Landrat Dietmar Allgaier Erster Gegenwind irritiert den VfB-Chef

Bisher nur Interims-Präsident beim VfB: Dietmar Allgaier Foto: Pressefoto Rudel//Herbert Rudel

Landrat und Fußball-Präsident zugleich: das lasse sich auf Dauer nicht vereinbaren, schwor Dietmar Allgaier lange. Nun, da er doch kandidiert, ernten er und vermutete Unterstützer kritische Fragen – auch zu Ex-SPD-Chef Martin Schulz als VfB-Berater.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Die Frage ging eigentlich an den Innenminister, aber auch der neben ihm sitzende Ministerpräsident fühlte sich angesprochen. Wie lasse sich das herausfordernde Amt des Landrats auf Dauer mit dem nicht minder herausfordernden Amt des VfB-Präsidenten vereinbaren, so wie das der Ludwigsburger Kreischef Dietmar Allgaier (CDU) plane? Dazu sollte Thomas Strobl (CDU) als Chef der Kommunalaufsicht Auskunft geben. Winfried Kretschmann (Grüne) flüsterte ihm sogleich „Mayer-Vorfelder!“ zu, eine Erinnerung an den legendären, 2015 verstorbenen CDU-Mann. Strobl griff das umgehend auf. „Ganz neu“ sei die Konstellation ja nicht, sogar ein Landesminister sei früher schon mal VfB-Präsident gewesen. Wenn die Nebentätigkeit Anlass zum Prüfen gebe, werde dies „nach Recht und Gesetz erfolgen“.

 

Die Frage könnte sich stellen, weil der Interimspräsident Allgaier sich nun doch für fünf Jahre an die Spitze des Bundesligisten wählen lassen will. Wochenlang hatte er Stein und Bein geschworen, so werde es auf keinen Fall kommen; die beiden Ämter seien auf Dauer unvereinbar. Dann plötzlich legte er, nach vielfachen Ermunterungen zum Antreten, eine Kehrtwende hin – und verkündete per Video doch seine Bewerbung. Wenn bei dem Fußballverein unterstützende Strukturen geschaffen würden, sei der Doppeljob zu machen. Mit seinen Kreistagsfraktionen und dem Regierungspräsidium habe er dies zuvor abgeklärt, berichtete der Landrat.

Ein zweiter „MV“ ist Allgaier nicht

Bei der von Susanne Bay (Grüne) geführten Stuttgarter Mittelbehörde wird dies nicht bestätigt. Zu konkreten Personen dürfe man keine Auskünfte geben, teilt eine Sprecherin mit. Nur allgemein erläutert sie, wann eine Nebentätigkeit angezeigt und wann sie genehmigt werden müsse. Nicht erlaubt werde sie etwa dann, wenn die Dienstpflichten darunter litten. Mehr als ein Fünftel der wöchentlichen Arbeitszeit dürfe sie nicht beanspruchen.

Allgaier ist kein zweiter „MV“

Bei Gerhard Mayer-Vorfelder war das offensichtlich kein Problem. Zu seinen Zeiten war der Profifußball indes noch nicht in eine Aktiengesellschaft ausgegliedert, mit dem VfB-Präsidenten als Chefaufseher. Ein zweiter „MV“ ist Allgaier auch in anderer Hinsicht nicht: Bei Gegenwind lief der alte CDU-Haudegen erst zur Höchstform auf. Der Ludwigsburger Landrat wirkt hingegen etwas irritiert, dass er plötzlich landesweit von Interesse ist und auch kritische Fragen gestellt bekommt – zum Beispiel zu seinem auffälligen Einsatz für einen Kornwestheimer Unternehmer, für dessen Firmen seine Ehefrau arbeitet.

Dauergast in Loge eines Unternehmers

Auch beim VfB Stuttgart sorgt seine Nähe zu einem Unternehmer bereits für Getuschel. Regelmäßig waren er und seine Frau zu Gast in der Loge des Firmenchefs, der sein Geld mit Planung und Bau von Tankstellen in Kombination mit Schnellrestaurants verdient. „Lokale Kontaktpflege“ gehört zu den Leistungen, mit denen er auf seiner Homepage für sich wirbt. Etliche Bilder in den sozialen Medien zeigen die beiden eingeschworenen VfB-Fans in trauter Eintracht im Stadion, gerne mit V-Zeichen oder Daumen-hoch-Geste.

Jede einzelne Einladung ist wohl einen dreistelligen Eurobetrag wert. Für Amtsträger gelten seit einem vom früheren EnBW-Chef Utz Claassen erstrittenen Grundsatzurteil besonders strenge Vorgaben – sofern es einen dienstlichen oder geschäftlichen Bezug gibt. Wann und wie oft die Allgaiers bei dem „Business Partner“ des Clubs eingeladen waren, verraten beide Seiten nicht. Begründung: man treffe sich dort rein privat, die Familien seien seit vielen Jahren befreundet. Berührungspunkte zwischen den Hauptämtern Allgaiers und den Geschäften der in Ostfildern ansässigen Firma gebe es nicht.

Privat als Gast bei feierlicher Tankstellen-Eröffnung

Als privat wird auch die Teilnahme Allgaiers an der feierlichen Einweihung eines Projekts der Firma deklariert. Noch als Kornwestheimer Bürgermeister durchschnitt er Ende 2019 das Band für eine neue Tankstelle in Bondorf (Kreis Böblingen), Seite an Seite mit dem Unternehmer und diversen Amts- und Mandatsträgern. Der Tübinger Regierungspräsident Klaus Tappeser (CDU) war ebenso gekommen wie der damalige Verkehrsstaatssekretär und Ludwigsburger CDU-Bundestagsabgeordnete Steffen Bilger. Auch der VfB Stuttgart war prominent vertreten, durch den Ex-Präsidenten Erwin Staudt, das damalige Präsidiumsmitglied Hans Pfeifer und die Clublegende Guido Buchwald. Eine Tankstelle fernab von Kornwestheim – da fehle ganz offenkundig jeder dienstliche Bezug, betont die Sprecherin des Landrats.

Plötzlich werden Berater publik

Einen gewissen Gegenwind verspüren sogar vermutete Unterstützer Allgaiers wie der Vorstandsvorsitzende der VfB AG, Alexander Wehrle. Der Top-Manager hält sich zumindest offiziell aus dem Rennen um den künftigen Präsidenten heraus – es geht schließlich auch um seinen Chefkontrolleur, den sich der Kontrollierte schlecht selbst aussuchen kann. Sein Einfluss ist ohnehin begrenzt: Aus den Bewerbern, die sich bis zum 23. Dezember melden können, filtert der neunköpfige Wahlausschuss wohl drei Kandidaten heraus, am Ende entscheidet die Mitgliederversammlung am 22. März 2025. Mit Allgaier pflegt Wehrle einen guten, aber nicht besonders engen Arbeitskontakt. Gleichwohl kursiert hartnäckig die These, der machtbewusste Vorstandschef wünsche sich den Landrat als pflegeleichten, vor allem aufs Repräsentieren bedachten Präsidenten.

Beraterverträge des VfB rücken in den Fokus

Vor diesem Hintergrund ist wohl zu erklären, dass plötzlich – eigentlich interne – Informationen über Beraterverträge der VfB AG die Runde machen. Da geht es um einen einstigen Kommunikationschef des FC Bayern München, der nun für die Stuttgarter tätig sei – erst für Claus Vogt und dann für Wehrle. Ergänzend zum VfB-eigenen Mediendirektor soll er dem Vernehmen nach besonders die deutschlandweite Wahrnehmung des Clubs in den Blick nehmen. Offiziell gibt es dazu nur allgemeine Auskünfte: Wie fast jedes große Unternehmen hole man sich „in unterschiedlichen Bereichen manchmal Rat und eine zweite Meinung von Experten ein“. Das sei nur professionell und im Sport ebenso üblich wie in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft. Zu konkreten Namen könne man nichts sagen.

Schulz’ Bibel war der „Kicker“

Das gilt auch für einen bekannten Namen, den man im Umfeld des VfB nicht unbedingt erwarten würde: Martin Schulz (68), der SPD-Mann aus Nordrhein-Westfalen, der in der Politik eine beispiellose Kombination aus Höhenflug und Absturz erlebte. Als Kanzlerkandidat entfachte er 2017 kurzzeitig eine einmalige Euphorie und wurde mit sagenhaften 100 Prozent zum Parteichef gekürt. Nach dem Wahlergebnis von miesen 20,5 Prozent sank sein Stern genauso schnell wieder, heute ist er Chef der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Seit Jugendtagen ist Schulz zudem Fußballfan. „Meine Bibel war der ,Kicker‘“, erzählte er einmal.

Martin Schulz als Experte für Internationales

Tatsächlich war der Genosse nach Informationen unserer Zeitung noch bis vor kurzem beratend für den VfB tätig. Man kennt sich vom 1. FC Köln, wo Schulz einst Mitglied im Beirat und Wehrle vor dem Wechsel nach Stuttgart Geschäftsführer war. Bleibende Verdienste erwarb sich der SPD-Mann, als er im Ringen um die Rückholung eines Spielers aus China seine internationalen Kontakte einsetzte: Nach Ärger mit seinem chinesischen Club um ausbleibende Zahlungen kehrte Anthony Modeste, einst für eine Millionen-Ablöse „verkauft“, nach Köln zurück. „Ich habe in China ein paar Verbindungen“, erklärte Schulz seinen Erfolg.

Seine internationalen Kontakte waren es auch, die sich der VfB Stuttgart zunutze machte. Gefragt war sein Rat im Rahmen der Strategie zur Internationalisierung, gegen ein – wie man hört – übliches, nicht üppiges Honorar. Einmal hielt der ehemalige SPD-Chef bei einer Clubveranstaltung sogar eine Rede. Inzwischen endete die Zusammenarbeit, weil Martin Schulz gesundheitsbedingt kürzer treten musste. Eine Anfrage an ihn blieb zunächst ohne Reaktion. Als „Munition“ gegen den angeblichen Allgaier-Förderer Wehrle taugt das indes wenig.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann legte die Latte für den künftigen Präsidenten übrigens schon mal hoch. Als es um die Parallele zu Mayer-Vorfelder ging, merkte er an: „Unter dessen Ägide wurde der VfB Deutscher Meister.“ Der unausgesprochene Appell an Allgaier: bitte nachmachen!

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