Engagement als Fechttrainer beim PSV Stuttgart, ausgezeichnet wurde, erklärte: „Das persönliche Ansprechen der Kinder und Jugendlichen ist wichtig.“ Dazu gehöre es zwar, auch mal laut zu werden, erklärte der 76-Jährige, aber sein Leitsatz sei: „Du trainierst keine Muskeln, sondern Menschen.“ Man müsse mit den jungen Sportlerinnen und Sportlern an Grenzen gehen, aber auch Grenzen erkennen.
Wie im Turnen hatte es vor einigen Jahren auch am Bundesstützpunkt der Rhythmischen Sportgymnastik Probleme im Umgang mit den sehr jungen Athletinnen gegeben. Seit 2015 ist dort nun Yuliya Raskina Trainerin. Sie führte Darja Varfolomeev zu Gold in Paris, Margarita Kolosov zu Platz vier bei den Olympischen Spielen und wurde am Dienstag als Trainerin des Jahres ausgezeichnet. Die Laudatio hielten ihre beiden Schützlinge, die betonten: „Sie sind für uns mehr als eine Trainerin und immer für uns da – auch in Zeiten des Zweifelns.“