Es war eine Tat wie in einem Hollywoodfilm: Am Abend des 4. Januar dieses Jahres muss ein Geldtransporter auf seinem Rückweg zur Firma auf einem Feldweg zwischen Pattonville und Oßweil vor einer sternförmigen Kreuzung stoppen, da ein anderes Auto den Weg versperrt. Neben diesem steht ein älterer Mann mit Gehstock, der anscheinend eine Panne hat. Als der Beifahrer des Werttransporters das Fahrzeug verlässt, um mit dem Mann zu sprechen, zückt dieser eine Pistole. Ein weiterer bewaffneter Mann kommt hinzu und zwingt den Beifahrer, sich auf den Boden zu legen. Ein dritter Mann mit Panzerfaust tritt an die Fahrerseite des Mercedes Sprinter und zwingt den Fahrer, den Transporter zu verlassen. Auch dieser muss sich auf den Boden legen, die Täter laden die Beute in zwei Fahrzeuge um und fliehen.
Fast 3,8 Millionen Euro erbeutet
Fast neun Monate später wird der Fall vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt – mit völlig veränderten Vorzeichen. Die beiden Mitarbeiter der Werttransportfirma sitzen auf der Anklagebank, die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Diebstahl mit Waffen und Vortäuschen einer Straftat vor. Sie sollen den Überfall inszeniert haben, ihre Komplizen seien abgehauen. Sie selbst seien am Tatort geblieben, um die Straftat vorzutäuschen. Die Polizei sei auf ihre Bitte von einem Radfahrer alarmiert worden, der am Tatort vorbeigefahren war. Von den knapp 3,8 Millionen Euro Beute fehlt jede Spur.
Es sind zwei gänzlich unterschiedliche Angeklagte, die sich vor der 7. Großen Strafkammer verantworten müssen. Der Fahrer ist 43 Jahre alt, wirkt sehr schüchtern und verbirgt sein Gesicht hinter einer Zeitschrift, als ein Fotograf Bilder macht. Der Beifahrer ist 25 Jahre alt, lächelt sogar, als die Kamera auf ihn gerichtet wird und berichtet eloquent und teilweise mit Witz von einer Kindheit in seinem Heimatland, die von Bomben- und Raketenangriffen geprägt ist.
Verteidiger fordert Freispruch
Doch zunächst gab unmittelbar nach der Anklageverlesung Andreas Baier, der Anwalt des 25-Jährigen, ein sogenanntes Opening statement ab, das es in sich hatte: Ziel seiner Verteidigung sei ein Freispruch, der Angeklagte sitze seit Monaten unschuldig im Gefängnis. „Die Staatsanwaltschaft hat aus widersprüchlichen Aussagen, die in jedem Prozess vorkommen, den Schluss gezogen, die beiden müssen die Täter sein“, erklärte Baier. Dabei sei nicht einmal eine These aufgestellt worden, wie der Überfall abgelaufen sei. Unklar sei auch, wie die Angeklagten den Plan zu dem fingierten Überfall ausgeheckt haben sollten – „sie sind sich nicht einmal grün“.
Die beiden Männer bestätigten diesen Ablauf des Raubüberfalls, von dem zu Beginn auch die Polizei ausgegangen war. Der 25-Jährige erklärte, er sei auf der Rückfahrt müde gewesen und habe die Augen zugemacht. Die Strecke über den Feldweg würden sie regelmäßig nehmen, da sie kürzer sei und es keine Staus gebe. Als sein Kollege das Fahrzeug stoppte, habe er „einen Opa“ neben dem Fahrzeug gesehen, das den Weg blockierte. „Er kam mir nicht gefährlich vor, ich wiege 130 Kilogramm und bin trainiert“, sagte der 25-Jährige. Dann habe dieser eine Waffe auf ihn gerichtet, ein weiterer Mann mit einem Sturmgewehr habe ihn angewiesen sich hinzulegen. Beide Männer seien maskiert gewesen, was zuvor nicht zu erkennen gewesen sei. Die Männer hätten ihn gezwungen, mit seinem Chip die Schleuse zum Wertraum zu öffnen. Er habe Todesangst gehabt: „In meinem Heimatland wird mit einer Waffe nicht gedroht, sondern geschossen.“
Der 43-jährige Fahrer berichtete, er habe gesehen, wie sein Kollege bedroht worden sei. Im selben Augenblick sei ein anderer Mann mit Panzerfaust neben der Fahrertür aufgetaucht und habe ihm gedeutet „auszusteigen und keinen Blödsinn zu machen“. Er habe vom Boden aus dann nur Schritte gehört und gesehen sowie Geräusche an seinem Transporter. Sie hätten den Radfahrer um Hilfe bitten müssen, da die Täter ihnen auch die Handys abgenommen hatten. – Der Prozess wird am Montag fortgesetzt, das Urteil soll am 23. Oktober verkündet werden.