Landkreis Böblingen Beide CDU-Kandidaten holen Direktmandat

Gratulation vom Vorgänger: der Ex-Landtagsabgeordnete Paul Nemeth gratuliert Regina Dvořák-Vučetić Foto: Stefanie Schlecht

Sie konnte Thekla Walker auf Platz zwei bei den Erststimmen verdrängen: CDU-Kandidatin Regina Dvořák-Vučetić gewinnt das Direktmandat im Wahlkreis Böblingen.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

In Böblingen hätte man bei der CDU-Wahlparty im Seegärtle nach der Einblendung der ersten Balken eine Stecknadel fallen hören können, so still wurde das Umfrageergebnis von Infratest-Dimap um kurz nach 18 Uhr aufgenommen. Die Christdemokraten landeten dort knapp unter 30 Prozent, die Grünen knapp darüber. Doch der Abend sollte sich für die CDU im Kreis Böblingen zum Wechselbad der Gefühle entwickeln: Beide CDU-Kandidaten – im Wahlkreis 5 in Böblingen und im Nachbar-Wahlkreis 6 in Leonberg-Herrenberg – gewinnen das Direktmandat.

 

CDU-Kandidatin Regina Dvořák-Vučetić nimmt die ersten Hochrechnungen auf Landesebene gefasst auf, will sich noch nicht zu früh freuen oder trauern: „Man hat ja schon gesehen, dass es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hinausläuft, von daher war es erwartbar.“ Sie sei außerdem noch nicht „im Modus zu überlegen, woran was gelegen hat.“ Dvořák-Vučetić will zunächst die Auszählung im Wahlkreis abwarten. Die hebt tatsächlich die Stimmung im CDU-Lager nach und nach merklich.

Es zeichnet sich früh ab, dass Regina Dvořák-Vučetić das Direktmandat im Böblinger Wahlkreis 5 gewinnt. Sie knöpft es damit Thekla Walker (Grüne) ab, die es seit 2016 innehatte und seit fünf Jahren außerdem das Umweltministerium führt. Die Grünen liegen im Wahlkreis 5 zwar bei den Zweitstimmen knapp zwei Prozent vorne, doch bei den Erststimmen fehlen fast vier Prozent auf die CDU. Für die Grünen-Politikerin ist das eine klare Schlappe und wohl Ausdruck einer gewissen Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler in ihrem Wahlkreis. Umso großer ist die (vorläufige) Freude bei der CDU-Kandidatin.

Zunächst lange CDU-Gesichter: Bundestagsabgeordneter Marc Biadacz (M.) und der ehemalige Landtagsabgeordnete Paul Nemeth (r.) Foto: Stefanie Schlecht

„Für uns ist es wirklich toll, dass wir das Direktmandat wiederbekommen haben. Dieser Zugewinn zeigt mir, dass die Leute bürgerliche Politik wollen“, sagt sie und verweist aber darauf, dass das amtliche Endergebnis wohl erst am Folgetag vorliegen dürfte. „Wir haben im Wahlkampf stark auf die Themen Wirtschaft, Bildung und Sicherheit, gesetzt. Das jetzige Ergebnis zeigt, dass unsere inhaltliche Konzepte hier gut sind und von den Wählern angenommen wurden.“

„Das Ergebnis zeigt: Die Leute wollen bürgerliche Politik.“

Regina Dvořák-Vučetić CDU-Kandidatin

Diese habe sie im Wahlkampf sehr aufgeschlossen erlebt: „Die Leute haben es sehr geschätzt, dass ich präsent war, diese Rückmeldung habe ich bekommen.“ Ein Prinzip, dem sie in den kommenden fünf Jahren treu bleiben will. „Ich komme aus dem Wahlkreis und lebe hier. Es ist klar das Ziel meiner politischen Arbeit: Die Dinge, die den Menschen hier wichtig sind, in Stuttgart zu vertreten – insbesondere in wirtschaftlichen Belangen.“

Groß ist die Freude auch bei CDU-Kandidat Albrecht Stickel im Wahlkreis 6 (Leonberg-Herrenberg): Der Vorsitzende der Herrenberger CDU-Fraktion im Gemeinderat setzte sich gegen Peter Seimer (Grüne) durch. Stickel hatte sich nicht auf die Landesliste setzen lassen und damit voll auf die Karte Direktmandat gesetzt. Der 52-Jährige ist der Nachfolger der Christdemokratin Sabine Kurtz, die sich nach zwei Jahrzehnten aus der aktiven Landespolitik zurückzieht. 2021 hatte Peter Seimer (Grüne) in Nachfolge von Bernd Murschel mit 32,7 Prozent noch das Direktmandat geholt und Sabine Kurtz auf Platz zwei verwiesen, nun hat der ehemalige Steuerfahnder das Nachsehen.

Doch trotz dieser Niederlage dürfte es auch Peter Seimer über die Landesliste wieder in den Landtag schaffen. Und auch Andreas Auer (AfD) wird ins Parlament einziehen. Eine ganz bittere Pille hatte dagegen der Landtagsabgeordnete Hans Dieter Scheerer (FDP) zu schlucken. Seine Partei scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde, damit ist der Rechtsanwalt aus Weil der Stadt nach fünf Jahren wieder raus aus dem Parlament.

SPD-Kandidat Florian Wahl verliert Mandat

Der Böblinger SPD-Landtagsabgeordnete Florian ist trotz eines respektablen Erststimmen-Ergebnisses von über 14 Prozent aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr im Landtag vertreten. „Rechnerisch so gut wie unmöglich“, sagte er am Sonntagabend zerknirscht. Wahl war von 2011 bis 2016 Mitglied im Landtag, zog daraufhin knapp nicht mehr ein. Von 2021 bis dato saß er wieder für die SPD im Parlament, war der gesundheitspolitische Sprecher seiner Fraktion. Mit Listenplatz 13 hat er kaum Aussichten auf einen Wiedereinzug – die Sozialdemokraten landen knapp über der Fünf-Prozent-Hürde und stellen wohl nur zehn Abgeordnete in Stuttgart.

Albrecht Stickel (li.) aus dem Wahlkreis 6 gelingt der Einzug per Direktmandat (hier mit Spitzenkandidat Manuel Hagel (re.), Regina Dvořák-Vučetić (2.v.r.) und Thomas Maurer (2.v.l.) beim Wahlkampf-Finale in Holzgerlingen Foto: Stefanie Schlecht

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Marc Biadacz hat bis zuletzt gehofft, dass die CDU bei der Wahl auf Platz eins landen wird. Er habe die Stimmung im Wahlkampf anders wahrgenommen. Gleichzeitig hat gesehen, „dass die letzten zwei Wochen stark polarisiert haben, auch aufgrund von Videos, die in die Welt gekommen sind.“ Es werde daher um Aufarbeitung gehen, nach den finalen Ergebnissen: „Es sind Wunden entstanden, die es jetzt zu schließen gilt.“ Denn Grüne und CDU werden miteinander regieren, das steht für ihn fest.

Biadacz spielt damit auf das von der Grünen-Bundestagsabgeordnete Zoe Meyer lancierte Video von Hagel an, in dem dieser sich 2018 bei einem Stammtisch-Interview problematisch über eine minderjährige Schülerin geäußert hat. Biadacz: „Ich fand das nicht anständig und hätte mir gewünscht, wir hätten das früher diskutiert.“ Zerknirscht über das Abschneiden der Landes-CDU reagiert an dem Abend auch der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Paul Nemeth.

Nemeth: „Wir sind natürlich enttäuscht.“

„Wir sind natürlich enttäuscht, dass wir nicht als erster durchs Ziel gegangen sind, weil die Wirtschaftskompetenz eindeutig bei der CDU liegt.“ Oft ist bei den Christdemokraten an diesem Abend ein Zitat von ihrem Alt-Ministerpräsident Erwin Teufel zu hören: „Erst das Land, dann die Partei und dann die Person.“ Deswegen müsse man nun sehen, „wie wir auch mit den Grünen weiterhin das Richtige fürs Land tun.“

Er sah einen „Personen- und keinen Themen-Wahlkampf“, und daher sei es klar gewesen, „dass der Herr Özdemir vor unserem ambitionierten und meiner Meinung nach auch guten CDU-Kandidaten lag.“ Der CDU sei es nicht gelungen, die wichtigen Themen Wirtschaft und Sicherheit so zu platzieren, dass sie wahlentscheidend gewesen wären. Über die Video-Affäre „wird noch zu sprechen sein“, sagt Nemeth. „Weil dieses Ereignis hat die Beziehung zwischen Grünen und CDU massiv verschlechtert.“

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