Landratswahl Ravensburg Harald Sievers folgt auf Widmaier

Von Wolfgang Messner 

Die Nachfolge von Kurt Widmaier ist geregelt: Harald Sievers wird neuer Landrat des Kreises Ravensburg. Der 39-jährige Beigeordnete der nordrhein-westfälischen Stadt Düren besiegte bei der Kreistagssitzung seinen Kontrahenten Martin Bendel.

Leutseliger  Duodezfürst:  nach 16 Dienstjahren als Landrat von Ravensburg geht Kurt Widmaier im Mai in den Ruhestand. Foto:  
Leutseliger Duodezfürst: nach 16 Dienstjahren als Landrat von Ravensburg geht Kurt Widmaier im Mai in den Ruhestand. Foto:  

Ravensburg - Harald Sievers wird neuer Landrat im Kreis Ravensburg. Der 39-jährige Beigeordnete der Stadt Düren (Nordrhein-Westfalen) setzte sich bei der Kreistagssitzung am Donnerstag in Weingarten (Kreis Ravenburg) überraschend klar gegen den Leutkircher Bürgermeister Martin Bendel (42) durch. Von den 69 anwesenden Kreisräten votierten 41 für Sievers, 27 gaben Bendel ihre Stimme. Ein Kreisrat enthielt sich.

Sievers tritt im Mai die Nachfolge von Kurt Widmaier an, der 16 Jahre lang den flächenmäßig zweitgrößten Landkreis im Südwesten regiert hatte. Im November 1999 kam er ins Amt. Im Mai, wenn er das 65. Lebensjahr erreicht hat, scheidet er aus.

Widmaier galt als volksnah, klug und milde. Der aus Aulendorf stammende Christdemokrat pflegte das Bild eines gutmütigen Provinzpotentaten, der mit gleicher Leichtigkeit sowohl die Provinzbühne als auch das große Welttheater zu bespielen schien – als Vorsitzender der Verbandsversammlung der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW) und als Vorsitzender des Verwaltungsrates beim gleichberechtigten Hauptaktionär der Energie Baden-Württemberg (EnBW).

Der Münsterländer brauchte den Job dringender

Das Rennen im unter den weithin unbekannten Juristen Sievers und Bendel galt lange Zeit als offen. Zuletzt war erkennbar, dass der smarte Sievers erstaunlich viel Boden gut gemacht hat und das Lokalkolorit dem Allgäuer Bendel nicht so viel zu helfen schient, wie Beobachter zunächst geglaubt hatten.

Der gebürtige Münsterländer brauchte den Job dringender, denn die in der 90 000-Einwohner-Stadt Düren regierende SPD-Grünen-FDP-Ampel hatte angekündigt, ihn in diesem austauschen zu wollen, obwohl er die Stadtfinanzen saniert hat. Doch auch der als bieder geltende Bendel strebte schon länger nach höheren Aufgaben. Im Jahr 2009 hatte er sich in Rottenburg erfolglos um das OB-Amt beworben.

Angesichts der beiden Verlegenheitskandidaten hatte sich zwischen Allgäu und Schussental Ratlosigkeit breit gemacht. Der Ausgang der Wahl war selbst Insidern bis zuletzt nicht klar. Normalerweise waren die Karten schon verteilt bei der als „Kungelwahl“ verschrieenen Veranstaltung, bei der nicht der Wähler der Souverän ist, sondern die Mehrheit des überwiegend mit Bürgermeistern besetzten Kreistages das Sagen hat.

Bendel setzte erfolglos auf seine heimatliche Verwurzelung

Offenkundig hat Sievers sein CDU-Parteibuch im tiefschwarzen oberschwäbischen Landstrich geholfen, jedoch wusste er mit Gewitztheit und Charme zu überzeugen, während sein in Riedlingen (Kreis Biberach) geborener Kontrahent Bendel seine heimatliche Verwurzelung und größere Sachkenntnis letztlich erfolglos in die Waagschale warf.

Denn offenkundig kam der spritzigere Auftritt von Sievers besser an. So geschah es, dass die konservative Mehrheit sich zu einem seltenen Schritt aufraffte. Sie wählte zwar einen Schwarzen, hievte aber dennoch einen Auswärtigen, einen Reig’schmeckten in das wichtige Amt in ihrem Landstrich.

In ihrem Kernland Oberschwaben leidet die CDU seit längerem unter Nachwuchsproblemen. So hat sie es nicht fertig gebracht hat, einen ihrer parteiinternen Hoffnungsträger auf den Schild zu heben. Der hoch gehandelte Michael Lang, OB in Wangen, wie auch der Bad Wurzacher Bürgermeister Roland Bürkle winkten bereits im Vorfeld ab. Dem dritten Kandidaten, dem CSU-Mann Hans-Eckhard Sommer, Ministrialrat im bayerischen Innenministerium und ehemaligen Referenten der Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Günther Beckstein, wurde parteiintern früh bedeutet, dass er keine Chance habe. Kurz vor der Wahl zog er seine Kandidatur zurück.

Landrat scheint kein Erbhof mehr zu sein

Es scheint anders als früher schwieriger geworden zu sein, geeignete Kandidaten zu finden. Das Ansehen der Landräte hat Risse bekommen, seit Tilman Bollacher in Waldshut nach nur einer Amtszeit von rebellierenden Bürgermeistern gestürzt wurde und sich in Biberach der parteilose Heiko Schmid in eine zweite Periode zittern musste. Selbst ein früher viel beneidetes Amt wie das von Widmaier wird zusehends kritisch gesehen. Denn der leutselige Prinzipal hinterlässt seinem Nachfolger ein belastetes Erbe.

Die millionenschwere Sanierung der Oberschwabenklinik (OSK) ist nicht beendet. Die Schließung der beiden Krankenhäuser in Leutkirch und Isny hat viel böses Blut hinterlassen, und die seit der Kreisreform 1972 vermeintlich zugeschütteten Gräben zwischen dem Allgäu und dem Schussental neu aufgerissen. Bei der OEW fehlt den Landvögten der Plan, was sie mit der EnBW eigentlich wollen, außer üppige Dividenden zu kassieren. Zuletzt blieben auch die aus.

Einfacher Bewerber aus dem Volk werden mit hohen Hürden abgeschreckt. Kaum jemand schafft es in die Endauswahl, der nicht mindestens eine Ausbildung im gehobenen Verwaltungsdienst, ein Jurastudium und Führungserfahrung im gehobenen kommunalen Bereich vorweisen kann. Beides überprüft ein Wahlausschuss des Kreises sowie das Innenministerium. Bei der Wiederwahl von Lothar Wölfe (CDU) im Bodenseekreis fiel so ein Angestellter im Rathaus Immenstaad durch das Raster.

Ein aussortierter Kandidat sieht „chinesische Verhältnisse“

In Ravensburg sind drei Kandidaten sofort aussortiert worden – darunter Stefan Kaiser ein Kandidat der Satire-Partei „Die Partei“ und auch Made Höld, ein stadtbekanntes Faktotum und Vorsitzender des Vereins „Freunde der Räuberhöhle“. Der Druckermeister hatte sich gemeldet, weil das Lokalblatt die Werbetrommel rührte, als sich keine Kandidaten für die Landratswahl einstellten. Jetzt fühlt sich der Endvierziger an „zutiefst undemokratische Vorgehen Chinas“ bei den Wahlen in Hongkong im Herbst 2014 erinnert.

Der Bürger könne nur noch unter Juristen wählen, klagte Höld, der für eine Direktwahl wie in Bayern plädiert. Die Behörden hätten offenkundig „wenig Vertrauen in das Urteilsvermögen der gewählten Kreistage“. Die ansehnliche Anzahl von Bürgermeistern in den Kreisräten sei hingegen kein Problem. Dabei sei es doch die Aufgabe des Landrates, die Kommunen zu überwachen. Doch von eben deren Repräsentanten, den Bürgermeistern, werde ein Landrat im Südwesten überwiegend bestimmt.