Landtagsreise in die Ukraine Das lange Warten auf ein Foto mit Vitali Klitschko

Von Reiner Ruf 

Bei ihrer Reise durch die Ukraine macht die Delegation des baden-württembergischen Landtags die schmerzliche Erfahrung, dass der Föderalismus dort keine Freunde hat und Vitali Klitschko ein netter Mann ist.

Vitali Klitschko ist ehrlich erfreut über die „lieben Freunde“ aus Baden-Württemberg. Die  nehmen gerne ein Autogramm und ein Foto mit nach Hause. Foto: Reiner Ruf
Vitali Klitschko ist ehrlich erfreut über die „lieben Freunde“ aus Baden-Württemberg. Die nehmen gerne ein Autogramm und ein Foto mit nach Hause. Foto: Reiner Ruf

Kiew/Stuttgart - Die Möglichkeiten des baden-württembergischen Landtags zur Stabilisierung der Ukraine mögen begrenzt sein, aber ein Autogramm von Vitali Klitschko müsste sich doch ergattern lassen. Aber verdammt: wo bleibt Klitschko?

Aufgereiht wie die Hühner auf der Stange stehen die Abgeordneten des Innenausschusses samt Innenminister Reinhold Gall (SPD) in einem Konferenzsaal hoch oben im wuchtigen Bau des Kiewer Rathauses. Am Abend zuvor, beim Empfang in der Residenz des deutschen Botschafters Christof Weil, hatte sich der Champion Emeritus des Schwergewichtsboxens noch entschuldigen lassen. Seit seiner Wahl zum Bürgermeister von Kiew vor einem Jahr ist Klitschko ein viel beschäftigter Mann.

Verstohlene Blicke auf diskret entblößte Armbanduhren verraten: die Sorge nagt an den Gemütern der Parlamentarier aus dem fernen Stuttgart. Das Treffen mit der stellvertretenden Innenministerin wurde bereits abgesagt, lässt jetzt auch Klitschko sie im Stich? Die weiße Kassettendecke mit den prächtigen Kristallleuchtern, die himmelblauen Wände mit grünen Stoffeinlagen und die weiten Vorhänge schüchtern die Delegation ein.

Nur die Nase verrät den Boxer

Kiew, die Hauptstadt am Dnjepr ist eine Stadt mit durchaus imperialer Anmutung. Golden leuchten die Kuppeln der Kathedralen in der Maisonne. In ihrem Glanz entspricht die Stadt so gar nicht den Erwartungen der Abgeordneten, die immer wieder einträchtig konstatieren, wie sauber die Straßen doch seien. In Stuttgart sehe es vielerorts auch nicht besser aus, raunen sie sich zu. Kann es ein schöneres Lob geben?

Da kommt er, Vitali Klitschko. Also doch, groß, rank und schlank sieht er aus, gar nicht wie ein abgehalfterter Boxer. Mit erstaunlich feingliedrigen Händen, wie ein aufmerksamer Beobachter feststellt. Nur die etwas breite Nase verrät, dass der Bürgermeister in seinem Leben schon anderes tat, als Akten zu lesen. 87,27 Prozent von Klitschkos Gegnern im Ring gingen k. o., errechnete ein flinker Kopf. Aber um in der ukrainischen Politik zu überleben, braucht es mehr als eine starke Schlaghand aus sicherer Deckung. Die Dinge liegen etwas komplizierter.

Klitschko ist eine wichtige Figur im Machtspiel. Ohne ihn und seine Partei Udar wäre Petro Poroschenko nach den Euromaidan-Protesten kaum Präsident geworden. Aber der Unternehmer Poroschenko ist Milliardär, er zählt zur Riege der ukrainischen Oligarchen. Klitschko ist Millionär. Im Boxring kämpfte er als Schwergewichtler, in der Politik fightet er allenfalls in der Mittelgewichtsklasse. Den Deutschen freilich gilt er als unentbehrlicher Ansprechpartner. Und auch Klitschko wirkt ehrlich erfreut über die Besucher aus Baden-Württemberg, die er als „liebe Freunde“ begrüßt. Freunde, das macht er schnell klar, haben die an Europa orientierten Reformkräfte dringend nötig. „Ohne Unterstützung wird es für die Ukraine schwer werden zu überleben.“