Landtagswahl 2016 AfD-Stadtrat Fiechtner sticht seine Parteifreunde aus

Von Thomas Braun 

In der Stuttgarter Rathausfraktion der AfD durchaus umstritten, reüssiert der umstrittene Stadtrat Heinrich Fiechtner nun in Göppingen. Dort ergatterte er ein Landtagsmandat.

Heinrich Fiechtner zieht in den Landtag ein. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Heinrich Fiechtner zieht in den Landtag ein. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Für den Stuttgarter AfD-Stadtrat Heinrich Fiechtner muss der Wahlsonntag eine ganz besondere Form der Genugtuung gewesen sein. Der Onkologe, der im Stuttgarter Kommunalparlament und auch außerhalb, etwa in den sozialen Netzwerken, regelmäßig mit extremen Äußerungen provoziert, hat seinen Stadtratskollegen Bernd Klingler und Eberhard Brett, die in Stuttgart zur Landtagswahl angetreten sind, nun eines voraus: Er wird dem neu gewählten Landtag von Baden-Württemberg angehören – im Wahlkreis Göppingen erzielte der auch in den eigenen Reihen umstrittene Rechtsausleger der AfD-Fraktion im Rathaus mehr als 17 Prozent und rutschte dank des guten Ergebnisses via Zweitmandatsauszählung noch ins Hohe Haus.

Auf der gemeinsamen Wahlparty der Göppinger und Geislinger AfD gab sich Fiechtner am Sonntag gemäßigt im Vergleich zu seinen verbalen Ausfällen bei früheren Gelegenheiten. Die AfD müsse sich als liberale Kraft im Landtag etablieren, ließ er verlauten und fügte mit Blick auf die FDP hinzu: „Die wahren Liberalen, das sind wir.“ Fragen der StZ etwa zur Dreifachbelastung durch sein Doppelmandat als Stadtrat und Abgeordneter sowie seinen Beruf als Arzt ließ er am Montag allerdings bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Bernd Klingler verpasst ein Landtagsmandat nur knapp

In der Gemeinschaftspraxis an der Königstraße haben am Sonntag die Sektkorken jedenfalls nicht geknallt. Auf Anfrage erklärte Fiechtners Praxiskollege Gregor Springer, schon allein die Stadtratstätigkeit Fiechtners führe zu dessen häufiger Abwesenheit: „Wenn wir uns nun die zusätzliche Belastung durch das Vollzeitamt Abgeordneter vor Augen führen, fragen wir uns schon, wie viel Zeit dann noch für die ärztliche Tätigkeit übrig bleibt.“ Springer befürchtet, dass Fiechtner politische Karriere am Ende zu seinen Lasten gehen könnte.

Auf den Landtagsbänken, wo Fiechtner demnächst Platz nehmen darf, wäre auch Bernd Klingler gerne gesessen. Doch für den FDP-Dissidenten, der die Liberalen vor mehr als einem Jahr im Streit um finanzielle Unregelmäßigkeiten verließ und sich der AfD anschloss, hat es trotz seiner 15,3 Prozent im Wahlkreis Stuttgart-Nord nicht zum Mandat gereicht. „Es war taktisch klug vom Kollegen Fiechtner, sich einen Wahlkreis auszusuchen, indem die Struktur stimmt“, kommentiert Klingler den Erfolg des Fraktionskollegen in der Göppinger Hochburg der Rechtspopulisten.

AfD sieht sich besser aufgestellt als die Republikaner

Am Ende lagen im Regierungsbezirk Stuttgart bei der Auszählung der Zweitmandate nur drei AfD-Kandidaten vor ihm. Immerhin kann sich Klingler ans Revers heften, den langjährigen CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler um sein Mandat gebracht zu haben. Die von der CDU zur AfD abgewanderten Wähler haben letztlich dem grünen Umweltminister Franz Untersteller zum Sieg verholfen, der am Ende mit 30,7 Prozentpunkten die Nase deutlich vor Löffler hatte (23,5 Prozent). Das war zwar nicht unbedingt Klinglers vorrangiges Ziel, aus seiner Genugtuung macht der AfD-Mann aber keinen Hehl: „Herr Löffler hat mich im Wahlkampf mehrfach unfair angegangen, das war teilweise niederträchtig.“

Reinhard Löffler rechtfertigt sich: Er habe nur gesagt, dass jemand, der auf Flüchtlinge schießen lassen würde, für ihn eine Unperson sei. Löffler will nun der Politik den Rücken kehren und sich wieder mehr auf seinen Beruf als Rechtsanwalt konzentrieren.

Auf Platz zwei im parteiinternen Ranking der Stuttgarter AfD landete der Rechtsanwalt Eberhard Brett, der im Wahlkreis Stuttgart IV zwölf Prozent erreichte. Dirk Stroeder lag im Filderwahlkreis mit 10,6 Prozent der Stimmen gleichauf mit dem SPD-Bewerber Ergun Can. Lediglich Alexander Beresowski blieb im Wahlkreis Stuttgart I mit sieben Prozent im einstelligen Bereich – er erzielte landesweit das schlechteste Ergebnis aller AfD-Bewerber.

Dass die AfD selbst nicht mit einem solchen Wahlergebnis gerechnet hatte, lässt sich einer Pressemitteilung des Kreisverbands entnehmen. Darin ist die Rede von einem „überraschenden Erfolg“, zu dem auch die Attacken auf Infostände der Partei im Wahlkampf beigetragen hätten.

Für Parteisprecher Klingler kommt es nun darauf an, „dass wir den Vertrauensvorschuss, den uns der Wähler gegeben hat, nicht leichtfertig verspielen“. Dass sich die Partei wie ihre Vorgänger aus dem rechten politischen Spektrum im Parlament rasch entzaubern wird, glaubt er nicht: „Wir sind viel besser aufgestellt als es die Republikaner je waren.“

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