Stuttgart - Es war eine Begegnung der ungewohnten Art für Manuel Herder. Sonst steht der Chef des Freiburger Herder-Verlages meist im Mittelpunkt, wird umschwärmt und hofiert. Doch bei einer Tagung zur Weiderind-Haltung in Bernau im Hochschwarzwald musste er sich erst bekannt machen. In der Mittagspause stand der Grünen-Abgeordnete Reinhold Pix mit dem Agrarminister und Experten an einem Stehtisch, als sich Herder von der Seite heranpirschte. Er wolle sich vorstellen, „ich bin ihr Nachfolger“, flachste er.
Doch der kernige Biowinzer vom Kaiserstuhl, der bei der Landtagswahl vom östlichen in den westlichen Freiburger Wahlkreis wechselt, fand das gar nicht lustig. Seine Nachfolge werde eine Frau antreten, die Grünen-Fraktionschefin aus Titisee-Neustadt, blaffte er zurück. Zudem verbitte er sich diese unpassende Form der Ansprache. Herder trat verdutzt den Rückzug an.
Bei der Szene im vorigen Herbst war der Verleger noch ziemlich neu auf dem politischen Terrain. Erst drei Wochen zuvor hatte ihn die CDU im Kurhaus am Titisee als Landtagskandidaten nominiert. Gleich im ersten Wahlgang gewann er klar gegen zwei Konkurrenten, eine Bauunternehmerin und einen Gewerkschafter. Vergebens strichen die beiden, schon lange in der Union engagiert, ihre Bodenständigkeit heraus. Sie hatten keine Chance gegen den Quereinsteiger mit dem großen Namen, der bestens vorbereitet war.
In den Wochen zuvor hatte er die Ortsvereine abgeklappert, bei den Vorstellungsterminen hielt er eine wohlkomponierte, professionell vorgetragene Rede; auf manche wirkte sie etwas einstudiert. Tenor: Wenn die CDU Baden-Württemberg von den Grünen zurückerobern wolle, dann müsse das in diesem Wahlkreis gelingen. 2011 hatte Pix dort erstmals knapp das Direktmandat geholt, 2016 baute er den Vorsprung zur CDU kräftig aus, auf 39 zu 25,5 Prozent. Auch inhaltlich ging Herder die Ökopartei direkt an: Wer habe denn Rhein und Bodensee saniert und den sauren Regen neutralisiert? Richtig, die CDU. Sie sei auch berufen zur Rettung „unseres schönen blauen Planeten“, der zu Teilen ein ökologischer Sanierungsfall sei, wie Herder gerne sagt.
Zweiter Anlauf nach Stadtratswahl
Was zieht den 54-Jährigen, der alles hat und alles erreicht hat, in die Politik? Seine eigene Lesart geht so: Er habe im Leben viel geschenkt bekommen, Chancen und Menschen. Nun wolle er „unserem Land und den Menschen etwas zurückgeben“. Nach vielen Jahren als einfaches CDU-Mitglied – nur 1994 kandidierte er einmal als Stadtrat – habe er beruflich den Rücken frei, um sich zu engagieren. Der 220-jährige Traditionsverlag digitalisiert und stabil aufgestellt, das Tagesgeschäft an jüngere Führungskräfte übergeben, die 2016 mehrheitlich erworbene Buchhandelskette Thalia – dazu gehört seit 2018 auch Wittwer in Stuttgart – auf gutem Kurs: nun sucht der Verleger, dessen vier Kinder inzwischen auf eigenen Beinen stehen, eine neue Herausforderung. „Wenn ich Dinge angehe“, sagt er, „dann mit voller Hingabe.“
Ein herausragender Kandidat – in mehrerlei Hinsicht
Es ist keine kleine Aufgabe, den Wahlkreis zurückzuholen, auch für jemanden mit großem Namen. Herder in sechster Generation, der „Verleger der Päpste“, vorneweg Benedikts, mit besten Drähten in die katholische Kirche – das ist noch immer ein Pfund in dieser Gegend, zumindest bei den konservativen Älteren. Entscheidend aber sei der Trend, sagen CDU-Strategen, der jeweilige Kandidat mache allenfalls ein paar Prozentpunkte hin oder her aus. Herder geht also ein Risiko ein, muss mit heimlichem Händereiben rechnen, wenn es am Ende nicht klappt. Aber er ragt heraus unter den Bewerbern, nicht nur mit seiner Körpergröße von 1,92 Metern und der schlanken, sportlichen Statur. Sein Intellekt ist scharf, seine Ausbildung breit und international – den Magister machte er, nach Studium auch in Japan, zum Thema Unternehmensführung in Japanologie. Sein Auftritt ist geschliffen, trainiert in vielen Präsentationen mit Autoren, seine Sätze sind meist druckreif formuliert. Wirtschaftlich darf er, auch mit seinem Immobilienbesitz, als völlig unabhängig gelten, auf die Abgeordnetendiäten von gut 8200 Euro ist er gewiss nicht angewiesen.
Zuweilen fragen sich CDU-Leute, was jemanden mit diesem Hintergrund und Horizont in den Stuttgarter Landtag ziehe. Er müsse doch Größeres vorhaben, als nur Hinterbänkler zu werden in einem Parlament, dem ein Hang zur Durchschnittlichkeit und eine gewisse provinzielle Enge nicht fremd sind. Herder schweigt dazu klug – und spricht über den hohen Wert des Mandats in der Demokratie, auf welcher Ebene auch immer. Gälte es in einem Film die Rolle des Ministerpräsidenten zu besetzen: der smarte Verleger, der nicht nur elitär, sondern auch zugewandt wirken kann, würde darin eine gute Figur machen. In der echten Politik aber werden Seiteneinsteiger selten mit offenen Armen empfangen. Geht es um Posten, müssen sie sich hinten anstellen; schon ein von außen geholter Staatssekretär lässt die Landtags-CDU grummeln.
Motto: „Leben für die Leistung“
Wer aber ist dieser Manuel Herder, der so verbindlich von den Plakaten lächelt und seine Vita mit „Leben für die Leistung“ übertitelt? In Coronazeiten können sich die Wähler davon kaum ein direktes Bild machen – aber umso besser im Internet. Gekonnt bespielt der Verleger die digitalen Kanäle. Dort führt er zum Beispiel Interviews mit mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen, die gerne auch Autoren bei Herder sein dürfen; das jeweilige Buch hält er dann kurz in die Kamera. Da plaudert er etwa mit dem Benediktiner-Abt Johannes Eckert, mit dem Kanzlersohn Walter Kohl (Titel: „Welche Zukunft wollen wir?“) oder mit dem Ökonomen Hans-Werner Sinn (Titel: „Der Corona-Schock“).
Im Wirtschaftsleben, lässt Herder einfließen, unterscheide man zwischen „need to have“ und „nice to have“, also Notwendigem und nur Nettem. Letzteres habe es im Verlag schwer unter seinem Regiment, berichten alte Weggefährten. Ob es beim Personal, bei Honoraren oder sonst wo etwas einzusparen gebe – da komme der gelernte Controller in ihm durch. Der gleiche Herder, der Wärme, ja fast Güte in seinen Blick legen kann, entscheide da kaltblütig und emotionsfrei; manche Geschäftsfreundschaft sei darüber schon zerbrochen. Er sei ein „knallharter Unternehmer“ und kein großer Gewerkschaftsfreund, heißt es bei der Gewerkschaft Verdi. Jüngstes Beispiel: die Buchhandelskette Thalia, wo er der starke Mann im Hintergrund ist, verabschiedet sich gerade aus der Tarifbindung – unter Protest der Arbeitnehmer. Auch Verdi erkennt freilich an, wie groß der Umbruch in Verlagsbranche und Buchhandel ist – und dass harte Maßnahmen nötig sein können.
Glockengeläut als Klingelton am Handy
Von „hart“ spricht Herder nicht gerne, er nennt es lieber „konsequent“. Ohne diese Konsequenz stünde der Traditionsverlag heute nicht so stabil da, wäre womöglich weggefegt worden von den Stürmen des digitalen Wandels. Wie aber passt die Härte, die einen Zug ins Unbarmherzige haben kann, zu einem christlichen Verleger und Mitglied des Bundes katholischer Unternehmer, der eine Werteorientierung im Firmenalltag propagiert? Auf diese Frage lässt sich der Verleger nicht ein. Er wolle, heißt es, mit christlichen Überzeugungen nicht hausieren gehen.
Auch den Einwand, bei der Auswahl der Autoren zähle vor allem der Erfolg am Markt, lässt er nicht gelten. Wenn ihn ein Buch inhaltlich überzeuge, dann setze er alles daran, es zum Erfolg zu machen. Wenn es eines Tages um die Memoiren von Angela Merkel ginge, wäre Herder gewiss nicht abgeneigt. Das Buch hätte das Zeug zum Millionenseller, und Merkel ist schon Autorin im Verlag; „Machtworte“ heißt der Reden-Band von 2010. Die „erste Päpstin“ im Verlag der Päpste – das würde passen. Zum Image passt auch der Klingelton beim Handy von Manuel Herder. Das Geläut von Kirchenglocken ertönt, wenn ihn jemand zu erreichen versucht – ein Aha-Effekt auch für manche Parteifreunde. „Jetzt“, witzelt der Verleger dann gerne, „ruft der Papst an.“