Fellbach - Im Jahr 1961, als sich 35 Fellbacher Landfrauen entschieden, offiziell einen Ortsverband zu gründen, da gab es noch vieles, was heute längst vergessen ist – die Neckarwerke und den Nudelpeter zum Beispiel. Bei den Neckarwerken in Fellbach ließen sich die jungen Landfrauen damals in regelmäßigen Abständen neue Errungenschaften für den Haushalt vorführen – den ersten Dampfkochtopf etwa oder den ersten Herd mit Umluftfunktion. Und die Eierteigwarenfabrik in Waiblingen war damals das beliebteste Ausflugsziel des jungen Vereins. Im Mittelpunkt der Treffen und Ausflüge stand die fachliche Fortbildung. Hier wie dort erklärten die Männer den Landfrauen damals, wie die Welt funktioniert.
Das ist längst anders geworden. Ernährung und Gesundheit spielen aber auch heute noch eine wichtige Rolle – und die Ausflüge, bei denen sich Türen öffnen, die anderen verschlossen bleiben würden, die gibt es immer noch. Aber heute sind die Landfrauen zu einer eigenen Marke geworden. Das Rezeptheft, mit dem der Kreisverband vor fast zehn Jahren Kindern das Kochen beibrachte, ist mit diesen großgeworden – und inzwischen in die Studentenbuden mit umgezogen. Der heimliche Klassiker ist sogar, wie die Vorsitzende Erika Beurer erfahren hat, an den einen oder anderen Mann verschenkt worden. Auf dass er nicht mehr auf andere angewiesen sei, wenn ihm der Sinn nach schwäbischem Soulfood steht, also beispielsweise einem echten Kartoffelpüree oder richtigen Grießklößchen.
Marmelade für den guten Zweck
Rezepte und Genuss spielen bei den Landfrauen unverändert eine große Rolle. Wer neu hinzu kommt, bekommt als erstes das Zwiebelkuchenrezept in die Hand gedrückt – verbunden mit der stillen Hoffnung, dass auch die Neue sich am Backen für gute Zwecke beteiligen werde. Denn immer wieder setzen die Landfrauen ihre handwerklichen Fähigkeiten ein, um Geld für einen guten Zweck zu sammeln – und erwirtschaften auf diese Weise stattliche Spendensummen. Zum Beispiel durch den Verkauf von Schnitzbrot bei den „Fröhlichen Gemeindetagen“ des Evangelischen Vereins. Gut 1000 Marmeladengläser aus dem ganzen Kreis gehen jedes Jahr auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt bei „Weihnachtsmann & Co“ über die Theke – nicht wenige davon kommen aus Fellbach. Als der Markt im vergangenen Jahr abgesagt wurde, verkauften die Landfrauen die Marmelade selbst, um Kulturschaffende im Kreis zu unterstützen. 2500 Euro konnten sie so spenden. „Wir waren immer sozial eingestellt“, sagt Beurer.
Die Zahl der Frauen im Verband wuchs über die Jahre kontinuierlich. Waren es zur Zeit der ersten Vorsitzenden Martha Häussermann noch 40 Frauen, verdoppelte sich die Zahl bereits unter ihrer Nachfolgerin Christa Rienth. Damals gründeten sich die ersten Gymnastik- und Waldlauftreffs, Vorträge von Ärzten ergänzten fortan das Programm. Die erste Mutter-Kind-Gruppe erschloss den Landfrauen eine neue Klientel: Jetzt kamen auch jüngere Frauen.
Ein Kräuterbuch liefert Rezepte und Hausmittel
Ihren wachsenden Einfluss haben die Landfrauen immer wieder auch gezielt genutzt. Im Jahr 2002 startete etwa die „Qualitätsoffensive Brustkrebs“ des Landesverbandes. Damals sammelten die Fellbacher Landfrauen Unterschriften für ein umfassenderes Mammografie-Screening.
Der Wunsch, das Kuchen-Klischee hinter sich zu lassen, führte schließlich zur ersten Buchveröffentlichung der Fellbacher Landfrauen im Jahr 2019 – dem Kräuterbuch, das in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum entstand. Hier versammelten sie ihre besten Brotaufstrich-Rezepte und einfache Hausmittel. Es ist nicht die einzige Kooperation mit dem Stadtmuseum geblieben: Etliche Landfrauen lieferten auch einen Beitrag zur Ausstellung „Das kleine Schwarze“, die demnächst noch einmal zu sehen sein wird.