Schon als Teenager konsumierte der Angeklagte Cannabis (Symbolfoto). Foto: /Bihlmayerfotografie
Das Landgericht Stuttgart muss über die Zukunft eines 45-Jährigen aus Weissach im Tal entscheiden. Er hat eine lange Drogenvergangenheit mit zahlreichen Straftaten hinter sich.
Henning Maak
09.01.2026 - 15:00 Uhr
Der Mann auf der Anklagebank ist offensichtlich aufgeregt, er redet extrem schnell und muss von der Vorsitzenden Richterin Jasmin Neher-Klein immer wieder zur Langsamkeit ermahnt werden. Mehr als 20 Straftaten in den vergangenen beiden Jahren wirft die Staatsanwaltschaft Stuttgart dem 45-Jährigen vor – von gefährlicher Körperverletzung über Diebstahl, Sachbeschädigung bis zu Beleidigung und Bedrohung. Seit August vergangenen Jahres ist er vorläufig im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in der Weissenau (Landkreis Ravensburg) untergebracht, nach dem Willen der Staatsanwaltschaft soll er dort noch länger bleiben. Sie erachtet ihn wegen einer schizo-affektiven Störung als gefährlich für die Allgemeinheit.
Schon als Teenager konsumierte der Mann aus dem Rems-Murr-Kreis Cannabis, den Realschulabschluss schaffte er nicht, da er lieber als Nebendarsteller beim Film arbeitete anstatt zur Schule zu gehen. Als er volljährig wurde, hatte er einige Auftritte als Rapper, mit seiner Hip-Hop-Band war er auf Tour. Seine Drogenabhängigkeit vermasselte ihm vieles: Wegen eines verpassten Gerichtstermins wurde er festgenommen, wegen Drogendelikten bekam er eine Bewährungsstrafe. Als seine Freundin fremdging, führte ein Mix aus Cannabis und Alkohol dazu, dass er einen Verfolgungswahn entwickelte und für ein Jahr in ein psychiatrisches Krankenhaus in Stuttgart kam.
„Es war chaotisch, ich war oft allein“
Etwas Halt in seinem Leben fand er zwischen 2004 und 2013, als er beim Hilfsverein für psychisch Kranke in Winnenden im Gastronomiebereich und als Hausmeister tätig war. Doch auch in dieser Zeit waren Rauschgift und Medikamente ständige Begleiter, nach einem LSD-Trip hörte er einmal Stimmen. 2013 zog er in die Einliegerwohnung im Haus eines Bekannten in Weissach, immer wieder war er zwischendurch wegen Depressionen im ZfP Winnenden. „Es war chaotisch. Ich war oft allein, habe am Computer gespielt und HipHop-Beats gebastelt“, erzählte er den Richtern der 17. Großen Strafkammer.
Der Angeklagte muss sich vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Foto: imago/Arnulf Hettrich/Archiv
2024 rutschte er endgültig in die Drogenszene ab und geriet an Amphetamine. „Das hat mich reizbar und wütend gemacht, es kam oft zu Konfrontationen mit der Polizei“, weiß der 45-Jährige noch gut. Die in diesem Prozess verhandelten Straftaten fallen allesamt in diesen Zeitraum. Einmal zerschlug er einem Nachbarn mit einem Bambusstock die Haustür und schlug diesen anschließend damit, so dass dieser eine Nasen- und Schädelprellung erlitt.
Aus einem Atelier in Winnenden stahl er ein Handy, er beschmierte Briefkästen und Tiefgaragen mit Filzstiften, einmal sogar mit einem Hakenkreuz. Aus Discountern ließ er Lebensmittel mitgehen, bedrohte Angestellte, wenn sie ihn erwischten und beleidigte Menschen, die auf dem Balkon saßen und Polizisten, wenn er mal wieder ins ZfP Winnenden gebracht wurde.
„Ich war durch die Amphetamine ein anderer Mensch“
Die Taten räumte der 45-Jährige grundsätzlich ein, doch er hatte für vieles eine Erklärung. „Ich war durch die Amphetamine ein anderer Mensch“, sagte er. So sei die Glastür bei seinem Nachbarn bloß zerbrochen, weil er zu heftig angeklopft habe. Er habe bei ihm nur seinen Betreuer anrufen wollen, weil er sich aus seiner Wohnung ausgeschlossen hatte. Das gestohlene Handy habe er 100 Meter weiter für zehn Euro verkauft, weil er Hunger hatte. Das Hakenkreuz sei ein Versehen, er habe eigentlich ein chinesisches Sonnenkreuz malen wollen. „Rassismus passt überhaupt nicht in die HipHop-Szene“, meinte er entschuldigend. Auch die Beleidigungen und Bedrohungen räumte er ein, sie seien jedoch nie ernst gemeint gewesen. „Ich verabscheue Gewalt“, meinte der Weissacher.
Der Prozess wird am 16. Januar fortgesetzt, das Urteil soll am 13. Februar verkündet werden.