InterviewLandschaftsarchitekt Hans Luz "Wir leben in einer Stadt der Gärten"

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Niemand hat Stuttgart grüner gemacht als der Landschaftsarchitekt Hans Luz. Nun ist er 85 Jahre alt und blickt kritisch in die Gegenwart.

Hans Luz im Wintergarten seiner Wohnung: „Ich lebe gerne hier.“ Foto: Heinz Heiss
Hans Luz im Wintergarten seiner Wohnung: „Ich lebe gerne hier.“ Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Hans Luz betrachtet seine Umwelt von einer höheren Warte aus - er wohnt im zwanzigsten Stock eines Asemwalder Wohnriesen. Unten auf dem Birkacher Feld hat er einst eine Landschaftsgärtnerei gegründet, die er zu einem herausragenden Planungsbüro kultivierte. Der Gartenbaukünstler Luz hat Stuttgarts Grünanlagen im 20. Jahrhundert geprägt. Jetzt ist er 85 geworden. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Herr Luz, haben Sie schon einmal ausgerechnet, wie viel Lebenszeit Sie in diesem Hochhaus im Aufzug verschwendet haben?

Nein. Aber ein Bekannter hat mir zum Geburtstag geschrieben, dass mein Herz bereits zweieinhalb Milliarden Mal geschlagen hat. Diese Zahl beeindruckt mich.

Sind Sie beleidigt, wenn ich feststelle, dass Sie in einem unschönen Gebäude wohnen?

Ich lebe gerne hier im Asemwald. Vom Wohnzimmer aus blicke ich auf die Alb, vom Schlafzimmer aus auf den Fernsehturm. Und ich kann mich in meinem Wintergarten sonnen. Mich ärgert jedoch, dass bei den Außenanlagen, die ich vor 40 Jahren geschaffen habe, nicht alles nach meinem Rat gepflegt und der Wald nicht regelmäßig ausgelichtet wurde. Aber das soll sich jetzt erfreulicherweise bessern.

Vielleicht glauben die Leute: Grün sollte man ganz natürlich wachsen lassen.

An dieser Vorstellung sind wir Planer nicht schuldlos, denn nach dem Krieg haben wir zu viel gepflanzt. Wenn Sie heute etwa die Rheintalautobahn entlangfahren, sehen Sie den Schwarzwald nur von Brücken aus. Axt und Säge sind eigentlich ein wichtiges Werkzeug der Landschaftsarchitektur.

Um weiteren Unmut zu vermeiden, sollen die alten Bäume, die im Schlossgarten dem geplanten Tiefbahnhof im Weg stehen, für viel Geld verpflanzt werden.

Das zeigt, dass es in dem Stuttgart-21-Planungsteam offenbar keinen kompetenten Landschaftsarchitekten gibt. Denn sehr alte, im Verband aufgewachsene Bäume kann man nicht verpflanzen.

Bereits Ihr Vater war Landschaftsarchitekt und galt als Gegenspieler von Paul Bonatz. Bonatz wollte mitten im Rosensteinpark eine Technische Hochschule bauen, Karl Luz hat gegen diese Pläne gekämpft. Nun werden dem Bonatz-Bahnhof die Flügel gestutzt, und der Park wird erweitert. Eine späte Genugtuung für die Gärtnerdynastie Luz?

Nein, ich hätte den alten Hauptbahnhof gerne vollständig erhalten. Stuttgart 21 ist eher ein Immobilienprojekt, bei dem jeder Quadratmeter Bauland wichtiger ist als die Parkerweiterung. Wenn man S21 noch verhindern könnte, wäre das gut für die Stadt.

Diese Meinung überrascht, Sie waren Ende der 90er Jahre als Berater der Stadt für das Projekt tätig. Warum der Sinneswandel?

Zunächst sah ich große Chancen für die Vergrößerung und Entwicklung des Parks, wenn der Bahndamm neben der Platanenallee verschwindet. Ich bin Landschaftsarchitekt, der Bahnhof mit seinen unterirdischen Gleisen hat mich damals überhaupt noch nicht interessiert. Im Laufe der Zeit musste ich erkennen, dass all mein Reden, Schreiben und Zeichnen sinnlos war. Jetzt entstehen auf dem A-1-Gelände, wo bald die neue Bibliothek eröffnet wird, triste Betonflächen statt begrünter Plätze und einer großzügigen Kastanienallee, die spätestens bei der Grundsteinlegung hätte gepflanzt werden müssen.

So sieht die Moderne aus.

Ach was. Es gab schon immer Planer, die am liebsten steinerne Flächen gestaltet haben. Deren Lieblingsargument lautet: Der schönste Platz Europas ist die Piazza del Campo in Siena. Stuttgarts Zentrum ist aber der Schlossplatz, der zur Hälfte aus Vegetation besteht. Wenn man beobachtet, wie gerne die Menschen sich dort aufhalten, müsste jedem klar sein, dass solche Landschaften zu unserer Identität gehören. Wir leben in einer Stadt der Gärten und Parks. Dieses kulturelle Erbe müssen wir pflegen und weiterentwickeln.

Der neue Tiefbahnhof wird im Schlossgarten unter einem Wall und Lichtaugen versteckt.

Ich habe den Architekten Christoph Ingenhoven gebeten, seine Pläne zu ändern, um zumindest die Durchgängigkeit des Parks zu verbessern. Er war zu keinem Kompromiss bereit. Herr Ingenhoven besitzt ein bewundernswertes Selbstvertrauen, für ihn zählt nur das eigene Kunstwerk. Mir kann's eigentlich egal sein, weil ich die Einweihung seiner Superstation nicht mehr erleben werde. Aber es tut mit leid für meine Heimatstadt, in der 20 Jahre lang Unfrieden herrschen wird und die mehr als ein Jahrzehnt unter einer gigantischen Baustelle zu leiden hat.

Die Stuttgart-21-Befürworter sagen, ein Kopfbahnhof sei nicht zeitgemäß.

Ich sage: Ein Durchgangsbahnhof hätte von Anfang an in die Cannstatter Neckartalaue gehört, wo es eben und breit ist, und nicht in den sumpfigen Innenstadtkessel.

Von hier oben sehen wir die neue Messe, die ebenfalls umstritten war. Nun spricht keiner mehr über die angeblichen Nachteile.

Die neue Messe ist ein gutes Beispiel dafür, was aus einer Planung oft wird. Im Wettbewerbsentwurf war eine bequeme Verbindung für Fußgänger und Radfahrer von Plieningen nach Echterdingen enthalten. Stattdessen haben wir jetzt ein quer über die Autobahn ragendes Parkhaus, das für Fußgänger und Radfahrer ein Hindernis ist.

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