Landschaftsarchitektur und IBA ’27 Mit wenig Mitteln die Stadt umkrempeln

Von Dietrich Heißenbüttel 

Landschaftsarchitektur hat keine Lobby – trotzdem sind Grünzonen für eine gesunde Stadtstruktur und damit auch für die Internationale Bauausstellung IBA ’27 extrem wichtig. Das haben Experten bei einer Debatte im Stuttgarter Hospitalhof hervorgehoben.

Der Leibfriedsche Garten wurde im Zuge der Internationalen Gartenbauausstellung 1993 in Stuttgart eröffnet und schloss die Lücke im sogenannten Grünen U. Foto: Kraufmann
Der Leibfriedsche Garten wurde im Zuge der Internationalen Gartenbauausstellung 1993 in Stuttgart eröffnet und schloss die Lücke im sogenannten Grünen U. Foto: Kraufmann

Stuttgart - Falls es am Promifaktor gelegen haben sollte, dass das 11. Landschaftsarchitektur-Quartett der Architektenkammer Baden-Württemberg in den großen Saal des Hospitalhofs verlegt werden musste, so wurde das Publikum enttäuscht: der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau und der Architekt Stefan Behnisch hatten sich krankgemeldet. Der eingesprungene Stadtplaner Franz Pesch hatte wie immer viel beizutragen, nur nicht unbedingt fundamental Neues, schließlich begleitet er seit 25 Jahren die Debatten zur Entwicklung der Region. Denn anders als sonst sollte es diesmal nicht um drei konkrete Projekte gehen, sondern um die allgemeine Frage, welche Rolle die Landschaftsgestaltung bei der IBA ’27 Stadtregion Stuttgart spielen soll. Dazu waren die Diskutanten – Pesch ausgenommen – und der Moderator Wolfgang Niess tagsüber im Kleinbus von Hügel zu Hügel gefahren: von der Karlshöhe bis zum Korber Kopf, um sich die Region von oben anzusehen.

Fulminant: der Baukultur-Experte Reiner Nagel

Von der Flughöhe sprach der Landschaftsarchitekt Christof Luz schon in seiner Einleitung: Die Region als Ganze betrachtet sei von einer „extremen baulichen Entwicklung“ gekennzeichnet, aber: „Man hat den Eindruck, dass dies ziemlich ungesteuert abläuft.“ Von den Freiräumen wolle er gar nicht erst anfangen: „Sie sind fast immer eine Katastrophe.“ Wie es anders geht, hatte sein Vater mit dem Grünen U bei der Internationalen Gartenschau 1993 gezeigt. Darauf wies Kamel Louafi hin, aus Algerien stammender Landschaftsarchitekt, der durch die Gärten der Expo 2000 in Hannover bekannt geworden ist. Grünzüge überbrücken Straßenschneisen und andere Barrieren – und schon ist ein Zusammenhang da, der im Gerangel der unterschiedlichen Zuständigkeiten oft fehlt. Freilich: Kennt Pesch die Region Stuttgart wie seine Westentasche, so fehlte Louafi die nötige Ortskenntnis, um so von oben herab lokale Stuttgarter Probleme richtig einordnen zu können. So war es Reiner Nagel vorbehalten, dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Baukultur, in einem fulminanten Einführungsvortrag Probleme und Lösungsansätze auf den Punkt zu bringen.

Königsdisziplin ohne Lobby

Landschaftsarchitektur sei die Königsdisziplin, um die widerstrebenden Interessen und Zuständigkeiten unter einen Hut zu bringen. Sie könne mit wenig Mitteln viel erreichen. So habe der Berliner Gleisdreieck-Park mit Investitionen von zwei Millionen Euro „die ganze Stadt umgekrempelt“. Während Gebäude vielleicht hundert Jahre hielten, sei Landschaft das, was bleibt: Berge, Hügel, Gewässer sind prägende Elemente, an denen sich die Verkehrsachsen orientieren, um die sich die Bebauung gruppiert. Landschaftsarchitektur sei „extrem wichtig und relevant“, habe nur keine Lobby. Nagel hofft, dass sie im IBA-Prozess wenigstens eine Rolle spielt.

Und was sagt der IBA-Intendant Andreas Hofer dazu? Er ließ sich das Mikrofon einige Zeit vor die Nase halten, bevor er sich zu einer Antwort durchrang. Er denkt eigentlich anders herum: vom Kleinen zum Großen. Er sprach auch von einer „Schlangengrube“, stimmte dann in anderen Worten doch Nagel zu. Der hatte als goldene Regel genannt, jede Veränderung müsse eine Verbesserung bedeuten. In Hofers Worten: „Wir müssen aufhören zu planen und beginnen zu reparieren.“