Landtag in Baden-Württemberg AfD will Kulturbetriebe auf Migranten hin durchleuchten

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Die AfD will wissen, welche Staatsangehörigkeiten die Künstler in den Bereichen Ballett, Schauspiel und Oper auf staatlichen Bühnen im Land haben. Die Staatstheater Stuttgart zeigen sich irritiert.

Die Staatsoper in Stuttgart – die AfD will wissen, wie viele Migranten hier als Künstler beschäftigt sind. Foto:  
Die Staatsoper in Stuttgart – die AfD will wissen, wie viele Migranten hier als Künstler beschäftigt sind. Foto:  

Stuttgart - Die AfD interessiert sich für die Staatsangehörigkeiten der an staatlichen Theatern beschäftigten Künstlern in Baden-Württemberg. In einer Landtagsanfrage fordert die AfD die Offenlegung, wie viele Balletttänzer, Schauspieler, Sänger und Musiker in der Oper keinen deutschen Pass besitzen. Außerdem will die Partei wissen, welche Staatsangehörigkeit die Künstler haben und wo sie ausgebildet wurden.

Welche Absicht verfolgt die AfD mit dem Antrag, der schon vor einigen Wochen gestellt wurde, aber nun eine Diskussion losgetreten hat? Rainer Balzer, der stellvertretender Fraktionschef der AfD, begründet den Vorstoß so: „Die Frage nach der Staatsangehörigkeit der Künstler zielt vor allem auf eine realistische Bestandsaufnahme des Status quo und auf eine Einschätzung der Qualität der eigenen Nachwuchskünstler im internationalen Vergleich ab.“

Tatsächlich könnte aber etwas mehr dahinterstecken. Die Anfrage ist zwar die erste ihrer Art in Westdeutschland. Im Osten hat es aber bereits mehrfach ähnlich formulierte Forderungen gegeben, den staatlichen Kulturbetrieb zu durchleuchten.

Zum Kulturbegriff der AfD gehört etwa ein Fokus auf deutsche Werke. Marc Jongen, der als Chefideologe der AfD gilt, sagte etwa im Januar 2017: „Es wird mir eine Freude sein, die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen.“

Der Groll über die AfD sitzt tief

Das Kunstministerium sieht sich in der Pflicht, dem Anliegen der AfD nachzukommen und die Frage nach der Herkunft der Künstler zu beantworten. „Auf der Grundlage unserer Landesverfassung haben alle im Landtag vertretenen Fraktionen das Recht, Anfragen zu formulieren“, sagt Roland Böhm, Pressesprecher des Ministeriums. Die Beantwortung der Anfrage der AfD zu den Staatsangehörigkeiten von Künstlern werde gerade bearbeitet. Für sehr sinnvoll hält man das Prozedere dort aber offenbar nicht.

„Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Kunst-und Kulturlandschaft in Baden-Württemberg über die Landesgrenzen hinaus und europaweit als wichtiger Impulsgeber gilt“, sagt Böhm. Sie sei sowohl regional als auch international ausgerichtet, beherberge einmalige Kulturgüter, viele Einrichtungen seien weltweit vernetzt. „Wir beheimaten in Baden-Württemberg hervorragende Künstlerinnen und Künstler aller Sparten aus allen Ländern.“ Diese Ausrichtung stehe für die Vielfalt der Kulturszene und für Toleranz und Weltoffenheit.

Marc-Oliver Hendriks sieht das ganz ähnlich. Der geschäftsführende Intendant der Staatstheater Stuttgart, dem mit über tausend Mitarbeitern größten staatlichen Kulturbetrieb in Baden-Württemberg, sagt, man sei „ein den darstellenden Künsten verpflichtetes, weltzugewandtes Theater, das Künstlerinnen und Künstlern aller Kontinente Heimat ist“.

Der Groll über die AfD-Anfrage ist in Stuttgarts staatlichen Kulturbetrieben aber durchaus größer, als es diese eher zurückhaltende Aussage vermuten lässt. Das zeigte sich unter anderem bei einem Treffen unterschiedlicher Kulturschaffender im Theater Rampe am Marienplatz vor wenigen Wochen. Dort kritisierten Vertreter der Staatstheater auf offener Bühne die AfD.

Migranten-Listen müssen erst angefertigt werden

Intern gibt es seit der Anfrage auch Überlegungen, in die Offensive zu gehen. Manche der Beschäftigten würden sich wünschen, dass die Staatstheater Stuttgart klarer Kante zeigten. Sie sehen in dem Vorstoß der AfD einen Angriff auf die Kulturvielfalt. „Wir müssen uns dagegen wehren“, sagt ein Mitarbeiter der Staatstheater Stuttgart.

Laut Thomas Koch, dem Kommunikationschef der Staatstheater Stuttgart, wird dem Gesuch der AfD auf Weisung des Kunstministeriums trotz interner Widerstände Folge geleistet. Der Stuttgarter Kulturbetrieb könne die Frist einhalten, in den nächsten Wochen werde die Auswertung auch fertig sein. Da die Staatstheater aber niemals Buch über die Herkunft der Künstler geführt hätten, wäre der Aufwand, jetzt entsprechende Listen anfertigen zu müssen – hypothetisch gesprochen – immens. Die Staatstheater stimmten sich derzeit mit dem Kunstministerium ab, wie weiter vorgegangen werde.

Die Beziehung zwischen der AfD und den Stuttgarter Staatstheatern ist aus der Vergangenheit etwas vorbelastet. Während den von der AfD offen unterstützten, sogenannten „Demos für alle“, die sich gegen die Gleichberechtigung sexueller Minderheiter in Stuttgart formiert hatte, setzte die Oper bei einer Abschlusskundgebung 2015 ein Zeichen: ein überdimensioniertes Regenbogen-Transparent mit der Aufschrift „Vielfalt“. Jetzt scheint der Kulturkampf in die nächste Runde zu gehen.